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Ein Kino für neuen Glanz in Palästina

Jenin im Westjordanland ist kein guter Ort für Träume. Hier leben Palästinenser in einem Flüchtlingslager. Seit 2010 gibt es wieder ein Kino. Ein deutscher Filmemacher hat den Wiederaufbau mitbetrieben und einen Film darüber gedreht: "Cinema Jenin".

Der deutsche Filmemacher Marcus Vetter hat sein Herz an Dschenin verloren. Die Stadt im Westjordanland galt einst als Hochburg der Terroristen und ist für eine Tragödie bekannt: Soldaten Israels erschossen hier 2005 den elfjährigen Ahmed Chatib, weil sie seine Wasserpistole für eine scharfe Waffe hielten. Seine Eltern spendeten die Organe des Toten und retteten so fünf israelischen Kindern das Leben. Chatibs Name wurde zum Friedenssymbol. Regisseur Vetter erzählte die Geschichte in seinem Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" (2008). Eigentlich wollte er ihn auch in Dschenin zeigen. Doch ein Kino gab es dort seit der ersten Intifada 1987 nicht mehr. Erst 23 Jahre später erfüllte sich der Traum - viele Menschen halfen mit.

In seinem aktuellen Film zeigt Vetter den Wiederaufbau des verfallenen Kinos bis zu seiner Einweihung am 5. August 2010. Das Werk "Cinema Jenin" sollte schon eher in die Kinos kommen, doch die Ermordung von Juliano Mer Chamis, Chef des Freedom Theatre in Dschenin, im April 2011 verhinderte das. Er ist in der Dokumentation einer der Hauptakteure und erweist sich als leidenschaftlicher Kämpfer für die Rechte der Palästinenser. Gegen Ende des Filmes erfolgt ein Schnitt, eine Schrifttafel taucht auf: "Während wir diese Szene schneiden, wird Juliano Mer Chamis vor dem Freedom Theatre durch 12 Kugeln getötet. Ein Stuhl bleibt fortan leer." Gerade diese Szene ohne Bild macht deutlich, wie schicksalhaft das Leben in Dschenin ist.

Vetter geht in dem eineinhalbstündigen Film chronologisch vor. Als Vorspann erscheinen jene dramatischen Bilder vom Tod des elfjährigen Ahmed Chatib. Sein Vater Ismail steigt weinend in ein Auto, das Kind wird beerdigt. Der Filmtitel "Cinema Jenin. Die Geschichte eines Traumes" erscheint als Überleitung. Bilder aus dem verfallenen Kino, die Decke ist kaputt, Staub wirbelt durch die Luft. Eine weiße Taube sitzt auf einem Balken und äugt in die Kamera. Dann flattert sie weg. Auf der Straße bolzen Kinder mit einem Ball. Es sind solche Alltagsbilder, die das Drama aus einer anderen Welt so nachvollziehbar machen. Auch wenn manches unbegreiflich bleibt.

"Es geht weiter"

Neben Ismail wird auch Vetter zum Hauptdarsteller. Als dritter ist Fakhri Hamad, der Übersetzer von Ismail, dabei. Später kommen viele freiwillige Helfer beim Wiederaufbau dazu. Auch junge Leute aus Deutschland arbeiten mit daran, den Kinotraum zu erfüllen. "Zwei Intifadas und die israelische Besatzung haben seitdem ein normales Leben mit Kino und Unterhaltung unmöglich gemacht", beschreibt Vetter als Stimme aus dem Off die Ausgangslage. Sie suchen den Besitzer des Kinos auf und versuchen, ihn von der Idee zu überzeugen. "Es soll ein Ort werden, an dem Kinder was lernen. Damit niemand durchmachen muss, was ich durchgemacht habe", sagt Ismail.

Viele Hindernisse sind zu überwinden. Hinter den Kinobesitzern steckt ein Clan, der um Details feilscht und bis zuletzt misstrauisch bleibt. Auch die Bürokratie der palästinensischen Selbstverwaltung spielt mit. Der später getötete Theatermann Mer Chamis wird zum Verbündeten, warnt die Kino-Träumer aber vor Illusionen. Als Israel im Dezember 2008 den Gaza-Streifen bombardiert, steigt Ismail Chatib aus. "Der Frieden ist zu einer reinen Illusion geworden nach all den Jahren israelischer Besatzung", sagt er. "Für mich ist es vorbei. Der Traum ist vorbei." Vetter hält dagegen: "Das "Herz von Jenin" ist nicht vorbei. Es geht weiter."

Tatsächlich gibt es auch für "Cinema Jenin" ein Happy End. Der Film feierte am 5. April 2012 im Kino Dschenin seine Premiere, nun kommt er in die deutschen Kinos. Zu sehen ist ein politisches Werk, das auf berührende Weise auch unpolitisch ist. Der Zuschauer lernt etwas über eine Region, die er wohl sonst nur aus den Nachrichten kennt. Eine Kenntnis der politischen Hintergründe setzt Vetter allerdings voraus. Wer nichts über den Palästina-Konflikt weiß, vermag den Dialogen und ihrem manchmal auch hintergründigen Humor nur schwer folgen.

Jörg Schurig, DPA/DPA
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