Die Musik steht erstmal hinten an. Multitalent Justin Timberlake gibt mit "In Time - Deine Zeit läuft ab" sein Debüt als Actionstar. Ein Treffen mit einem, der einfach alles kann. Von Ulrike von Bülow

Justin Timberlake: Musiker, Schauspieler, Entertainer, Geschäftsmann© Stuart Wilson/Getty Images
Es ist seltsam, ihn zu beobachten. Er sitzt an einem Tisch, schwarz die Hose, schwarz das Hemd. Er hat ozeanblaue Augen und ein Gesicht, das sahneweiß ist und hübsch glatt. Justin Timberlake sieht nicht viel älter aus als der Knabe auf der Kinderschokolade, doch er klingt wie ein Mann um die 50, als er an diesem Nachmittag über seine Karriere nachdenkt. "Ich arbeite seit zwei Jahrzehnten. Also fast mein ganzes Leben lang", sagt Justin Timberlake, zieht die Augenbrauen hoch und mogelt zwei Fältchen auf seine Stirn. "Es ist verrückt", sagt er dann. Und so kann man das natürlich sehen.
Justin Timberlake ist erst 30, aber er hat einen Lebenslauf, der sich liest, als sei er im Windkanal der Unterhaltungsindustrie entstanden. Ein Show-Roboter, bei dem man sich fragt: Hat der Knöpfe auf dem Rücken, mit denen er sich bedienen lässt? Knöpfe, auf denen steht: "singen", "tanzen", "moderieren" oder "schauspielern"? Justin Timberlake funktioniert auf jedem Sektor. Er wurde in einer Boyband groß ('NSync), landete dann solo ein paar Hits (wie "SexyBack"), und nun glänzt er auch noch in Filmen (wie "The Social Network").
Timberlake scheint immer alles richtig zu machen, er wirkt fast schon langweilig in seiner Perfektion. Gleichzeitig ist es aber natürlich das, was ihn interessant macht: In der Welt der Superstars ist er auffällig unauffällig. Wie ein Golf, den jemand in einer Lamborghini-Garage geparkt hat. Ihm fehlt die Tragik eines Michael Jackson, die Exzentrik eines Robbie Williams. Er hat den Charme eines jungen Mannes, den jeder mag: Ob Mutter oder Tochter, Vater oder Sohn - auf Justin Timberlake können sich alle einigen. "Man schaut ihm einfach gern zu", sagt David Fincher, der Regisseur von "The Social Network", "und fragt sich, was Justin wohl als nächstes macht".
Timberlake war in diesem Jahr in zwei Komödien zu sehen: "Bad Teacher" und "Freunde mit gewissen Vorzügen". Nun folgt ein Science Fiction-Thriller: "In Time - Deine Zeit läuft ab", der am 1. Dezember in Deutschland anläuft, für den er an diesem Dienstag in New York City ein bisschen PR machen soll, aber dann geht es vor allem um ihn. Warum auch nicht. Er wird hier längst als Gesamtkunstwerk betrachtet: "Justin Timberlake ist berühmt dafür, Justin Timberlake zu sein", schrieb neulich der "Playboy". Justin Timberlake sagt, er sehe das ein wenig anders: "Ich wache nicht auf und fühle mich berühmt. Ich mag bloß, was ich tue."
Und vermutlich kann man ihm das glauben, denn Justin Timberlake ist heute das, was er immer sein wollte - ein Entertainer. Doch wenn man ihm ein Weilchen zuhört, wird klar, dass er auf dem Weg dahin nicht immer so leichtfüßig unterwegs war wie anfangs, als er seinen Idolen nacheiferte, "Typen, die alles konnten: Gene Kelly, Frank Sinatra, Dean Martin". Als kleiner Junge spielte er deren Songs auf seiner Gitarre nach - wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, seine Eltern und deren Freunde zu parodieren, was seine Eltern und deren Freunde stets sehr lustig fanden. "Es war ein tolles Gefühl, als Kind Erwachsene zum Lachen zu bringen", erinnert er sich.
Timberlake wuchs in Shelby auf, einem Vorort von Memphis, Tennesse - mit einer netten Mutter, die ihm versprach: So lange du Spaß daran hast, fahre ich dich zu jedem Vorsingen, bei dem du vorsingen möchtest. Auch zu jenem für den "Mickey Mouse Club", einer TV-Show für Kinder, in der Klein-Justin mit anderen Jungtalenten auftrat, wie Britney Spears und Christina Aguilera.
Bald darauf wurde Timberlake für 'NSync entdeckt, da war er 14. Die Band verkaufte allein in den USA mehr als elf Millionen Alben. Und brachte weltweit die Mädchen zum Kreischen - vermutlich auch ein tolles Gefühl, doch Timberlake sagt: "Du bist in einer Arena mit 80.000 Leuten, wo es so laut ist, dass du glaubst, die Dezibel sehen zu können - aber dann steigst du nach dem Konzert in einen Bus, plötzlich ist es still, und du bist allein. Das ist eine manische Erfahrung."
Wie kommt ein Teenager mit all dem klar, ohne sich in eine Entziehungsklinik zu trinken? "Das Wichtigste ist eine gute Erziehung", sagt Timberlake und zitiert seine Mutter. "Als es losging mit unserem Ruhm, sagte sie zu mir: Ich könnte nicht stolzer auf dich sein. Du bist außergewöhnlich und bewegst die Leute, aber das macht dich zu keinem besseren Menschen. Du ziehst deine Hosen immer noch an wie jeder andere auch. Ein Bein nach dem anderen." Er lächelt. "Das beeindruckte mich nachhaltig."
Er war der Jüngste der Band und entwickelte sich zu ihrem kleinen Streber: "Ich schaute mir Aufnahmen unserer Shows an, machte mir Notizen, was wir verbessern konnten. Ich war nie zufrieden. Ich hab die anderen bestimmt krank gemacht." Aber dafür hat er sie künstlerisch überlebt. Mit Boyband-Jungs verhält es sich ja meist wie mit Pusteblumen: Sie sind ein Weilchen hübsch anzusehen, dann zerfallen sie und verschwinden. Nicht so Justin Timberlake, der nach 'NSync erst richtig aufblühte. In dem Ehrgeiz, "dass mein Leben nicht durch die Band definiert wird".
Er tat sich mit Timbaland zusammen, dem Hip-Hop-Produzenten, entwickelte seinen eigenen Stil, R&B gefärbten Pop - und klang plötzlich sehr erwachsen. Sexy. Wie bei "Rock Your Body", wo er hauchte: "Girl, I'm gonna have you naked by the end of this song". Doch Timberlake war nicht halb so locker, wie er sich anhörte: "Ich war sehr angespannt, ich konnte das Leben nicht richtig genießen, weil ich glaubte, ich müsse allen zeigen, dass ich in keine Schublade gehöre". Und so wandte er sich der Schauspielerei zu - und den Schauspielerinnen: Cameron Diaz, mit der er von 2004 bis 2007 liiert war. Und Jessica Biel, mit der er die vergangenen vier Jahre verbrachte, ehe die beiden sich im Sommer trennten. Timberlake will zu seinem Privatleben nichts sagen, doch es heißt, er und Biel seien wieder zusammen - seit er kürzlich Arm in Arm mit ihr im "Southern Hospitality" saß, einem rustikalen Barbecue-Restaurant hier in Manhattan, mit roten Backsteinwänden und viel dunklem Holz, in dem Timberlake sein bester Gast ist: Der Laden gehört ihm.

Justin Timberlake und Amanda Seyfried in "In Time - Deine Zeit läuft ab"© Twentieth Century Fox
Denn Mr. Timberlake ist inzwischen auch Geschäftsmann: Er betreibt eine Modelinie ("William Rast"), eine Schnapsmarke ("901 Tequila") und ist Teilhaber der Firma "Specific Media", die MySpace kaufte, wo er nun "als Kreativer" wirkt und über Talent-Wettbewerbe à la "MySpace sucht den Superstar" nachdenkt. Zudem legte er sich ein kleines Laster zu - er kifft jetzt gerne mal.
Man kann sich das von Herrn Stromlinienförmig kaum vorstellen, vielleicht hat deshalb auch niemand laut aufgeschrien, als Timberlake in einem Interview gestand, Marihuana helfe ihm, "nicht zu denken. Ich habe ein Hirn, das manchmal abgeschaltet werden muss." Weil er ja immer nach etwas suche, das "neu" für ihn sei. Doch Timberlake sagt heute, er sei gelassener geworden, da er nicht mehr das Gefühl habe, "etwas beweisen zu müssen". Das sei mit "The Social Network" verschwunden - als er endlich auch als Schauspieler Anerkennung bekam.
Timberlake galt als "zu berühmt" für eine Rolle, wie Regisseur David Fincher sagt: In seinen frühen Werken (wie dem düsteren "Alpha Dog") erschien Justin Timberlake wie Justin Timberlake in einem Film - aber nicht wie die Figur, die er darstellen sollte. Aber dann besetzte Fincher ihn als Napster-Gründer und Facebook-Investor Sean Parker, der laut Drehbuch "durch den Raum geht wie Frank Sinatra", also ausstrahlen sollte: Ich bin hier der King of the Hill. "Und Justin war perfekt", sagt Fincher. "Er braucht keinen Dialog, er besitzt die Gabe, mit seinen Augenbrauen, seinen Händen alles sagen zu können." Man vergaß, dass es Justin Timberlake war, der da auf der Leinwand in Sean Parker steckte.
Er war in seinem Entertainer-Element. Wie im wahren Leben, wo Timberlake eine Laune versprüht, als bade er jeden Morgen in einem Kessel mit Brausepulver. Er sprudelt, kaum dass er geblitzt oder gefilmt wird. Egal, ob er bei den US-Open ein Tennisspiel verfolgt, auf der Videoleinwand gezeigt wird, aufspringt und ein kleines Tänzchen hinlegt. Oder ob er bei "Saturday Night Live" den Gastmoderator gibt und selbstironisch singt, dass er nicht singen will: "I don't want to si-hi-hi-hing." Nie wieder? Nicht doch: "Ich habe nicht aufgehört, Musik zu machen. Ich mache nur jetzt andere Dinge." Sagt Timberlake und grinst. Alt und weise.