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29. Mai 2008, 17:39 Uhr

"Hollywood manipuliert doch ständig"

Einige halten ihn für ein Genie à la Ingmar Bergman, andere für einen Gewaltverherrlicher. Michael Haneke kann mit beiden Beschreibungen leben. Ein Gespräch mit dem deutsch-österreichischen Filmemacher, der mit einem Remake seines eigenen Gewaltschockers "Funny Games" in die Kinos kommt.

Verfilmte seinen eigenen Film neu: Michael Haneke. Der in München geborenen und in Wien aufgewachsene Regisseur fordert in seinen anspruchsvollen Filmen immer auch die Sehgewohnheiten des Zuschauers heraus© Michael Euler/AP

Keine Frage, es ist einer der brutalsten und in seiner Rohheit gewalttätigsten Filme des Jahres. Oder ist es doch nur ein Spiegel der Gegenwart, ein Zeichen einer Gesellschaft, die Gewalt nicht mehr spürt, sondern nur noch konsumiert - wie eine kühle Brause an einem heißen Sommertag? "Funny Games U.S." greift nach den Emotionen des Kinobesuchers, wie ein Zahnarzt nach der Wurzel eines Weisheitszahnes greift. Bloß ohne Betäubung. stern.de traf Michael Haneke in Los Angeles zum Gespräch und erlebte einen Regisseur, der erstaunlich offen über Hollywood, Gewalt und politische Manipulation im Kino Auskunft gab.

Herr Haneke, warum ein Remake von "Funny Games"

Weil der Film beim ersten Mal nicht das Publikum erreicht hat, das ich mir gewünscht hatte. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir den Streifen beim ersten Mal in Deutsch gedreht haben.

Erfahren Europäer Gewalt anders als Amerikaner?

Tatsache ist, dass der Konsum von Gewalt in den Medien heute schier unerschöpflich ist. Und deshalb ist ein Film wie "Funny Games" auch heute wieder relevant.

Haben Sie versucht, mit diesem Film die Menschen bewusst zu beleidigen?

Nein, ich wollte niemanden beleidigen, aber ich wollte sehr wohl provozieren. Wenn jemand beleidgt ist, dann ist er selber schuld. Jeder kann nach fünf Minuten rausgehen. Ich sage immer, dass jeder, der sich diesen Film bis zum Schluss anschaut, ihn offensichtlich nötig gehabt hat.

Braucht die Gesellschaft denn einen solchen Film? Ja, von Zeit zu Zeit ist es mal ganz gut, daran erinnert zu werden, wie manipulierbar man ist als Zuschauer. Wenn ein Film intelligent konstruiert ist, dann kriege ich den Betrachter emotional dorthin, wo ich ihn haben möchte. Jede politische Manipulation funktioniert so. Wir werden alle manipuliert? Aber sicher. Hollywood manipuliert doch ständig. Schauen Sie sich doch den Film "Air Force One" an. Das ist reine amerikanische Polit-Propaganda. Aber es ist so verkauft worden, dass wir es gar nicht merken. Und das halte ich für sehr gefährlich. Ich versuche so zu manipulieren, dass das Publikum diese Manipulation versteht.

Sie wollen uns also mit diesem Brutalo-Film wachrütteln? Diese Interpretation überlasse ich Ihnen. Ich weiß nur, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der wir Gewalt wahrnehmen, wie wir einen warmen Sommerwind wahrnehmen. Kaum etwas schockiert noch, kaum etwas bringt uns zum Nachdenken. Warum haben Sie einen Hollywood-Star wie Naomi Watts für diesen Film engagiert? Ich hatte sie in "Mulholland Drive" und in "21 Gramm" gesehen. Mich hat ihre Verwundbarkeit beeindruckt. Und sie ist ein großer Sympathieträger, das ist auch nicht ganz unwichtig für diesen Part. Der Film ist brutal, aber die eigentlichen Tötungsdelikte zeigen Sie nicht, warum? Na ja, das ist keine neue Methode. Sobald man mit der Fantasie des Zuschauers arbeitet, ist es immer effektiver, als ihn mit der Banalität oder der Eindeutigkeit von Bildern zu konfrontieren. Bilder können die Fantasie runieren. Das Knarren auf der Treppe ist immer effektiver als die Fratze im Türrahmen.

Was machen Sie als nächstes?

Ein deutscher Film, er spielt vor dem Ersten Weltkrieg auf einem Dorf in Norddeutschland und setzt sich mit Erziehung auseinander. Wie ist diese Generation, die später in Nazi-Deutschland lebte, aufgewachsen?

Der Film In "Funny Games U.S." wird eine Familie von zwei jungen Männern in ihrem eigenen Ferienhaus gefangengehalten, gequält und ganz systematisch zermürbt. Es gibt keine Hoffnung auf Hilfe von außen, dazu ist das Ferienhaus zu abgelegen. Hanekes Film konzentriert sich bewusst auf die Hilflosigkeit der dreiköpfigen Familie und macht dadurch den Zuschauer zu einem Voyeur der psychischen, aber auch physischen Gewalt.

Interview: Frank Siering, Los Angeles
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Kalox (30.05.2008, 08:13 Uhr)
Code inconnu
habe ich zwar leider nicht komplett sehen können (lief zufällig auf arte) aber das, was ich sah, gehörte zu den intensivsten inszenierungen, die ich in einem film seit langem wahrnehmen durfte...klasse, bin gespannt auf den neuen film.
Wurschtie (29.05.2008, 11:12 Uhr)
Klasse Mann ...
... der weiß, wie man intensiv inszeniert. Vor allem seine Ansichten über das bewusste auslassen von tatsächlichen Gewaltszenen gefallen mir. Die Filme, in denen man sich den Rest 'dazudichten' muss sind immer die am intensivsten erlebten. vgl. "Das Leben ist schön" - (La vita e bella) Der Film kommt ohne eine einzige Gewaltszene aus, und ist um ein vielfaches intensiver als z.B. Schindlers Liste.
Diese Art, Filme zu machen ist wirklich meisterlich.
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