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Der Reiter der Apokalypse

Er ist einer der umstrittensten Schauspieler Deutschlands: Ben Becker. Anlässlich der Veröffentlichung seiner Bibel-DVD spricht der 43-Jährige im stern.de-Interview über seine Exzesse, sein Verhältnis zu Gott und den drohenden Weltuntergang.

Wie sieht Gott aus, Herr Becker?

Das weiß ich nicht. Das würde ich auch für mich behalten, weil es eine sehr persönliche Beziehung ist, die niemanden etwas angeht.

Wie kommt der plötzliche Kontakt mit der Bibel zustande? Sie sind ja in einem atheistischen Haushalt aufgewachsen?

Ja, stimmt! Ich bin auch nicht getauft. Als Schüler habe ich aber trotzdem am Religionsunterricht teilgenommen. Vornehmlich, weil es dort um aktuelle soziale Geschichten ging, die nicht so verstaubt daherkamen.

Aber was war der konkrete Anstoß für das Projekt vor drei Jahren?

Ich bin immer auf der Suche nach neuen Themen. Was interessiert mich, was ist spannend, wie kann ich mir einen neuen Abend für das Theater "basteln"? Irgendwann stieß ich auf das Buch der Bücher – die Bibel. Und bitte nicht lachen: Dazu kam Dolly Partons Song "He's alive". Ich wollte einmal die Showtreppe hinunterschreiten und diesen Song intonieren. Die beiden Komponenten, das Lied über die Wiederauferstehung und dieses großartige Buch, waren die Initialzünder.

Wer hat sie theologisch unterstützt?

Ich habe einen Fotoassistenten kennengelernt, der Theologe ist. Mit dem saß ich nächtelang in der Küche. Er wollte, dass ich bekehre – ich wollte die Show und Emotionen. Da sind öfter die Fetzen geflogen. Ben Becker als Bekehrer, das wäre dann doch zu blasphemisch.

Ihre Gestik wirkt wie die eines TV-Predigers aus den USA. Absicht oder Zufall?

Nun, ich lese ja auch nicht Micky Maus. Als Schauspieler habe ich weder Angst vor Pathos noch vor Kitsch. Natürlich habe ich bei Charlton Heston, James Brown und Aretha Franklin geklaut – mit Absicht. Ursprünglich wollte ich beim Verlesen der Arche Giraffen und Elefanten über die Bühne laufen lassen. Das hat leider den finanziellen Rahmen gesprengt. Ich möchte die Leute ja schließlich nicht langweilen, ein guter Pfarrer bringt auch eine mitreißende Predigt.

Sehen Sie eigentlich eine Verbindung zwischen dem religiösen Johnny Cash, den Sie covern, und sich?

Cash war ein Bad Boy und Mann großer Emotionen – da gebe ich mir auch Mühe. Ich will mich nicht auf eine Stufe mit Johnny Cash setzen, aber das Rebellische und seine Intensität brodeln auch in mir.

Sie sagten einmal, es sei Ihnen scheißegal, was andere über Ihren Auftritt als Prediger denken.

Scheißegal ist es mir nicht. Wenn jemand meine Kunst nicht mag, dann kann ich mich nur nicht stundenlang mit ihm auseinandersetzen, dann würde ich mich selbst ja demontieren.

Von wem nehmen Sie konstruktive Kritik an?

Unterschiedlich. Von Otto Sander, auch von meinem leiblichen Vater und meiner Band.

Gab es jemanden aus diesem Umkreis von Freunden, der überrascht reagiert hat? Und Leute, die ihr Bibel-Projekt überhaupt nicht verstanden haben?

Überrascht ja, aber auf Unverständnis bin ich nicht gestoßen.

Sie treten auf dem Deutschen Katholikentag auf. Ein katholisches Blatt schrieb verwundert über "Bibel und Bratwurst" bei Ben Becker. Wie passt denn der Auftritt mit der Anti-Bekehrer-Haltung zusammen?

Ich habe mich nie aufgedrängt – ich wurde gefragt. Und darüber war ich, ehrlich gesagt, auch ziemlich überrascht. Aber ich bin neugierig und auch anarchistisch genug, um auch vor den Katholiken zu lesen.

Welche Stelle der Bibel hat Sie am tiefsten berührt?

Das ist eindeutig die Stelle der Kreuzigung. Auch als Atheist geht einem die Geschichte unter die Haut. Wie die Römer Jesus foltern, das hat etwas von Krieg, hungernden Kindern oder auch Guantánamo. Aber auch die Liebesgeschichte von Samson und Delilah ist wahnsinnig schön. Delilah, die verliebt ist und Samson trotzdem verrät, das hat mich auch an die eine oder andere Dame in meinem Leben erinnert.

Hätten Sie sich vorstellen können, das Projekt auch mit 20 Jahren zu machen? Oder muss man erst den holprigen Pfad des Lebens beschritten haben?

Vor fünf Jahren hätte ich Ihnen vielleicht einen Vogel gezeigt, wenn Sie mit diesem Projekt auf mich zugekommen wären. Also benötigt man wohl doch eine gewisse Reife.

Ihr Leben ist eine fortwährende Performance. Wie schwierig ist es, Kunst und Leben zu trennen?

Es kostet eine unglaubliche Kraft, als Gesamtkunstwerk durchs Leben zu marschieren. Ich kenne nur einen, der das kann: Udo Lindenberg. Ich selbst hatte immer den Traum von meinem Leben als Gesamtkunstwerk. Das kollidiert leider mit der Realität. Diese Kollisionen tun unheimlich weh, mit denen kann ich auch ganz schlecht umgehen.

Brauchen Sie Kollisionen als Antrieb? Um mit dem Propheten Jona zu sprechen: nicht wirklich. Aber man kommt nun mal nicht daran vorbei, das ist das Leben. Wenn man umfällt, muss man wieder aufstehen.

Sind Sie manchmal erschrocken über sich selbst?

Ja.

Wann?

Den größten Schreck hatte ich im letzten Jahr bei dem Zusammenbruch. Wie kann so ein sensibles Bürschchen wie ich so einen Scheiß machen? Das hat mir sehr wehgetan. Den Schmerz werde ich auch nicht mehr los, das ist ein Teil meiner Biografie. Ich bin auch oft ein trauriger Clown.

Sie haben fast die andere Seite betreten. War da eine Instanz, vielleicht Gott, die bei Ihnen war?

Ich bin ja kein spiritueller Spinner. Aber irgendeine Instanz war dort, die beruhigend war. Selbst das Wegdriften war ein unwahrscheinlich ruhiger Moment. Das muss man aber nicht jeden Tag haben. Zweimal reicht in meinem Leben – das nächste Mal ist dann wohl alles vorbei.

Ist Arbeit für Sie ein Lebenselixier? Schließlich standen Sie vier Wochen später wieder auf der Bühne.

Ja, auf jeden Fall erfüllt es einen therapeutischen Zweck. Ich werde demnächst aber wirklich mal eine längere Pause einlegen. Ich will vielleicht auch auswandern.

Wohin? Und nehmen Sie Ihre Band und die Familie mit?

Keine Ahnung. Vielleicht auf die Fidschi-Inseln. Aber die Band bleibt hier. Ob die Familie mitkommt, muss sie selbst entscheiden.

Ist Ben Becker ein hedonistischer Mensch, der die Lust und Lebensfreude in den Mittelpunkt stellt?

Das ist eigentlich sehr wünschenswert, aber das Leben ist aber auch ein zartes Pflänzchen, da muss man gut Acht drauf geben. Mann muss es regelmäßig gießen, aber nicht ertränken. Deshalb ist Hedonismus mit Vorsicht zu behandeln.

Wie wichtig ist es für Sie, Grenzen zu überschreiten? Gibt es überhaupt welche für Sie?

In der Kindheit wurden mir zu wenig Grenzen aufgezeigt. Ich musste meine Grenzen immer selbst herausfinden – so lange, bis ich mir die Finger verbrannt habe. Und das ist eigentlich gar nicht so gut. Ich wünschte mir manchmal, dass das anders gelaufen wäre. So muss ich jetzt einiges schmerzhaft erlernen. Ich bin vorsichtig geworden, was Grenzüberschreitung anbelangt.

In einem Interview sagten Sie, besonders die Berliner Medien wollen Sie in die Rolle des jungen Harald Juhnke drängen. Fühlen Sie sich gehetzt?

Ja. Bestimmte Boulevardmedien erfinden einen Ben Becker, den es gar nicht gibt. Meine reale Figur und die, die von den Medien erfunden wurden, haben gar nichts miteinander zu tun. Es ist sehr schade, so degradiert und benutzt zu werden. Und sehr verletzend.

Was sagt Ihre Tochter zum Prediger Becker?

Die schaut mit ihren sieben Jahren mal bei einer Probe vorbei. Die Show findet sie toll.

Glauben Sie nicht, dass viele Menschen die Show nur besuchen könnten, weil sie den nächsten Skandal von Ben Becker erwarten?

Diese Besucher würde ich enttäuschen. Trotzdem sind alle herzlich eingeladen.

Was sollen die Menschen nach der Show mitnehmen?

Um mit Herrn Schiller zu sprechen: Alle Menschen werden Brüder. Für einen Moment glücklich sein und sich vereinigen. Ansonsten sollte im besten Fall jeder über sich und sein Leben nachdenken.

In Österreich ist Ihre Hörbuchversion der Bibel als "Hörbuch des Jahres" ausgezeichnet worden. Hat Sie das überrascht?

Vor allem habe ich mich darüber sehr gefreut. In Österreich hat man als Schauspieler einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Gutes Handwerk bei einem Schauspieler achten die Österreicher mehr als die Deutschen.

Werden die Österreicher die Fußball-EM gewinnen?

Das wage ich zu bezweifeln ...

Wann waren Sie zuletzt in der Kirche?

Vor sieben Tagen.

Warum?

Wegen eines Fotoshootings. Ich bin kein regelmäßiger Kirchgänger. Wenn ich im Urlaub bin, besuche ich aber gern mal ein Gotteshaus. Einfach um die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Um Ruhe zu finden, dazu ist die Kirche da.

Sie haben neulich mal gesagt, die Apokalypse stehe unmittelbar bevor. Wie lange haben wir noch Zeit?

Ich bin nicht Nostradamus, aber wir bewegen uns schon auf die Zielgerade zu.

Was wird Ben Becker machen, wenn es so weit ist?

Das kriege ich wohl nicht mehr mit. Vielleicht werde ich ein weißes Pferd besteigen, so jedenfalls kommt Jesus daher, steht in der Bibel.

Interview: Thomas Soltau

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