Das Leben in der Hauptstadt ist hart. Zumindest, wenn man der siebenstündigen Dokumentation "Rap City Berlin" glaubt. Hier bleibt kaum etwas ausgespart. Weder intellektuell-ironische Szene-Kritiker, noch genitalgesteuerte Porno-Protagonisten. So entsteht auch ein umfassendes Bild des neuzeitlichen Elternhorrors. Von Johannes Gernert

Lutscher? Die harten Jungs aus der Hauptstadt bedienen alte Rollenklischees© Mantikor Entertainment
Es gibt durchaus so einiges, was man über die deutsche Hip-Hop-Szene derzeit gerne wüsste. Ein paar Monate nachdem Retorten-Rapper Massiv, den Sony BMG heranzüchten wollte, eine Kugel aus der Schulter entfernt wurde. Die Frage, was DJ Tomekk nach seinem Rauswurf aus dem RTL-Dschungelcamp eigentlich so gemacht hat, gehört nicht zwangsläufig dazu. Aber, meine Güte, wenn sie nun auf der neuen DVD "Rap City Berlin II" schon so ausführlich beantwortet wird: Er hat offenbar einige Zeit mit schwarzen Frauen im Arm in Strip-Clubs verbracht, ansonsten viel hochprozentigen Alkohol getrunken und sich gelegentlich ein bisschen selbst dafür bemitleidet, dass er damals (im Suff!) diesen Hitler-Gruß gezeigt hat, worüber von den bösen Medien dann prompt auch noch berichtet wurde. Deshalb ja der Rauswurf aus dem Camp.
Natürlich, das sei hier auch noch mal klargestellt: DJ Tomekk ist kein Nazi. Ausrufezeichen. Wie übrigens auch Joe Rilla nicht, der große, breite Hooligan mit der Glatze, in dessen Stücken der Osten rollt. Genauso wenig wie Fler, der sich zwar als reinstweißer "Deutscha Badboy" bezeichnet, aber eben auch: kein Nazi ist. Dasselbe gilt für ein paar andere, weniger bekannte Protagonisten der Szene.
Das wäre also schon einmal eine Erkenntnis der siebenstündigen Mammut-Dokumentation, die filmisch den Status Yo der deutschen Hip-Hop-Hauptstadt untersucht: Schuld an diesen Nazi-Vorwürfen, das legen gelegentlich eingeblendete Zeitungsausschnitte nahe, sind vor allem die Medien. Es mag zwar richtig sein, dass manchmal aus Frisuren von Plattenbau-Ossis hysterische Schlüsse gezogen werden. Und mit Sicherheit ist DJ Tomekk eher ein gelegentlich volltrunkener Volltrottel als ein Rechtsradikaler.
Dass trotzdem in einigen Tracks durchaus etwas schwelt, was geschichtsbewusste Gewissens-Rapper beunruhigen könnte, ignoriert die Dokumentation. Zumindest im Vorab-Zusammenschnitt für Preview-Publikum und Presse kommt die "Danke Deutschland!"-Bierhymne eines Porno-Rap-Vertreters nicht vor, der sich freut, dass "wir" wieder wer sind. Am Ende heißt es beiläufig: "Deutschland über alles - doch wir sind keine Nazis".
Statt auch diese Seite zu zeigen, bemüht sich die DVD um Abwehrreflexe. Die Haltung ist charakteristisch für die Herangehensweise der Filmemacher, der Berliner Filmproduktionsfirma Mantikor Entertainment. Sie beobachten aus der Binnenperspektive. Es ist eine umfassende Bestandsaufnahme daraus geworden, eine Art Bewegtbild-Enzyklopädie. Kaum ein verstaubter Tonstudiowinkel Berlins, den sie auslassen. Da sind die düsteren Blut-Rapper, die trotz satanischer Verse als gute Katholiken gelten wollen. Da treten synthetisch aufgepumpte Meister-Propper-Gestalten auf, die in ihren Stücken den Gebrauch von Bodybuilder-Drogen propagieren. Dazwischen laute Pöbel-Frauen, die auf die "verschwulte" Gesellschaft schimpfen. Und da sitzen auch intellektuelle Schauspieler-Künstler, die im ehemaligen Avantgarde-Theater der Stadt den eigenen Manager darstellen und sich darüber auslassen, wie sehr übersimplifizierte Images das aktuelle Rap-Geschäft beherrschen.
Der gängigste Image-Prototyp wird in der Dokumentation näher beleuchtet: Er trägt die Bezeichnung "Gangsta". Es gibt ihn in Berlin in mannigfaltiger Ausführung. Meist ist er in irgendeiner Form breit. Er präsentiert sich oft vor Plattenbautenkulissen – mit Kampfhund oder böse blickender Begleithorde. Manchmal sitzt er in seiner Wohnung und blättert zum Beweis der eigenen "Credibility" durch sein Vorstrafenregister, das er akribisch-buchhalterisch führt wie sonst nur Finanzbeamte Steuerakten. Dabei wird aufgezählt: "Haftbefehle, Entlassungen, alles da. Phantombilder." Um schließlich festzustellen: "Ich bin nicht drauf stolz, aber ich hab's gemacht."
Und was sie nicht alles gemacht haben. Raubüberfälle, versuchte Totschläge, Dealereien. "Der härteste Gangsta ist hier ein Nichts", stellt einer fest. In der Hauptstadt der Harten, im Zentrum der großen Klappen und glänzenden Knarren. Was noch einmal sehr deutlich den Kern der Massiv-Problematik vor Augen führt. Wer beständig behauptet, er sei ein übler Killer, der fordert damit früher oder später die heraus, die es wirklich sind. Zumindest, was das Gewaltpotential der Szene anbelangt, kann man nach dem DVD-Konsum beunruhigt feststellen: Da geht einiges. Auch wenn die Kosovo-Kämpfer und Sechs-Jahres-Verurteilten nur die Spitze des Muskelbergs verkörpern, scheint es fast verwunderlich, dass bisher alles so glimpflich ausging.