Der Dandy, seine Frauen und die hässliche Fresse

14. Oktober 2010, 09:46 Uhr

Vorsicht! Wer "Gainsbourg" nur schaut, um den Menschen hinter dem Skandal kennenzulernen, dürfte schnell enttäuscht werden. Sehenswert ist der Film des französischen Comiczeichner Joann Sfar dennoch: als Hommage auf ein Leben voller Sex, Skandale und Alkohol.

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Serge Gainsbourg hatte keinen Führerschein und sein Rolls-Royce diente ihm nur zum Rauchen. Und da er nicht so war, wie er sein wollte, suchte er seine Bestätigung durch den Skandal. Wer in dem Film "Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte" von Joann Sfar hofft, hinter dem Dandy und Kettenraucher mehr zu entdecken als einen Frauenheld und ein Musikgenie, wird enttäuscht. Denn der Film ist keine Filmbiografie, kein Biopic, obwohl er als solches offiziell bezeichnet wird. Dazu bleibt der fast zweistündige Streifen zu sehr an der Oberfläche. Für Fans bunter und surrealistischer Bilderwelten jedoch ist der Film ein wahrer Kinospaß.

Sfar, der mit der Hommage an Gainsbourg sein Regiedebüt feiert, kommt ursprünglich aus der Comic-Branche. Als begnadeter Zeichner hat er sich in dem Film viel künstlerische Freiheit genommen, Wirklichkeit mit surrealen Bilderfluten vermischt und in diesem Sinn fast schon ein eigenständiges künstlerisches Genre geschaffen. Als Vorlage zu dem Film diente ihm sein umfangreicher Comicband "Gainsbourg (Hors champ)".

"Die Wahrheit könnte mir gar nicht gleichgültiger sein. Ich liebe Gainsbourg viel zu sehr, um ihn ins Reich der Realität zurückzuholen", erklärte der 39-Jährige. Und so hat Sfar der französischen Musikikone eine riesige animierte Comicfigur an die Seite gestellt. Sie verkörpert seinen Alter Ego, Gainsbarre, den Gainsbourg Ende der 1970er-Jahre erschuf und in seinem Lied "Ecce Homo" als dauerrauchenden Kampftrinker und Nachtclub-König beschreibt.

Der Film deckt Gainsbourgs Leben von seiner Kindheit bis zu den letzten Auftritten ab. Er erzählt von seiner jüdischen Familie, seinen künstlerischen Anfängen als Barpianist und Maler, von seinem Durchbruch als gefeierter Musiker. Vor allem aber erzählt er von seinem sex-, skandal- und alkoholbegleiteten Leben und seinen zahlreichen Frauenbeziehungen - Juliette Gréco, Brigitte Bardot, Jane Birkin und Bambou, seiner letzten Lebensgefährtin. Was inhaltlich eher dem deutschen Filmtitel, "Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte", entspricht als dem etwas beliebiger klingenden Original "Gainsbourg, vie héroïque" (etwa: Gainsbourg, heldenhaftes Leben).

Gainsbarre oder "Die Fresse", wie Gainsbourg sein Alter Ego nannte, war der Gegenpart des zeitlebens von Selbstzweifeln gequälten Sängers, den Sfar in dem Film mit riesigen abstehenden Ohren und einer langen Pinocchio-Nase darstellt und der äußerst gelungen von Doug Jones gespielt wird. Die animierte Comicfigur gehört zu den vielen durchaus guten Ideen, die Sfar als Comiczeichner in den Film einfließen lässt. Jedoch löst sich die Lebensgeschichte dadurch auf, verliert an psychologischer Tiefe und wird zu einer Art comichaftem Realismus.

Die Besetzung der Rollen ist mehr als gelungen. Laetitia Casta räkelt sich sexy als Brigitte Bardot auf dem Klavier sowie zu Gainsbourgs Füßen. Die britische Schauspielerin Lucy Gordon, die sich kurz vor der Veröffentlichung des Films in ihrer Pariser Wohnung das Leben nahm, spielt die zerbrechliche Jane Birkin, mit der Gainsbourg zusammen im prüden Frankreich des Jahres 1969 den lasziv gestöhnten Song "Je t'aime moi non plus" veröffentlichte. Entscheidend für den Film ist die Leistung von Eric Elmosnino, der Gainsbourg nicht cooler, zynischer und authentischer hätte darstellen können.

In Deutschland wird Gainsbourg im Wesentlichen auf seine Affären reduziert und auf seine Skandalsongs, von denen im Film einige teilweise neu interpretiert und mit eigener und fremder Musik angereichert wurden. Ein Bild, das Sfars durchaus unterhaltsamer und ideenreicher Film leider noch bekräftigt.

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Sabine Glaubitz, DPA
 
 
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