Mörder, Dichter, Fußballer und paranoide Ehemänner sind in Cannes schon über die Leinwand gerannt. Stars wie Mariah Carey und Monica Bellucci über den roten Teppich. Wild diskutiert wird über Lars von Triers pornografische Gewaltorgie "Der Antichrist". Halbzeit beim Filmfest - es kommt noch einiges auf uns zu. Von Sophie Albers, Cannes

Selten sieht man so viele geschundene, gequetschte, gefolterte Füße wie auf und neben dem roten Teppich der Filmfestspiele in Cannes© Vincent Kessler/Reuters
Was die Schweinegrippe für die Herstellung von Tamiflu, ist Cannes für die Pflasterproduktion. Selten sieht man so viele geschundene, gequetschte, gefolterte Füße wie auf und neben dem roten Teppich der Filmfestspiele. Vor dem Palais des Festivals lassen sich die weiblichen Gäste die hohen Absätze genauso wenig nehmen, wie die Stars beim großen Auftritt. PR-Agentinnen stöckeln durch Hotelflure und Wochenendtouristinnen staksen über die Croisette. Penelope Cruz muss auch auf der Leinwand fürs Schuhwerk leiden, aber das kommt erst in der zweiten Hälfte des Filmfests. Ebenso der bekennende Fußfetischist Quentin Tarantino. Der mag sie allerdings am liebsten ohne Schuhe.
Zehn Filme waren bisher im 62. Wettbewerb des wichtigsten Filmfests der Welt zu sehen. Zehn stehen noch aus. Halbzeit. Ausgewechselt werden muss bisher niemand. Das Programm war gut gemischt - von der aufwühlenden Sozialstudie "Fish Tank" über meschuggene Vampire in Priesterkutte in "Thirst" bis zu den zum Kotzen brutalen Polizisten in "Kinatay". Die Regieveteranen Ang Lee ("Taking Woodstock"), Jane Campion ("Bright Star") und Ken Loach ("Looking for Eric") sorgten mit der Leichtigkeit von Musik, der Schönheit von Poesie und der Wärme von Freundschaft für die Balance. Jacques Audiards Gefängnisthriller "A Prophet" gilt bisher als Favorit für die Goldene Palme, dicht gefolgt von "Fish Tank". Überschätzter Aufreger ist Lars von Triers "Antichrist", der sich nicht entscheiden kann, ob er denn nun Horror oder Kunst sein will. Aber immerhin sorgt die zum Teil pornografische Gewaltorgie über Eltern, die ihr Kind verloren haben, für heftige Diskussionen. Und Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg, die für diesen Film wirklich alle Grenzen durchbrochen hat, wird sicherlich mit einem Preis bedacht.
Aber auch der Glamourfaktor wird bedient, wenn auch nicht so üppig wie im vergangenen Jahr: Als Königin des Festivals feiert die Klatschpresse die bisher unsichtbare Penelope Cruz. Isabelle Huppert, Monica Bellucci und Mariah Carey haben schon wunderbar posiert. Milla Jovovich und Devon Aoki vertreten die Modelfraktion, Eva Longoria und Sarah Jessica Paker das US-Fernsehen, Charlize Theron und Sharon Stone den Hollywood-Glamour und Paris Hilton Paris Hilton. Bei den Männern wartet man vor allem auf Brad Pitt. Quentin Tarantino, dessen heiß erwarteter Nazi-Splatterfilm am Mittwoch Premiere feiert, hat sich schon gezeigt.
Apropos feiern: Zwei Nächte lang hat der Regen bisher die Strandpartys gestört. Aber irgendwie ist das ausgelassene Schampus-Verspritzen in diesem Jahr auf der Prioritätenliste sowieso nach hinten gerutscht. Wie soll man denn auch ungestört dekadent sein, wenn alle Welt über die Krise jammert. Also werden die Ferraris, Porsches und Lamborghinis in der Seitenstraße geparkt. Interessanterweise ist die Stimmung auf dem Filmmarkt aber gar nicht so schlecht. Man habe weitaus Schlimmeres erwartet, heißt es aus dem Keller des Palais des Festivals, wo Stand an Stand neue Filme beworben und verkauft werden. Der Markt unterscheide sich nicht sonderlich von dem des vergangenen Jahres, meldet das Fachblatt "Variety". Eine wirkliche Prognose wagt aber niemand. Denn das dicke Ende kommt wohl noch, so ein deutscher Produzent.
Tatsächlich sorgt die Krise für etwas mehr Platz in Cannes: Rund 30 Prozent weniger Händler sind angereist und auch weniger Journalisten. Angeblich gibt es noch Hotelzimmer, obwohl am Wochenende ein Strom schaulustiger Touristen die Croisette verstopfte. Im Filmgeschäft wird zusammengerückt. Die Fachpresse vermeldet regelmäßig Fusionen, so dass wir in Zukunft noch mehr französisch-deutsch-mexikanisch-indisch-japanische Koproduktionen zu sehen bekommen werden. Als solche ist Deutschland immerhin doch noch im Wettbewerb vertreten. Mit den Schauspielern Ulrich Tukur, Susanne Lothar und Josef Bierbichler in Michael Hanekes "Das weiße Band" und Til Schweiger, Daniel Brühl und Gedeon Burkhard in "Inglourious Basterds" auch auf der Leinwand. Quentin Tarantinos Kriegsfilm bringt dann am Mittwoch neben der "deutschen Gang" auch endlich Brad Pitt auf den roten Teppich. Penelope Cruz kommt einen Tag vorher, um Pedro Almodovars "Broken Embraces" zu präsentieren. Und das mit Sicherheit auf halsbrecherisch hohen Absätzen.