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Erotik-Fotos als sexuelles Befreiungserlebnis

Von der Lust an der Lust: In bunten und grellen Tönen zeichnet Regisseur Sion Sono in seinem neuen Film das Bild einer schüchternen Hausfrau, die nach einem Fotoshooting zum sexhungrigen Vamp mutiert.

  Der stark stilisierte Genremix aus Thriller, Sexploitation und Drama arbeitet mit starken Bildern und kräftigen Farben.

Der stark stilisierte Genremix aus Thriller, Sexploitation und Drama arbeitet mit starken Bildern und kräftigen Farben.

Japan ist ein fremdes Land, mit teilweise befremdlichen Ritualen und einer Form von Sinnlichkeit, die schwer verstören kann: Die verschlossen wirkende Izumi (Megumi Kagurazaka) ist eine Meisterin des schönen Scheins und eine fast schon pedantisch ordnungsliebende Hausfrau. Sorgfältig arrangiert sie die Hausschuhe für ihren Gatten, einen aufgeblasenen Schundroman-Schriftsteller, der jeden Morgen zur exakt gleichen Zeit das Haus verlässt und erst spät abends zurückkehrt. Die lange Zeit dazwischen ist die Leere, die Izumi zu füllen lernen muss - und wie: Eines Tages geht sie auf das verführerische Angebot einer vermeintlichen Mode-Agentin ein und lässt Erotik-Fotos von sich machen. Wie das sexuelle Befreiungserlebnis ihr Leben komplett aus den Fugen reißt, beschreibt der japanische Regisseur Sion Sono in "Guilty of Romance" als sehenswerten, irritiertend stilisierten Genre-Mix aus Drama, Sexploitation und deftigem Thriller.

Es ist ein Film, der es liebt, viele Spuren zu legen - gerne in grellen Farben, die an Mangas erinnern - und die Zuschauer auf die Folter zu spannen. Zunächst setzt er ein mit einem schrecklichen Leichenfund: Kommissarin Yoshida (Miki Mizuno) wird an einen fürchterlichen Tatort gerufen. Dort findet sie versteckt in einem finsteren Hinterhaus zwei bestialisch verstümmelte Leichen: Die geschundenen, in Einzelteile zerhackten Körper wurden mit Teilen von Schaufensterpuppen zu einem bizarren Arrangement "ergänzt". Es ist ein drastischer Schockmoment, mit dem Sion Sono, der sich auf durchaus Heftiges versteht ("Suicide Club"), die Nerven seiner Zuschauer zu Beginn testet. Danach lässt er lange in mehreren, sich überlagernden Episoden vergleichsweise Harmloses folgen.

Zwar erleidet auch Izumi Grausames - und das Tag für Tag aufs Neue. Doch ihre Verletzungen sind zunächst rein seelischer Natur. Die attraktive junge Ehefrau wird von ihrem pompösen Mann, der es offensichtlich liebt, von seinen Leserinnen angehimmelt zu werden, aufs Sträflichste vernachlässigt. Umso bereitwilliger lässt sie sich für eine ruppige "Education sentimentale" gewinnen, bei der die biedere Hausfrau, angeleitet von einem charismatischen Pornodarsteller, zum sexuell hungrigem Triebwesen heranreift. "Keine Angst, wir tun nur so", flüstert der schlaksige junge Mann Izumi ins Ohr, als er sie vor den Kameras des "Mode"-Shootings verführen soll. Doch dann wird aus der angedeuteten eine wirklich leidenschaftliche Lust - und Izumi zur selbstbewussten Hure. "Belle de Jour" von Luis Buñuel grüßt überdeutlich.

Zu künstlich für den großen Wurf

Überhaupt liebt es der Regisseur offensichtlich, nicht nur auf der Klaviatur des Genrefilms zu spielen, den er zwischen den Extremen schwanken lässt, ohne jemals komplett explizit zu werden. Auch die kulturellen Andeutungen - an europäische Kunstfilme wie auch an Hochkulturelles wie Franz Kafkas rätselhaften "Das Schloss"-Roman - häufen sich.

Schon am Tatort des grausigen Leichenfundes hatte ein Unbekannter mit blutiger Leuchtfarbe "Schloss" an die Wand gepinselt. Eben dieses versucht auch Izumi den lange mäandernden Film hindurch immer wieder zu finden. Dass das Geschehen dabei von getragenen Gustav-Mahler-Klängen untermalt wird, erhöht das Tempo des Films nicht unbedingt. Alles in allem kommt so ein Werk heraus, das durchaus das Potenzial besitzt zu fesseln und seine Zuschauer im positiven Sinne vor den Kopf zu stoßen. Leider steht der plakative Kunstanspruch einer rundum überzeugenden Gesamtwirkung etwas im Wege.

Rupert Sommer, Teleschau/TELESCHAU

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