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So zeigt "Spotlight" einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche

Einen Oscar für den besten Film: "Spotlight" erzählt von der Enthüllungsgeschichte eines Missbrauchsskandals katholischer Priester - an der auch der Reporter Walter Robinson beteiligt war. Eine Begegnung.


  Der Schauspieler und der Reporter: Michael Keaton spielt in "Spotlight" den Enthüllungsjournalisten Walter Robinson

Der Schauspieler und der Reporter: Michael Keaton spielt in "Spotlight" den Enthüllungsjournalisten Walter Robinson

Manchmal wundert sich Walter Robinson darüber, wie es sein kann, dass im Nebenraum ein falscher Walter Robinson sitzt und davon berichtet, wie es war, Walter Robinson zu spielen. Verrückt, das alles. Der falsche Walter Robinson heißt Michael Keaton und ist ein Hollywoodstar. Der echte Walter ­Robinson ist ein Reporter-Veteran. Keaton ist Robinson. 

Nun sitzen Original und Fälschung in zwei benachbarten Hotelzimmern in London und erzählen von jener soeben verfilmten Geschichte, die vor mehr als einem Jahrzehnt die katholische Kirche erschütterte. Erst in Boston. Dann in den USA. Schließlich weltweit. Wenn Walter Robinson, der echte, von seinem größten Coup erzählt, hört sich das ein bisschen so an wie Opas Saga vom Krieg. Nur tobte Robinsons Krieg vor gerade einmal 13 Jahren. Es war das Jahr 2002, der Anschlag auf das World Trade Center lag lediglich ein paar Monate zurück, und das Internet war damals noch nicht dieses Monster. Robinson sagt: "Unsere Geschichte war vielleicht die erste große Enthüllung, die weltweit ­viral ging."

"Unsere Geschichte" war die von mehreren Investigativreportern des "Boston Globe", die den gigantischen Missbrauchskandal katholischer Priester aufdeckten. Robinson und seine Kollegen ahnten anfangs nicht, was sie da losgetreten hatten. Aber dann: "Am Tag der Veröffentlichung standen die Telefone nicht mehr still. ­Leute aus der ganzen Welt meldeten sich."

Der Film? "Zugleich Ode und Nachruf"

Mit dieser Sequenz endet der Spielfilm "Spotlight". Die Reporter sitzen in der ­Redaktion, die Telefone klingeln, die Welt ist dran, ihre Geschichte multipliziert sich durchs seinerzeit noch relativ junge Netz. "Spotlight" heißt das investigative Ressort des "Globe", und der gleichnamige Film setzt den Kollegen dort ein Denkmal. Man könnte auch sagen, dass "Spotlight" dem guten, alten Printjournalismus ein Denkmal setzt. Walter Robinson sieht das so: "Es ist zugleich Ode und Nachruf." Beides zu etwa gleichen Teilen.

Im Zimmer nebenan erzählt Michael Keaton Filmjournalisten vom wahren Walter Robinson. Man hört sie lachen. Und ­Robinson, er geht auf die 70 zu, erzählt von Keaton. Wie der ihn so lange studierte, bis sogar die Manierismen saßen. Vielleicht ist genau das das Geheimnis von "Spotlight", dass er so erstaunlich glaubwürdig wirkt und deshalb von der Kritik als bester Film über dieses Genre seit "Die Unbestechlichen" gefeiert wird, in dem Robert Redford und Dustin Hoffman als Reportergespann Bob Woodward/Carl Bernstein die Watergate-Affäre aufdeckten.

Dies ist eben nicht die typische Heldengeschichte, sondern eine bemerkenswert unprätentiöse Schilderung des journalistischen Alltags mit all seinen Höhen, Tiefen und auch Fehlern. "Akkurat", sagt Robinson. Und das ist aus dem Mund eines alten Reporters das größte anzunehmende Lob. Akkurat ist die wichtigste Währung in diesem Beruf. Und akkurat war ihre Arbeit, damals, als sie sich erst zögerlich an diesen Fall machten, der jahrelang derart aufreizend vor ihnen lag, dass sie ihn glatt übersahen. Auch darum geht es. Dass eine Stadt und ebenso deren Zeitungen sich viel zu lange duckten vor den Institutionen. Die katholische Kirche war im erzkatholischen Boston stets noch unantastbarer als anderswo im Land. "Michael spielt also nicht nur mich", sagt Robinson, "er symbolisiert zugleich auch Boston und sein Establishment." Sie seien alle betriebsblind gewesen.

"Ich hoffe, dass möglichst viele junge Leute diesen Film sehen und Lust bekommen auf diesen Beruf."

Es brauchte tatsächlich jemanden von außen mit einem unverbrauchten Blick auf die vermeintlich honorigen Honoritäten. Martin Baron, gespielt von Liev Schreiber, war genau dieser Jemand. Ein neuer Chefredakteur aus Miami, jüdisch obendrein, der hinter einer Meldung über einen pädophilen Priester mehr sah als einen isolierten Fall und seine Besten auf das Thema ansetzte. Das "Spotlight"-Team gewann am Ende dafür den Pulitzer-Preis.

Robinson und seine Leute gruben monatelang, erst hatten sie einen Priester, "die Spitze des Eisbergs". Dann 20, dann 30, Schneeballprinzip. Irgendwann sogar 70, und natürlich hätten diese 70 schon für einen unglaublichen Skandal gereicht. Aber sie veröffentlichten die Geschichte erst, als sie alles, wirklich alles wasserdicht hatten und die entsprechenden Akten dazu. Deshalb ist "Spotlight" auch eine Hommage an einen Journalismus, den sich in dieser Form nicht mehr viele Publi­kationen erlauben. Vermutlich könnte es Robinsons eigene Zeitung heute auch nicht mehr; der "Globe" wurde vor zweieinhalb Jahren verkauft, die Belegschaft reduziert. Auch das meint er mit Nachruf.

Walter Robinson ist aber keiner dieser "Früher war alles besser"-Veteranen, die jüngeren Kollegen unendlich auf den Geist gehen können. Es ist nur so, dass früher in der Tat ein paar Dinge besser waren, "mehr Zeit, mehr Geld und vor allem weniger ­Trivialität". Er unterrichtet inzwischen Journalismus, und seinen Studenten sagt er, dass das Internet nicht nur Bedrohung ist, sondern auch Chance – "was wir uns mühsam zusammenklauben mussten über ­Wochen, ist heute mit ein paar Mausklicks zu recherchieren". Denn die großen Geschichten sind natürlich immer noch da draußen, nur die Abspielstationen ändern sich. "Ich hoffe", sagt Robinson an diesem Nachmittag, "dass möglichst viele junge Leute diesen Film sehen und Lust bekommen auf diesen Beruf."

Lachen aus dem Nebenraum. Keaton gibt den Robinson. Der Schauspieler hat einst selbst Journalismus studiert; er hat für diese Rolle recherchiert und beobachtet, wie es gute Reporter tun. Und weil auch die anderen Darsteller ihre Arbeit gewissenhaft machten, ist "Spotlight" nun einer der Favoriten für den Oscar. Der echte Walter Robinson mag den Walter Robinson im Film. Er sagt nochmals "akkurat". Bis auf eine Kleinigkeit. "Warum mussten sie mit Michael ausgerechnet einen nehmen, der noch weniger Haare hat als ich?"

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