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Warum "Game of Thrones" so erfolgreich ist

Wenn jemand die Qualität von "Game of Thrones" einschätzen kann, dann sie: Tanja Kinkel schreibt mit großem Erfolg historische Romane und ist Fan der Reihe. Warum, erklärt sie im stern.

Von Tanja Kinkel

  Wir er in der nächsten Staffel noch dabei sein? Tyrion Lennister (Peter Dinklage) ist einer der beliebtesten Charaktere von "Game of Thrones"

Wir er in der nächsten Staffel noch dabei sein? Tyrion Lennister (Peter Dinklage) ist einer der beliebtesten Charaktere von "Game of Thrones"

Als ich im vergangenen Jahr mit meinem Roman "Manduchai" auf Lesereise war, sprach mich nach der Lesung eine junge Frau an, und bemerkte, in einer der vorgetragenen Szenen habe die mongolische Herrscherin sie an "die Khaleesi Danaerys" erinnert. Ich verstand die "Game of Thrones"-Anspielung sofort.

Maßstäbe für die Popularität einer Buch- und Fernsehserie lassen sich schwer definieren. Verkaufszahlen verraten nicht, warum eine - ja immer noch nicht beendete - Geschichte weltweit so beliebt geworden ist, dass man in Deutschland, in den USA oder auf den Philippinen heftig darüber diskutieren kann, wer am Ende auf dem Eisernen Thron von Westeros sitzen wird, oder welche beliebte Figur als nächstes umgebracht werden wird. (Eine Herrscherin, die sich besagten Thron entgehen ließ, war übrigens Elizabeth II. von England, die tatsächlich die Dreharbeiten besuchte und sich neben, aber eben nicht auf dem eisernen Thron ablichten ließ. Sie hat eben gute Überlebensinstinkte. Die bisherigen Okkupanten dieses Throns nahmen ein sehr unerfreuliches Ende.)

G.R.R. Martins Romanserie hatte sich längst eine treue Lesergemeinde erworben, als HBO mit der Verfilmung begann. Aber die Leser können nur einen Teil der globalen Zuschauergemeinschaft ausmachen. Martin ist dafür berühmt, Jahre für seine - sehr umfangreichen - Romane zu brauchen und hat seine Saga immer noch nicht beendet, die Fernsehserie dagegen legt jedes Jahr eine Staffel vor. Mit der aktuellen ist das Ende des veröffentlichten Buchmaterials erreicht und wird von den Drehbuchautoren in Absprache mit Martin trotzdem weitergeführt werden - was vermutlich bedeutet, dass die Fernsehserie noch vor dem Erscheinen des letzten Bandes enden wird. Zudem verfügt die Fernsehserie zwar ebenfalls über ein großes Ensemble an Charakteren, wurde aber im Vergleich zu den Romanen bereits wesentlich entschlackt.

Wesentlich für den Reiz der Fernsehserie ist, dass Martins Fantasy-Saga mit einem Etat, einem Aufwand und vor allem einer Ernsthaftigkeit umgesetzt wurde, wie es im Fernsehen bislang nur wenigen Projekten vorbehalten war. Früher mussten Fantasy- und Science-Fiction-Serien mit einem minimalen Budget fertig werden, und hatten oft nur eine Woche Drehzeit für eine Folge. Wenn es Außenaufnahmen gab, dann höchstens im nächsten Steinbruch.

Für "Game of Thrones" dagegen finanziert HBO europaweit Drehorte, von Island bis Kroatien. Die Schauspieler sind ebenfalls bemerkenswert: Wir reden hier sowohl von Legenden wie Diana Rigg und Charles Dance als auch vielversprechenden Jungtalenten wie Maisie Williams als jüngster Stark-Tochter Arya, die sich im Laufe der Serie vom naiven kleinen Mädchen zur mörderischen Assassine wandelt.

Dazu erhalten unbekannte Charakterdarsteller erstmals die Chance, vor einem breiten Publikum aufzutreten: Peter Dinklage spielt als Tyrion Lannister die Rolle seines Lebens. Sie alle haben genauso viel Zeit, um sich auf ihre Rollen vorzubereiten, wie sie es bei Shakespeare-Texten hätten. Von den Zuschauern wird nur verlangt, dass sie bereit sind, sich auf eine komplexe Geschichte voller Grauzonen und Handlungsstränge einzulassen, die größtenteils ein einfaches Gut-gegen-Böse-Szenario vermeidet, und deren politische Verwicklungen genauso kompliziert sind wie die der Gegenwart.


Dabei bedienen sich Martin und die Drehbuchautoren zahlloser Fragmente aus der europäischen und asiatischen Geschichte, um sie zu einem neuen Mosaik zusammen zu setzen. Die Parallelen zu den englischen Rosenkriegen zwischen York und Lancaster sind bei den Fehden zwischen den Häusern Stark und Lannister unverkennbar, genauso wie das Volk von Danaerys' erstem Gemahl Drogo deutlich an die Mongolen angelehnt ist. (Ihr Titel "Khaleesi" entspricht dem realen "Khatun"; es war also kein Wunder, dass meine Leserin da Parallelen ausmachte.) Gleichzeitig spielt "Game of Thrones" mit bekannten und beliebten Fantasy-Elementen wie Drachen, Zombies, schwarze und weiße Magie - und setzt sie mit den historischen in einen neuen Zusammenhang.

Als Leserin hat mich immer fasziniert, wie Martin unterschiedliche Perspektiven benutzt, um vermeintliche Gewissheiten immer wieder zu erschüttern. So stellte sich das um das Haus Stark kreisende Geschehen des ersten Romans in der Lannister-Perspektive des zweiten Buches auf einmal völlig anders dar. Die Fernsehserie, obwohl keinen Perspektiven verpflichtet, bringt diese Vielschichtigkeit auf sehr überzeugende Weise herüber und fügt oft noch etwas hinzu. Wie zum Beispiel bei Cersei Lannister, eine von Martins wenigen eindimensional negativen Charakteren, die in der Fernsehserie durch Lena Headeys wunderbare Darstellung auf einmal einen sardonischen Sinn für Humor entwickelt - zu meiner völligen Überraschung wurde sie so zu einer meiner Lieblingsfiguren.

Nicht alles, was die Serie bietet, ist geglückt. Auch in einem Fantasy-Kontext ist es fragwürdig, versklavte farbige Völker von einer weißen Retterin befreien zu lassen. Vergewaltigung ist etwas, das hier ausschließlich Frauen passiert - was dann zum Realismus verklärt wird. Wohingegen die zum großen Teil aus ehemaligen Schwerkriminellen bestehenden Männer der Nachtwache, denen keine Frauen zur Verfügung stehen, rätselhafterweise nie auf die Idee kommen, sich aneinander zu halten; die Männer von Westeros sind da offenbar ganz anders als die in unseren Gefängnissen...

Das ändert allerdings nichts daran, dass es sich um ein erstaunlich spannend und vielschichtig gemachtes Ganzes handelt. Gerade läuft die fünfte Staffel, und ich bin natürlich wieder dabei!

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