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19. Februar 2006, 09:00 Uhr

Der Mann, der nichts falsch macht

Er war hier! Bei uns! Auf der Berlinale! George Clooney hat das Land in kollektive Verzückung versetzt. Warum ist dieser Mann der beliebteste Filmstar der Welt? Eine Spurensuche in Italien und Amerika.

Vom Sexsymbol zum Powerplayer: Mit "Syriana" lieferte Clooney einen hochgelobten CIA-Thriller ab© Paul Hawthorne/Getty Images

Über die Geschichte mit der knallroten "Ape" müssen sie in Laglio heute noch grinsen. Das dreirädrige Lieferwägelchen, das wegen seines emsigen Gequäkes "Biene" heißt und eine italienische Legende ist, wurde eines Tages vor dem schmiedeeisernen Tor der Villa Oleandra abgeladen, nagelneu und mit einer Schleife gekrönt. Als Glücksbringer war das Geschenk gedacht, "für George", den prominenten Anwohner in der Via Regina 20. Spendiert hatte ihn eine rassige Schöne aus Salerno mit dem viel versprechenden Namen Rita Bellacosa. Sie war George Clooney ein paar Abende zuvor in "Harry's Bar" im Nachbarort Cernobbio über den Weg gelaufen, man hatte ein bisschen geflirtet und Rita dummerweise den Kopf verloren.

Doch der "Sexiest Man Alive" verweigerte übers Hauspersonal die Annahme der sperrigen Liebesgabe, und Rita greinte noch Wochen später darüber in sämtlichen Klatschblättern Italiens. Von Oriettas Friseursalon bis zum Tresen der "Bar Lanterna" aber war die Schadenfreude groß: "Selbst schuld, warum können diese Weiber unserem Nachbarn auch keine Ruhe lassen."

Wäre George Clooney das, was sie hier einen "stronzo" nennen, wäre alles anders. Wäre er ein Mistkerl, hätten die Leute aus Laglio kein Mitleid mit dem Superstar aus Hollywood, der vor dreieinhalb Jahren in ihr abgelegenes 900-Seelen-Dorf am Ufer des Comer Sees eingeschlagen war wie ein Meteorit. Kein gutes Haar würden sie lassen an Amerikas attraktivstem Grauschopf, wenn er hier den Mr. Wichtig gäbe. Stattdessen dies: verklärte Blicke auf dem Postamt, versonnenes Lächeln im Lebensmittelladen, kauziges Wohlwollen am Tresen von Signore Motti, dem Fleischer. Und ein Bürgermeister, der sagt: "Clooney ist dermaßen liebenswürdig, das ist uns fast schon unheimlich."

Schau mir in die Augen: Clooney beim Partyflirt mit Halle Berry© Evan Agostini/Getty Images

Die Liebe ist gegenseitig. Die gleiche Verklärung, das gleiche versonnene Lächeln, wenn der Mann aus Kentucky über seine Wahlheimat am Lago di Como spricht: "Dort zu leben ist das Romantischste, das Beste, was ich je für mich getan habe", wiederholt er wie ein Mantra, seit er 2002 die 25-Zimmer-Villa von Clifford Heinz aus dem Ketchup-Clan zum Schnäppchenpreis von sieben Millionen Euro erworben hat.

Denn das zartrosa Palais aus dem 17. Jahrhundert, mit Zypressenpark und eigenem Bootssteg, war für Clooney nicht nur finanziell ein Glücksgriff. Im Sommer 2003 verbrachte er erstmals mehr als ein Vierteljahr am Stück in seinem Anwesen am alpengesäumten See mit seinen spektakulären Belle-Epoque-Villen, stattete es mit 15 Schlafräumen, Pool, Fitnessstudio und Heimkino aus, platzierte Antiquitäten, schwere Teppiche und kostbare Altmeister in der Beletage und richtete im Erdgeschoss eine rustikale Taverne mit langen Holztischen ein.

Spätestens in jenem Sommer muss ihn der Virus der "Italianità" ereilt haben, der seit Goethe immer wieder reife Menschen in blinde Verzückung versetzt und als unheilbar gilt: "Italien ist die Liebe meines Lebens", schmachtet Clooney seither, posiert dabei gern mit Sehnsuchtsblick Richtung Lago auf seiner Samtcouch unter Lüstern und schwärmt vom "Sinn für Schönheit" seines Gastlands.

An seiner Wandlung zum sinnenfrohen Genießer lässt er alle Welt teilhaben: Clooney, der notorische "Schlamper", der angesichts der ihn umgebenden Ästhetik in seiner Villa zum "Reinlichkeitsfanatiker" mutiert. Signor George, einst FastFood-sozialisierter Schlinger, der heute mit Fausto, dem Wirt seines Lieblingslokals "Gatto Nero", beim Steinpilz-Risotto über die Vorzüge eines Brunello gegenüber denen eines Barbaresco philosophiert. "Hier nimmt man sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens - man zelebriert sie, statt sie einfach zu erledigen wie bei uns." Auf die Monate in Laglio, verriet er kürzlich der "Weltwoche", warte er "wie früher in der Schule auf die Sommerferien".

Dabei ist auch sein Alltag in Los Angeles derzeit eine Party, wörtlich zu nehmen und in jedem erdenklichen übertragenen Sinn. Im Grunde steht er kurz davor, Amerikas Nationalheiliger zu werden - oder doch Amerikas Liebling. Kein Schauspieler ziert derzeit so viele Titelblätter ("alle Magazine bis auf "National Geographic"", spottete liebevoll die "Los Angeles Times"), keiner wird so offensiv beschmatzt von Teenie-Mädchen bis zu graubärtigen politischen Kommentatoren.

Als Reinkarnation von Cary Grant gepriesen und von "Time" zu "Hollywoods führendem Linken" deklariert, gelang dem 44-Jährigen scheinbar mühelos der Sprung vom Sexsymbol zum Powerplayer. Plötzlich steht der ehemalige Fernseh-Doktor für die Rettung des Kinos: für Qualität und Idealismus, für Red-State-Blue-State-übergreifende Appelle an den An- und Verstand seiner Landsleute. Komiker machen sich bereits über die hemmungslose Anbetung lustig; in einem Cartoon nimmt ein breit grinsender George Clooney den George-Clooney-Preis entgegen, "der alljährlich an denjenigen verliehen wird, der George Clooney für den klügsten, sensibelsten, politisch weitsichtigsten Menschen der Welt hält".

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 7/2006

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