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10. März 2004, 16:24 Uhr

"That's it, basta"

Regisseur Fatih Akin und Schauspieler Birol Ünel über ihren Film "Gegen die Wand", Porno-Schlagzeilen, Rassismus und vergoldete Scheiße.

"Wir machen unser Ding, wir machen es in Deutschland": Briol Ünel (l.), 40, und Fatih Akin, 30© Olaf Ballnus

BIROL ÜNEL (zur Kellnerin): Bringst du mir noch 'n Bier? Aber ein alkoholfreies. Sonst heißt es wieder, ich bin besoffen.

Beinahe täglich titeln Boulevard-Blätter mit neuen "Enthüllungen" über die Darsteller von "Gegen die Wand". Genervt?

FATIH AKIN: Der Film wird dafür sorgen, den Blickwinkel zu verschieben. Ich wünsche mir, dass es zu einem Aha-Effekt kommt, dass Sibel mit ihrem Spiel überzeugt und Birol wieder stärker in den Vordergrund rückt.
ÜNEL: Man sollte Sibel endlich in Ruhe lassen, sie hat ihre Arbeit wunderbar getan und ist ein ganz großes Talent. Sie wird sich mit Sicherheit in den nächsten Jahren profilieren und that's it, basta. Wer sich einen runterholen will - dafür gibt's einschlägige Orte.

Unabhängig von dem Schaden für Sibel Kekilli: Ist der Wirbel - zynisch gesagt - nicht die beste Werbung für den Film?

AKIN: Unser kleiner, schmutziger Independent-Film hat diese Form der Reklame nicht verdient. Niemand hat uns gefragt, ob wir das wollen. Wir hätten mit Sicherheit nein gesagt. Zumal da eine Kampagne hinter steckt, was mir aber erst jetzt klar geworden ist. Das Ziel ist Rassismus. Das war ganz eindeutig bei der Birol-Geschichte in der "Bild"-Zeitung. Das ist doch Volksverhetzung. Toll für Leute, die in ihrem Rassismus bestärkt werden. Franz Josef Wagner schreibt in "Bild" über "drahtige Haare" und "olivenfarbene Haut", das hat einen ganz komischen Beigeschmack. Das fühlt sich nicht gut an.
ÜNEL: Ich finde es ja schön, wenn man mich "zärtlicher Rebell" nennt, das hat was Poetisches. Aber um das mal klarzustellen: Ich war in den 80er Jahren Autonomer. Ich habe damals in Hannover alles mögliche gegen rechte Gruppen wie die FAP gemacht. Dazu stehe ich. Das ist für mich auch Zivilcourage. Ich habe dem Obermacker der FAP aufs Maul gehauen und wurde verurteilt auf Bewährung.
AKIN: Und so stehen wir halt voll in der Tradition unseres Außenministers, der für uns ein gutes Vorbild ist.

Birol, nach über 60 Film- und TV-Auftritten haben Sie tatsächlich den Ruf, schwierig zu sein.

ÜNEL: Bitte nehmt mir nicht meinen schlechten Ruf! Sonst verhungere ich noch. Ich weiß aus Äußerungen von Produzenten und Regisseuren, dass es wirklich so etwas wie eine "schwarze Liste" gibt, auf der ich draufstehen soll. Allein das ist ja schon scheiße, dass das so rumgeht. Bei den 60 Filmen habe ich ja mindestens 50 Produktionsleiter getötet, ich habe den ganzen Keller voll mit Leichen von Produktionsleitern (lacht). Ich finde das gar nicht schlimm. Ich versuche halt, Scheiße zu vergolden, aber Scheiße fressen tu ich nicht. Darauf müssen sich die Regisseure einlassen.

"Gegen die Wand" bedeutete für Sie vollen Körpereinsatz - nicht nur wegen der Sexszenen.

ÜNEL: Am schwierigsten war, meinen Alkoholismus zu bekämpfen, während ich einen Alkoholiker spielen musste. Ich hab mir ein Limit gestellt von zwei bis fünf Bier pro Tag, damit ich nicht vollkommen auf Turkey komme. Es war sehr, sehr schwierig, gleichzeitig zu entziehen und all das wieder zu beleben, was man eine Zeit lang selber durchgemacht hat. Das war ein Ping-Pong-Spiel. Wenn welche sagten, "ach, der ist wieder besoffen", war das ein großes Kompliment, denn ich war eben nicht besoffen.

War es für Sie am Anfang Ihrer Karriere ein Problem, immer nur den Türken vom Dienst spielen zu müssen?

ÜNEL: Halb, halb. Was mich geärgert hat, war, dass mich nach der Ausbildung eine große Agentur als "deutschsprachigen" Jungschauspieler in die Ausländerkartei gepackt hat. Dagegen bin ich Sturm gelaufen. Da fing die Diskriminierung doch an. Ich hab kein Problem damit, eine Rolle zu spielen, die Mustafa heißt oder Jussuf - mein Vater heißt Jussuf. Mir geht's um die Geschichte, nicht um die Herkunft der Figur.

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