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Der schönste Film des Jahres

Oscar-Preisträger Ang Lee hat den Bestsellerroman "Schiffbruch mit Tiger" verfilmt. Herausgekommen ist ein Meisterwerk in 3D. Warmen Herzens geht es in die Kinozukunft.

Von Matthias Schmidt

  Pi sitzt im selbstgebauten Floß, um dem Tiger Richard Parker zu entgehen. Eine grandiose Geschichte in grandiosen Bildern!

Pi sitzt im selbstgebauten Floß, um dem Tiger Richard Parker zu entgehen. Eine grandiose Geschichte in grandiosen Bildern!

Ende November in Berlin. Im Sony-Center steigt die Deutschlandpremiere von "Life of Pi", der Verfilmung des Weltbestsellers von Yann Martel. 100 Millionen Dollar schwer und in 3D. Die Gäste haben gerade Platz genommen, als ein kleiner Mann im anthrazitfarbenen Anzug auf die Bühne trippelt, der Regisseur Ang Lee. Wie er sich freue, mal wieder hier zu sein, murmelt er, und bedankt sich höflich für den freundlichen Empfang und die Gastfreundschaft. Danach verbeugt er sich mehrmals in den Applaus hinein und sagt: "Ich hoffe, ich kann immer noch Ihr Herz erwärmen."

Es wird dunkel im Saal, und dann passiert es: das Wunder. Unser Frachter geht unter in einem gewaltigen Sturm. In letzter Sekunde springen wir in eines der weiß lackierten Rettungsboote. Und gleich darauf treiben wir übers offene Meer, verzweifelt und verlassen von Gott und der Welt. Bis zum Horizont nur Wasser, Wasser und noch mehr Wasser. Wir suchen nach Proviant. Unter der Plane, die etwa die Hälfte unseres Bootes bedeckt, finden wir schließlich ein paar knochentrockene Kekse. Und noch etwas anderes, etwas, das nicht hierher gehört in die Mitte des Ozeans: einen ausgewachsenen Tiger, quicklebendig und sehr hungrig. Er fixiert uns und fährt seine Krallen aus, er faucht und fletscht die Zähne, duckt sich, springt und...

Das große Versprechen 3D

3D, das war bislang vor allem ein großes Versprechen: dass wir wieder das Staunen lernen im Kino. Dass wir Teil des Geschehens auf der Leinwand werden, gerührt und geschüttelt wie nie zuvor. Im Endeffekt haben wir aber nur extrateure Tickets gekauft, nervige Sonnenbrillen aufgesetzt, während um uns herum entweder sprechende Zeichentricktiere oder bluttriefender Horror tobte.

Außer "Avatar" und "Hugo Cabret" und vielleicht der "Hobbit" ist fast kein Film auch nur annähernd den hohen künstlerischen Erwartungen an die neue Technik gerecht geworden. Bis jetzt, bis zu "Life of Pi".

Der Held, der hier das ungleiche Duell gegen eine 200 Kilo-Raubkatze annimmt, ist natürlich nicht der Zuschauer, sondern ein dünner, braunhäutiger Teenager genannt Pi. Mit vollem Namen heißt er eigentlich Piscine, französisch für Schwimmbad - sein Vater hegte eine besondere Leidenschaft für öffentliche Badeanstalten. Doch der ist gerade tragischerweise und zusammen mit dem Rest der Familie abgesoffen, ertrunken auf einer Überfahrt von Indien nach Kanada, die der Familie und ihrem Privatzoo einen Neustart ermöglichen sollte. Allein Pi kann sich retten - nur um sich gleich darauf in einem ebenso harten Überlebenskampf wiederzufinden: Der Bub gegen das Biest.

"Das kann man nicht verfilmen"

Auch um die eigene Haut vor dem hungrigen Tiger zu retten, lernt Pi fischen (klappt ganz gut), bastelt sich Anker und Segel (klappt super) und markiert sein Revier mit Urin (idiotische Idee). Die Weite des Pazifiks, das Farbenspiel der Wolken und Wellen, leuchtendes Plankton oder ein Schwarm fliegender Fische: die dreidimensionalen Bilder, in denen Pis monatelange Odyssee eingefangen werden, sind so grandios, so großartig, dass man zu jeder Sekunde glaubt, man wäre selbst in dem kleinen Kahn, Auge in Auge mit einem Königstiger.

Doch der Weg bis zur umjubelten Gala in Berlin war lang und voller Stolpersteine. "Ich habe das Buch von Anfang an geliebt", sagt Ang Lee. "Es ist umwerfend und inspirierend, aber daraus kann man doch keinen Film machen." Eine Meinung mit Gewicht, schließlich hat der gebürtige Taiwanese zwei Oscars im Schrank stehen (für "Tiger & Dragon" und "Brokeback Mountain") und dreht seit mehr als 20 Jahren mit Stars wie Jack Gyllenhall, Kate Winslet, Tobey Maguire oder Sigourney Weaver. Doch nachdem zwei andere namhafte Regisseure vom Projekt absprangen, ließ Lee sich umstimmen.

Ein 17-Jähriger und vier bengalische Tiger

3000 indische Jungs hat Lee zum Vorsprechen für die Hauptrolle bestellt, bis er sich für den 17-jährigen Suraj Sharma entschied. Einen Studenten, der noch bei seinen Eltern in Delhi wohnt, vorher noch nie vor einer Kamera gestanden hat und schwimmen erst noch lernen musste. Und er heuerte als Berater einen amerikanischen Segler an, der selbst einen Schiffbruch überlebt hatte und 76 Tage lang auf einem Rettungsfloß übers Meer getrieben war. Doch Lee wusste: sein Film steht und fällt mit der Performance des Tigers. Komplett mit einem echten Raubtier zu drehen, war schnell vom Tisch. Man wollte schließlich nicht, dass der mühsam gecastete Hauptdarsteller aufgefressen wird.

Die Lösung konnte nur Computertechnik lauten. Ein Tiertrainer, der bereits für "Gladiator" gearbeitet hat, besorgte in Kanada und Frankreich vier bengalische Tiger, und ein Spezialist für visuelle Effekte, der bereits den Löwen im ersten "Narnia"-Film animiert hat, machte sich anhand hunderter Stunden von Videomaterial ans Werk: Skelett, Muskeln, Fell, Gebiss, alles wurde akribisch genau am Rechner nachgebaut, detailgenau bis in die Spitzen der Schnurrhaare. Das Ergebnis wirkt so echt, dass Lee und seine Mitarbeiter bei der indischen Tierschutzbehörde antanzen mussten, um zu beweisen, dass sie keine realen Raubkatzen gequält hatten: "Sie haben behauptet, wir hätten Tiger mit Beruhigungsmittel vollgepumpt", sagt Lee. "Und dann mussten wir unsere computergenerierten Tiere vorführen. Ich nahm das als Kompliment."

Die Magie des Erzählens

Was "Life of Pi" so außergewöhnlich macht, ist jedoch nicht nur der Tiger. Im Buch wie im Film geht es darum, wie nicht nur Survivaltricks Leben retten können, sondern auch Geschichten. Wie die Magie des Erzählens ein Universum öffnet, das der Verstand nicht greifen kann. So funktioniert der Film auch als eine spirituelle Erfahrung, die die Frage in den Raum wirft: Kann man an etwas glauben, selbst wenn es sich nicht beweisen lässt? Und warum sollte man das tun?

Am Tag nach der Premiere trifft sich Lee noch mit Wim Wenders. Die Akademie der Künste hat eingeladen zu einer Podiumsdiskussion. Es geht, klar, um 3D, und wie man damit Geschichten emotionaler rüberbringen könne. Doch die meiste Zeit tauschen Lee und Wenders, der seine Doku über die Tänzerin Pina Bausch ebenfalls in 3D gedreht hat, Anekdoten über Probleme beim Dreh aus. 3D für ihn sei wie die Zahl Pi: unendlich, sagt Lee. "Ich wusste oft nicht, was ich tue, aber schließlich ich habe eine neue Welt entdeckt." Am liebsten würde er als nächstes eine griechische Tragödie komplett in 3D drehen, nur um zu sehen, was passiert.

Wenders, der auch bei der Premiere war, ist immer noch tief beeindruckt: "Ich finde, so etwas kann nur 3D. Es lässt die Grenze verschwinden zwischen den Bildern und dem, was sie repräsentieren." Der deutsche Regisseur kommt ins Schwärmen: "Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich bin auf dem Meer, ich sitze mit Pi in diesem Boot." Lee lächelt. Vielleicht weil er gerade ahnt, dass sein Film in nächster Zeit noch sehr viele Herzen erwärmen wird.

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