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20. Mai 2010, 12:26 Uhr

Alle im Fluss

München hat kein Meer, und doch ist eine der größten Attraktionen eine Flusswelle mit Surfern. Über die medienscheuen Wellenreiter gibt es erstmals eine Kino-Doku. "Keep Surfing" hat sogar Politik gemacht. Von Matthias Schmidt

Völlig hemmungslos: Die Eisbach-Surfer ziehen blank© Pipelines Pictures

Auf Hawaii würden sie milde lächeln über so eine Welle. Gerade mal so breit wie ein Gartenteich und nicht viel höher als 140 Zentimeter. Keine Welle, eher eine Delle. Und doch pilgern seit über 30 Jahren Surfer aus Bayern und anderen fremdartigen Ländern an einen Nebenarm der Isar, den Münchner Eisbach. Klettern unter den Kastanien- und Ahornbäumen am Ufer nackt in schwarze Neoprenanzüge, um kurz darauf ihre Bretter in das wahrlich eisige Flüsschen zu werfen.

Neulich schaute auch einer dieser mit allen Wassern gewaschenen Surfprofis vorbei. Einer, der routinemäßig Monsterwellen besteigt vor Tahiti und vor Hawaii. Er blickte auf die Delle, auf das flaschengrüne Nass, das mit der Wucht eines ungebremsten Güterzuges unter zwei steinernen Brückenbögen hervordonnert. 21.000 Liter pro Sekunde, die hier am Rande des Englischen Gartens auf eine künstliche Schwelle aus Granit prallen und sich aufstülpen zu einer wulstigen, dauerhaften Woge. Ganz blass wurde der Profi. "Ich glaube, ich habe Angst", sagte er, stieg dennoch ins Wasser und wurde sofort umgerissen von der Strömung. Belächelt und weggespült. In einer Stadt, in der man Hawaii nur als Toast kennt. Die Delle hatte ihr wahres Gesicht gezeigt. Hinterfotzig nennen die Einheimischen so was.

Björn Richie Lob, 35, ist Regisseur, Kameramann, Cutter und begeisterter Surfer. In jahrelanger Arbeit hat er das Material für "Keep Surfing" zusammengetragen© Pipelines Pictures

Sonnyboys, Outlaws und Familienväter surfen auf der Eisbach-Welle

Quirin Rohleder und Björn Richie Lob, beide 35, schmunzeln noch heute, wenn sie diese Geschichte zum Besten geben. Sie sitzen in einem Museumscafe, nur einen Steinwurf von der fiesen Welle entfernt, und wühlen wie zwei erfahrene, gut gelaunte Veteranen in ihren Eisbacherinnerungen. Rohleder, früher Dolmetscher, heute Marketingmanager und professioneller Surfer, warf sich schon mit 13 auf ein Bodyboard und bezwang die Welle im Liegen. Lob, Fotograf und Kameramann, zog nur der Welle wegen von Köln nach München und verbrachte monatelang fast seine gesamte Freizeit auf dem Eisbach.

Auch wenn viele der Surfer eher verschlossene Eigenbrötler sind, lernte Lob so immer mehr Gleichgesinnte kennen und schätzen. Da ist der schweigsame Dieter, Familienvater und ebenfalls Kameramann, ein Flusssurfer der ersten Stunde, dessen Tochter beim Wellenreiten einmal fast ertrunken wäre. Da war der ganzkörperlich tätowierte Eli, der in seiner Heimatstadt San Diego Ärger mit einem Drogenboss bekam, flüchten musste und seitdem weltweit nach guten Flusswellen sucht. Da war der Sonnyboy Quirin, dessen eleganter Stil für Furore in der Szene sorgte.

Und da war der wilde Walter, Tankschutzmonteur und Motorradrocker. Der irgendwann die Nase voll davon hatte, dass die Welle nur bei Hochwasser ordentlich lief und in einer geheimen Aktion Eisenbahnschwellen ins seitliche Flussbett montierte: die eigentliche Geburt der Münchner Dauerwelle. Walter, der bald als Hausmeister der Welle galt, war es auch, der seinen Surfspot verbissen verteidigte gegen all die Adabeis und Möchtegern-Wellenreiter, die hier Show machen wollten, nicht Sport. Als der mehrfache Weltmeister Kelly Slater den Eisbach für einen PR-Aktion nutzen wollte, drehte ihm Walter mit ein paar Handgriffen kurzerhand das Wasser ab. Das hinterfotzige Monster lag plötzlich flach und ungefährlich im Bach, der Rest war Gischt.

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