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Kampf um Leben und Code

Robert Harris' Bestseller über die geheimnisvolle Dechiffriermaschine Enigma kommt ins Kino - und entführt in die Welt von Krieg und Spionage, höherer Mathematik und wahrer Liebe.

England 1943. Im grauen Morgennebel atmen sich zwei Gestalten ein Geheimnis zu - ein Mann, eine Frau, zusammengeschweißt durch den Krieg, durch die Geschichte in eine Geschichte gestoßen, die größer ist als sie beide. Der Mann: Tom Jericho, ein genialer Mathematiker aus Cambridge mit beharrlich flatternden Nerven, die Frau: Hester, ein rundliches Mädchen mit dicker Brille und dem Willen, etwas aus sich zu machen.

Beide stehen sie vor einem Herrenhaus, dem wohl geheimsten Gemäuer Englands - Bletchley Park, »Station X«. Hier entschlüsseln Männer wie Tom Jericho die Funksprüche der deutschen Wehrmacht. Diese Meldungen sind von den Nazis mit »Enigma« chiffriert worden, einer Maschine mit der unglaublichen Macht, jede Nachricht auf eine von 59 Millionen Millionen Millionen Weisen zu verschlüsseln. Doch die Engländer haben den Code geknackt, und aus Bletchley Park erfahren die Alliierten nun, wo die U-Boote der Nazis lauern, wo sich Rommels Armee verschanzt und was die Deutschen im Osten anrichten.

Bis zum Frühjahr 1942. Da nämlich ändern die Nazis den Aufbau von »Enigma« und mit ihm den Code, mit dem sie die Funksprüche ihrer U-Boote verschlüsseln. Das ist eine Katastrophe nicht nur für die Codeknacker, denn zu jener Zeit sind von Amerika aus große Verbände von Frachtern mit Tausenden Passagieren und Nahrungsmitteln nach England unterwegs. »Shark« (Hai) hatten sie den Code genannt, mit dem die U-Boote ihre eigene Position und die von entdeckten Frachtern senden.

Und ebendiesen »Shark« konnte Tom Jericho schon einmal knacken ein paar Monate zuvor, bevor er Bletchley verlassen musste. Seine Nerven haben nicht mehr mitgespielt wegen der nächtelangen Arbeit - und, schlimmer noch, weil Claire ihn verlassen hat, seine große Liebe. Doch das muss nun vergessen sein, denn jetzt weiß keiner mehr, wo sich die Nazi-U-Boote zusammenrotten und wie viel Zeit bleibt, bis Meilen entfernt die Frachter sinken. Jetzt darf es nur um »Shark« gehen, jetzt ist Tom Jericho zurück auf »Station X«, ein Mathematiker, der den Zweiten Weltkrieg mitentscheiden soll.

Mit seiner Rückkehr beginnt »Enigma«, der Film nach dem Bestseller von Robert Harris, produziert von Mick Jagger und der deutschen »Senator«-Film, inszeniert von Michael Apted (»James Bond - Die Welt ist nicht genug«). In den kommenden 118 Minuten entwickeln sich ein Kriegsfilm, eine Lovestory und - nachdem Claire verschwunden ist und Tom und Hester entdecken, dass sie Funksprüche gestohlen hat - eine Spionagegeschichte mit Autojagden und falschen Verdächtigungen. Trotzdem ist »Enigma« kein Action-Kino, eher ein zurückhaltender, britischer, fast muffiger Film, in dem der Krieg aus der Ferne durch die Verdunklung scheint oder sich hinter Buchstabenkolonnen verbirgt, die »Enigma« produziert - GOFDT SHERT ASGUA LTHJB: Das können tausend Tote sein.

Entschlüsselt werden

die Codes von kauzigen Spezialisten, die sich Pfeife rauchend über dicht bedruckte Zettel beugen, Sprachforscher, Schachmeister und Kreuzworträtselfans. Solche Typen haben damals wirklich in Bletchley Park gearbeitet, »ein Haufen schlecht gekleideter, unhöflicher Exzentriker«, wie Churchill sie nannte. Tom Jericho ist unter ihnen der entrückteste und genialste, und Dougray Scott (»Mission: Impossible 2«) spielt ihn famos.

Noch besser aber ist Kate Winslet, die als Hester ebenso trocken wirkt, wie sie in »Titanic« nass sein musste, die mehr will, als ihr die Männerwelt zugesteht, eine Frau, die ihre Intelligenz gegen die Schönheit anderer einsetzt und mutiger wird von Szene zu Szene. »Alle wollen mir mitteilen, was ich wissen darf und was ich nicht wissen darf«, sagt sie, »aber damit hat es nun ein Ende.« Am Schluss wirkt sie sogar erotisch (was ihr wahrscheinlich gefällt, obwohl sie das nie zugeben würde).

Diese beiden treffen aufeinander in der Geheimdienstfabrik, zwei Hirnmenschen weit weg vom Krieg und trotzdem mittendrin. Eng ist es in Bletchley Park und kalt, und die wenigen Schnitte im Film, die das stählerne Sterben im Atlantik zeigen, machen den Kopf weit auf: So also ist der Krieg da draußen. Da gibt es richtige Tote, nicht nur Buchstaben und Morsezeichen. »Dies ist unser Krieg hier«, sagt eine Frau, die den Funkverkehr der Nazis abhört. »Piep, piep, immer dieses verdammte Piepen. Und es ist nur Unsinn, Unsinn, Unsinn - aber Sie werden doch schlau draus, es ist wichtig, oder?« Und Tom Jericho muss nicken.

Denn es ist wichtig. Es war immer wichtig. Die Geschichte der Verschlüsselung handelt meist vom Krieg oder dessen Vorbereitung. Ein geknackter Zahlencode war zum Beispiel dafür verantwortlich, dass Amerika in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist. Der Leiter des deutschen Auswärtigen Amtes, Arthur Zimmermann, sandte im Januar 1917 ein Telegramm an seinen Botschafter in den USA, in dem er anregte, Mexiko und Japan auf die eigene Seite zu ziehen, falls Amerika nicht neutral bliebe.

Die Engländer entschlüsselten das Telegramm, und die USA erklärten Deutschland den Krieg. Einer der Codeknacker arbeitete später in Bletchley Park. Der Zweite Weltkrieg war eine Hochzeit der Verschlüsselung: Max Klausen zum Beispiel, der Funker eines Spions in Tokio, teilte Stalin in chiffrierten Meldungen mit, dass Japan die Sowjetunion nicht angreifen werde. So konnten die Russen ihre ganze Armee gegen Deutschland einsetzen. Klausen wurde verhaftet, aber selbst nach dreijährigem Prozess konnte der Code nicht entschlüsselt werden. Klausen starb 1979 in der DDR - als Held.

Die Geschichte der Kryptografie, der Kunst der Verschlüsselung, ist jedoch noch viel älter. Die ersten Geheimnachrichten wurden vor Jahrtausenden verfasst. Die alten Griechen und Cäsar haben sie benutzt, die Araber verfeinert, der Vatikan besaß bereits im 16. Jahrhundert eine eigene Abteilung von Codebrechern. Und oft ging es um Leben und Tod: Die schottische Königin Maria Stuart wurde hingerichtet, nachdem ihr nachgewiesen wurde, dass sie sich an einer Verschwörung zum Mord an Elisabeth I. beteiligt hatte. Der Beweis: Ihre Briefe an die Verräterbande waren entschlüsselt worden.

Codes und Chiffren

haben den Lauf der Welt beeinflusst, ob die wirren Buchstaben und Zahlenreihen enttarnt wurden oder nicht. Und oft waren es exzentrische und schlecht gekleidete Männer wie der Mathematiker Tom Jericho, die ihren Teil dazu beitrugen. Aus Forscherdrang. Aus Patriotismus. Oder weil sie in den Rätseln Schönheit entdeckten. »Ich mag Zahlen«, sagt Tom Jericho: »Zahlen bringen einen näher an das Geheimnis vom Wesen aller Dinge.« Er bewundert die Verschlüsselung auch seiner Feinde, auch die der Deutschen, auch die von »Enigma«.

Denn eigentlich war der Apparat absolut sicher, es war für einen Menschen unmöglich, seine Verschlüsselung zu knacken - das hätten nur Computer geschafft, die es damals noch nicht gab. Deshalb ist die Geschichte von »Station X« auch so etwas wie ein Wunder, das bis heute wirkt: Denn hier wurden sie aus der Not heraus erfunden, die Vorgänger unserer Computer. »Denkende Maschinen« heißen sie im Film, der »Colossus« und die meterhohen, nach Maschinenöl stinkenden Apparate, so genannte »Bomben«, die zehn »Enigmas« auf einmal simulieren konnten und schneller als ein Mensch Chiffren ausprobierten, bis die Verschlüsselung geknackt war.

Entwickelt hatte diese ersten denkenden Maschinen Alan Turing, ein Pionier und Sonderling, der manchmal mit einer Gasmaske nach »Station X« radelte, um sich gegen seinen Heuschnupfen zu schützen. Ein Homosexueller, der in Deutschland in einem KZ gelandet wäre. Und der im Film nicht mit einem Wort erwähnt wird - genauso wenig wie die Leistung der Polen, die den Briten die erste »Enigma« überließen, damit die Codeknacker sie analysieren konnten.

Das sind die einzigen Schwächen des Films: Er ist eine Liebeserklärung ans alte Empire, ohne dass er die Leistung der anderen ernst nimmt - genauso wie im amerikanischen Thriller »U-571« Jon Bon Jovi »Enigma« erbeuten durfte und die Geschichte der Maschine in »Die Männer ihrer Majestät« - derzeit in den Kinos - als Stoff für eine (zugegebenermaßen sehr spaßige) Komödie herhalten muss. Dass Turing in dem Film nicht vorkommt, mag einen anderen Grund haben: Er wurde nach dem Krieg wegen seiner Homosexualität verfolgt und beging 1954 mit einem vergifteten Apfel Selbstmord.

Bis in die siebziger Jahre verschwieg England alles, was mit »Station X« zu tun hatte. Alle Zeugnisse wurden vernichtet. Zu viel war entdeckt worden. Zu viele »Enigmas« hatten die Engländer nach dem Krieg an andere Staaten verkauft, ohne ihnen zu verraten, dass sie die Verschlüsselung knacken konnten. Das alles hat jedoch nicht verhindert, dass Kryptografie heute aktueller ist denn je. Im Internet zum Beispiel ist sie die einzige Möglichkeit, E-Mails zu verschicken, ohne dass sie jeder lesen kann. Codes und Chiffren sind überall. Haben Sie einmal versucht, die Anfangsbuchstaben der ersten Wörter und Zahlen dieses Textes hintereinander zu lesen?

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