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Mit Overacting gegen den Drachen

Die Murnau-Stiftung hat Fritz Langs Stummfilm-Oper "Die Nibelungen" nach vierjähriger Restaurierung zurück in die Kinos gebracht. Dem Publikum der Uraufführung gefiel's - auch wenn das Werk durch seine übertriebene Stummfilmmimik eher komisch als tragisch wirkte.

Großes Kino in der Deutschen Oper: Zum zweiten Mal haben Fritz Langs "Nibelungen" Weltpremiere gefeiert. Nach dem Erfolg von 1924 präsentierte die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung den Stummfilmklassiker nach vierjähriger Restaurierung am Dienstagabend in Berlin in neuer Fassung. "Ein über 80 Jahre alter Film ist immer noch in aller Munde", sagte der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Eberhard Junkersdorf.

Der Nibelungen-Epos wurde in den Filmstudios Babelsberg in Berlin verfilmt. Das Drehbuch schrieb Langs damalige Ehefrau Thea von Harbou. Am 14. Februar und am 26. April 1924 wurden der erste ("Siegfried") und zweite Teil ("Kriemhilds Rache") im Ufa-Palast Zoo zum ersten Mal uraufgeführt.

Die neue deutsche Version präsentierte sich das Publikum in der ausverkauften Oper am Dienstag in hervorragender Bildqualität und originalgetreu in orangefarbener Färbung. Die Zuschauer amüsierten sich durchweg über die übertriebene Stummfilmmimik und -gestik sowie die großartige schauspielerische Leistung der Darsteller.

Der junge Siegfried, anfangs noch unbeholfen und stürmisch, will die schöne Königstochter von Burgund, Kriemhild, erobern. Der Jüngling erntet dafür nur Spott, lässt sich aber nicht beirren. Auf dem Weg erlegt er einen Drachen, in dessen Blut gebadet er vermeintlich unverwundbar wird. Als Held zieht er weiter nach Burgund, und die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf.

Selbst der zweite düsterere Teil der Saga bringt das Publikum immer wieder zum Lachen. Nicht zuletzt wegen der komisch überspitzten Tragik des Filmhergangs: Getrieben vom Schmerz der Ermordung ihres Siegfrieds, ist Kriemhild besessen vom Gedanken der Rache. Das anfangs liebenswürdig und schüchtern wirkende Kind wird zu einer wahnsinnigen bösen Königin, die jeden einzelnen ihrer Lieben opfert, um selbst Genugtuung zu erfahren: "Blut schreit nach Blut!" Alles flehentliche Bitten hilft nichts.

hr-Sinfonieorchester reißt das Publikum mit

Dirigent Frank Strobel hat am Dienstagabend extra ein weißes Hemd angezogen: Sein Orchester solle ihn besser sehen. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks ist es nicht gewohnt, unten im Graben zu spielen. "Nach den fünf Stunden wollen Sie gar nicht mehr wieder raus", prophezeite Strobel den Musikern lachend bei der Anspielprobe am Vormittag der Uraufführung.

Bis zum letzten Schluss riss die Musik die Besucher mit: Showdown im Schloß Etzel, minutenlange Kampfszenen der Hunnen mit den Burgundern, Niedergang der Nibelungen und Tod der Kriemhild. Auch beim letzten und "siebenten Gesang" des zweiten Teils, nach fünf Stunden, schienen die Zuhörer nicht ermüdet.

Vollständig war erstmals die Schlussszene, in der Kriemhild erstochen wird. Die bisher vorliegenden Fassungen zeigten lediglich, wie sie nach vollendeter Rache sterbend zusammenbricht.

Die originale Filmmusik von Gottfried Huppertz (1887-1937) wurde in zweijähriger Anstrengung neu editiert. Zum ersten Mal könne man jetzt die gesamte Originalkomposition für großes Orchester hören, sagte hr-Musikchefin Andrea Zietzschmann.

Strobel war maßgeblich an der Restaurierung der Partitur beteiligt. Als weltweit renommierter Dirigent für Filmmusik setzte er sich immer wieder für historische Stummfilme und Originalpartituren ein. Bereits "Metropolis" - das erste von der Murnau-Stiftung restauriertes Meisterwerk Langs - dirigierte er zur Berlinale im Februar. Auch für den Soundtrack mehrerer Spielfilme stand er auf dem Podium, zuletzt für "Die Päpstin".

Nach der Premiere werden die restaurierten Nibelungen auf Festivals und im Kino zu sehen sein. Die Erstausstrahlung erfolgt auf dem europäischen Kulturkanal Arte. Der Termin steht noch nicht fest.

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