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26. Mai 2008, 13:00 Uhr

Sex, Drugs und Rap

Das Leben in der Hauptstadt ist hart. Zumindest, wenn man der siebenstündigen Dokumentation "Rap City Berlin" glaubt. Hier bleibt kaum etwas ausgespart. Weder intellektuell-ironische Szene-Kritiker, noch genitalgesteuerte Porno-Protagonisten. So entsteht auch ein umfassendes Bild des neuzeitlichen Elternhorrors. Von Johannes Gernert

Lutscher? Die harten Jungs aus der Hauptstadt bedienen alte Rollenklischees© Mantikor Entertainment

Es gibt durchaus so einiges, was man über die deutsche Hip-Hop-Szene derzeit gerne wüsste. Ein paar Monate nachdem Retorten-Rapper Massiv, den Sony BMG heranzüchten wollte, eine Kugel aus der Schulter entfernt wurde. Die Frage, was DJ Tomekk nach seinem Rauswurf aus dem RTL-Dschungelcamp eigentlich so gemacht hat, gehört nicht zwangsläufig dazu. Aber, meine Güte, wenn sie nun auf der neuen DVD "Rap City Berlin II" schon so ausführlich beantwortet wird: Er hat offenbar einige Zeit mit schwarzen Frauen im Arm in Strip-Clubs verbracht, ansonsten viel hochprozentigen Alkohol getrunken und sich gelegentlich ein bisschen selbst dafür bemitleidet, dass er damals (im Suff!) diesen Hitler-Gruß gezeigt hat, worüber von den bösen Medien dann prompt auch noch berichtet wurde. Deshalb ja der Rauswurf aus dem Camp.

Sind die Nazivorwürfe unbegründet?

Natürlich, das sei hier auch noch mal klargestellt: DJ Tomekk ist kein Nazi. Ausrufezeichen. Wie übrigens auch Joe Rilla nicht, der große, breite Hooligan mit der Glatze, in dessen Stücken der Osten rollt. Genauso wenig wie Fler, der sich zwar als reinstweißer "Deutscha Badboy" bezeichnet, aber eben auch: kein Nazi ist. Dasselbe gilt für ein paar andere, weniger bekannte Protagonisten der Szene.

Das wäre also schon einmal eine Erkenntnis der siebenstündigen Mammut-Dokumentation, die filmisch den Status Yo der deutschen Hip-Hop-Hauptstadt untersucht: Schuld an diesen Nazi-Vorwürfen, das legen gelegentlich eingeblendete Zeitungsausschnitte nahe, sind vor allem die Medien. Es mag zwar richtig sein, dass manchmal aus Frisuren von Plattenbau-Ossis hysterische Schlüsse gezogen werden. Und mit Sicherheit ist DJ Tomekk eher ein gelegentlich volltrunkener Volltrottel als ein Rechtsradikaler.

Dass trotzdem in einigen Tracks durchaus etwas schwelt, was geschichtsbewusste Gewissens-Rapper beunruhigen könnte, ignoriert die Dokumentation. Zumindest im Vorab-Zusammenschnitt für Preview-Publikum und Presse kommt die "Danke Deutschland!"-Bierhymne eines Porno-Rap-Vertreters nicht vor, der sich freut, dass "wir" wieder wer sind. Am Ende heißt es beiläufig: "Deutschland über alles - doch wir sind keine Nazis".

Bewegtbild-Enzyklopädie aus der Binnenperspektive

Statt auch diese Seite zu zeigen, bemüht sich die DVD um Abwehrreflexe. Die Haltung ist charakteristisch für die Herangehensweise der Filmemacher, der Berliner Filmproduktionsfirma Mantikor Entertainment. Sie beobachten aus der Binnenperspektive. Es ist eine umfassende Bestandsaufnahme daraus geworden, eine Art Bewegtbild-Enzyklopädie. Kaum ein verstaubter Tonstudiowinkel Berlins, den sie auslassen. Da sind die düsteren Blut-Rapper, die trotz satanischer Verse als gute Katholiken gelten wollen. Da treten synthetisch aufgepumpte Meister-Propper-Gestalten auf, die in ihren Stücken den Gebrauch von Bodybuilder-Drogen propagieren. Dazwischen laute Pöbel-Frauen, die auf die "verschwulte" Gesellschaft schimpfen. Und da sitzen auch intellektuelle Schauspieler-Künstler, die im ehemaligen Avantgarde-Theater der Stadt den eigenen Manager darstellen und sich darüber auslassen, wie sehr übersimplifizierte Images das aktuelle Rap-Geschäft beherrschen.

Der gängigste Image-Prototyp wird in der Dokumentation näher beleuchtet: Er trägt die Bezeichnung "Gangsta". Es gibt ihn in Berlin in mannigfaltiger Ausführung. Meist ist er in irgendeiner Form breit. Er präsentiert sich oft vor Plattenbautenkulissen – mit Kampfhund oder böse blickender Begleithorde. Manchmal sitzt er in seiner Wohnung und blättert zum Beweis der eigenen "Credibility" durch sein Vorstrafenregister, das er akribisch-buchhalterisch führt wie sonst nur Finanzbeamte Steuerakten. Dabei wird aufgezählt: "Haftbefehle, Entlassungen, alles da. Phantombilder." Um schließlich festzustellen: "Ich bin nicht drauf stolz, aber ich hab's gemacht."

Die Spitze des Muskelbergs

Und was sie nicht alles gemacht haben. Raubüberfälle, versuchte Totschläge, Dealereien. "Der härteste Gangsta ist hier ein Nichts", stellt einer fest. In der Hauptstadt der Harten, im Zentrum der großen Klappen und glänzenden Knarren. Was noch einmal sehr deutlich den Kern der Massiv-Problematik vor Augen führt. Wer beständig behauptet, er sei ein übler Killer, der fordert damit früher oder später die heraus, die es wirklich sind. Zumindest, was das Gewaltpotential der Szene anbelangt, kann man nach dem DVD-Konsum beunruhigt feststellen: Da geht einiges. Auch wenn die Kosovo-Kämpfer und Sechs-Jahres-Verurteilten nur die Spitze des Muskelbergs verkörpern, scheint es fast verwunderlich, dass bisher alles so glimpflich ausging.

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KOMMENTARE (10 von 14)
 
MMSterling (26.05.2008, 18:09 Uhr)
Nichts Neues
Naja, daß die Eltern die Musik der Kids nicht versteht, gab's ja schon öfter...Elvis, Beatles, Stones, Punk, Techno...
_
Neu ist eigentlich nur, daß man diese "Kultur" von heute auf morgen beensden könnte, wenn man Hartz IV abschafft.
wwwilly (26.05.2008, 17:18 Uhr)
ey alda und so...
Wenn ich durch die Stadt gehe fallen mir bei den Konsumenten solcher Musik immer wieder einige Gemeinsamkeiten auf: 1. Es ist denen nicht möglich einen Satz ohne "Alda" bzw. "und so" zu bilden. 2. Die Typen tragen Modeschmuck für Frauen in den Ohren 3. Wasser und Seife sind scheinbar verpönt. 4. Bildung ist out.
Richtig traurig wird es aber dann wenn die Kids sich solche Rapper zum Vorbild nehmen und denken jeder kann im Leben auch ohne Bildung und Job bestehen wenn er ein bischen einen auf "Gangsta" macht. Ein weiteres Phänomen ist es auch das diese Musik und die "Gangsta" Einstellung bei Leuten gut ankommt die von ihrer Intelligenz eher am unteren Rand der Bildungsskala angesiedelt sind. Scheinbar ist denen schon bewusst was abgeht und sie versuchen ihre Defizite durch teure Marken-Klamotten und entsprechendes Verhalten zu kompensieren. Traurig aber war: Wenn ich solch einen "Gangsta" seh kommt mir spontan zunächst ein Gedanke in den Kopf: Dumm wie ein Mischbrot, aber geil wie die Musik- und Klamottenindustrie solchen Deppen die Kohle aus dem Sack ziehen kann ^^
Kalox (26.05.2008, 17:04 Uhr)
lächerlich
vergesst den käse. auf diesen dvds ( auf beiden sind videos, die ich für aggro gedreht habe ) ist stuss von versagern für versager. ich ignoriere das einfach und halte mich primär in gegenden auf, wo es keinen dreck wie diesen gibt.
Russlanddeutscher (26.05.2008, 16:43 Uhr)
Sie kennen sich wohl sehr gut aus
insane,
denken Sie aber nicht, dass die Entwicklung in dieser Szene nicht mehr lediglich musikalisch ist, sondern von Machtkämpfen zwischen verschiedenen Gruppen geprägt.
Die auch neue Rekruten brauchen und diese werden aus der auch so schon verarmten und bildungsfernen Bevölkerung geholt. Die Kinder mit 13 sehen dadurch die Entwicklungsmöglichkeiten für sich in dieser Richtung - je brutaler, rücksichtsloser, desto besser.
Wie sollen dann diese Kinder, wenn sie älter sind sich von einem gebildeten Brillenträger im Betrieb etwas sagen lassen. Trägt diese Musikrichtung nicht zur Verarmung bei?
Ist keine Feststellung von mir, sondern lediglich eine Befürchtung und Frage.
bR4iNST0RM (26.05.2008, 16:41 Uhr)
@ Insane
Richtig! HipHop Note 5+ ist für mich noch echt gut! Danke! Der letzte Satz gefällt mir besonders, denn da Sie vermuten ich sei „VIVA-Zuschauer“ und „Russlanddeutscher“ sei vielleicht kaufmännischer Angestellter, gilt dieser besonders für Sie, Sir!
insane (26.05.2008, 16:31 Uhr)
@ bR4iNST0RM
Man merkt das wieder ein typischer "VIVA Zuschauer" kommentieren. Ich habe nie behauptet zu wissen was richtig oder falsch ist - ich weiss auch nicht wie sie darauf kommen das ich diese Gabe habe - jedoch sollten Sie ebenfals berücksichtigen das aus dem Lager "Stuttgart, Hamburg und co" kein gescheiter HipHop mehr seit Jahren nach oben gelangt - dabei meine ich auch HIPHOP / RAP und nicht "Hip-Pop alà Fettes Brot und co"
Wenn sie mit Pädophilie auf Sido's Arschficksong anspielen möchten, wüssten sie das dieser Track vor dem eigentlichen "Erfolg" Sidos im RoyalBunker gespielt wurde - und niemals veröffentlicht wurde. Zumindestens im "offiziellen" Sinn - und somit auch nie für ein Publikum zugänglich gemacht werden.
In Sachen HipHopSzene - Deutschland würde ich Ihr Wissen wohl jetzt mit einer 5+ bewerten... wer keine Ahnung hat sollte einfach mal..............
bR4iNST0RM (26.05.2008, 16:20 Uhr)
@ Insane
So wie es aussieht wollen Sie es sein, der Richtig oder Falsch beurteilt, „Insane“. Dabei ist mir aufgefallen, nur weil Sie behaupten, dass die HipHop-Szene aus Stuttgart, Hamburg etc. Tod sein soll, und Sie gleichzeitig behaupten nicht dem „Mainstream“ zu folgen, dann sage ich nur: Bravo! Grundsätzlich gute Einstellung!
Dennoch rettet es die Berliner „Funmusic-Szene“! (wo ist denn da der „Fun“, wenn Vergewaltigung und Pädophilie verherrlicht werden? Ziemlich kranker „Fun“)
Dennoch haben Sie in einem Punkt recht! Jedem das Seine! Also viel Spaß mit dem Ihren!
insane (26.05.2008, 16:02 Uhr)
und wieder Leute die keine Ahnung haben..
1. Die Musikindustrie ist vorallem SONY BMG und UNIVERSAL - all die gezeigten Darsteller sind nichts anderes als IdependentLabels die sich von der breiten Masse absetzen wollen.
2. Die Texte sind gezielt härter und provokanter - viel ist ironisch und sarkastisch .. was in diesem Bericht einfach unterschlagen wird.
3. "Pornorap" ist nichts anderes als reine Funmusik .. man lacht über die Texte und schmunzelt ein bisschen dazu ! Man darf nicht immer alles so verbissen sehen ! - mal davon abgesehen ist Rap aus Hamburg, Stuttgart einfach nur tot - es ist nurnoch Mainstream .. und nicht jeder mag diesen Massenbrei
4. Was hat das mit Leben wegeschmeißen zu tun ? Jeder Mensch hat sein eigenes bestimmungsrecht was er tun mag. Wenn er Musiker werden will - dann darf er das.. genau wie Sie "Russlanddeutscher" (Super Name !) vielleicht kaufm. Angestellter sind ! Wer sagt was richtig und was falsch ist ?
basch75 (26.05.2008, 15:18 Uhr)
bitte...
die berliner hiphop/rap-szene ist sicher eine sehr "spezielle"! es gibt auch sehr viel guten und "normalen" hiphop/rap aus hamburg, münchen, stuttgart, köln oder woher castrop-rauxel. vereinzelt sicher auch irgendwo in berlin. sido, bushido und savas werden ja mittlerweile auch etwas "vernünftiger" und dennoch kontrovers diskutierbar - das sollten sie aber auch sein bzw. bleiben!
Russlanddeutscher (26.05.2008, 15:10 Uhr)
Schrecklich
Wie die Menschen ihr Leben wegschmeißen und noch stolz drauf sind.
Wird langsam nicht mehr lustig mit dieser Subkultur.
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