Die Geburt der Stadt aus Blut und Gewalt

28. Februar 2003, 18:35 Uhr

Keine aufrechten Sheriffs, nirgends edle Siedlerfrauen. Stattdessen üble Typen und blutige Gemetzel - Martin Scorsese wirft einen Blick in die hässliche Vergangenheit Amerikas.

In den Hauptrollen: Daniel Day-Lewis und Leonardo DiCaprio

Frischer Schnee liegt in New York City. Auf Manhattans Lower Eastside hat ihn ein gutes Dutzend Aktivisten vor einem der zahlreichen Gerichtsgebäude zu Matsch zertrampelt. "No war", rufen sie gebetsmühlengleich, ein Polizist schaut gelangweilt zu. Er ist der einzige Zuschauer, hier am Rande von Chinatown, an einem Ort, der einst Five Points hieß, weil fünf Straßen sternförmig aufeinander zu liefen; in der Mitte ein Gärtchen: "Paradise Square". Vor rund 150 Jahren war dort Krieg und Mord und Totschlag, jeden Tag, jahrzehntelang.

Blut färbt den Schnee von Five Points, nachdem sich das Tor zur Hölle aufgetan und der irische Priester Vallon seine Gefolgschaft hinausgeführt hat aus dem Bauch der riesigen, alten Brauerei. Er vorneweg mit einer Standarte, an der ein totes Kaninchen baumelt. Die "Dead Rabbits", eine der "Gangs of New York", warten auf die "Native Americans", die gebürtigen Amerikaner. Es geht um die Herrschaft über Five Points, es geht um Macht. Am Ende der Schlacht ist der Priester tot, man ahnt: Dies ist der Auftakt zu einer gigantischen Metzelei, Martin Scorsese lässt von Anfang an keinen Zweifel daran.

Die Handlung seines epischen Filmes "Gangs of New York" ist schlicht und wenig ergreifend, ein bisschen Ödipus, ein bisschen Hamlet und Hollywood-Sirup obendrauf: Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), Sohn des Priesters und Bandenchefs, rächt den im Schneegestöber von "Bill the Butcher" (Daniel Day-Lewis) krude exekutierten Papa (Liam Neeson). Vollwaise Amsterdam kehrt nach Jahren im Heim in sein Viertel Five Points zurück. Er ergaunert sich unter falschem Namen das Vertrauen des Mörders, bewundert den sogar für Stärke und Kraft und verliebt sich in das gerissene Straßenmädchen Jenny Everdeane (Cameron Diaz).

Unseligerweise teilt sie ihr Laken auch mit dem Butcher, sie muss sich also entscheiden zwischen den beiden Machos, und selbstverständlich wählt sie den jungen Vallon. Ganz zum Schluss, nach zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten, darf der endlich den üblen Bill meucheln. Was insofern komisch wirkt, als DiCaprio trotz aller maskenbildnerischen Kniffe - gelbe Zähne, Stoppelbärtchen, das Fetthaar zum verwegenen Schwänzchen gebunden - eben immer noch so ausschaut wie DiCaprio: kein bisschen böse und gefährlich. Wohingegen der famose Day-Lewis den Butcher mit solcher Perfektion mimt, dass man dem auch jenseits des Sets jede erdenkliche Schweinerei zutraut.

"Gangs of New York" ist ein pompöser, großer Film, aber kein großartiger. Er ist an vielen Stellen unnötig brutal, an einigen unnötig sentimental und am Ende sogar idiotisch verkitscht. Er reicht nie heran an die Klasse von Scorseses Meisterwerken "Good Fellas", "Taxi Driver" oder "Wie ein wilder Stier".

Kultur


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