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Interview

Harrison Ford über Ryan Gosling: "Ich wollte dem eine verpassen"

"Blade Runner" ist einer der einflussreichsten Filme der Kinogeschichte. Nun kommt die Fortsetzung, wieder mit Harrison Ford. Und mit Ryan Gosling. Der stern traf die beiden zum Schlagabtausch.

Es heißt, Harrison Ford sei ein grummeliger und schmallippiger Interviewpartner. Doch an diesem Tag in Berlin ist nichts davon zu spüren. Der 75-Jährige gibt sich erstaunlich zutraulich, beantwortet ausführlich jede Frage und sorgt mit seinem Humor, der so trocken ist wie eine Salzwüste, für Frohsinn. Vor allem beim dauercoolen Berufslakoniker Ryan Gosling, 36, dem bevorzugten Opfer von Fords Sticheleien.

Mister Gosling, Ihre Filmpartnerin Ana de Armas hat erzählt, sie habe gezittert vor Nervosität, als sie Sie zum ersten Mal treffen durfte.

GOSLING: Sie hatte an dem Tag wohl sehr viel Kaffee intus. Und Red Bull.

Ging es Ihnen ähnlich, als Sie Harrison Ford trafen? Der Mann, der immerhin Indiana Jones ist, Han Solo und der Blade Runner.

GOSLING: Wir hatten uns vorher mal kurz gesehen, am Rande irgendeiner Veranstaltung. Aber ich war schon aufgeregt. Ich war mit seiner Arbeit ein bisschen vertraut.

FORD: Ich dachte nur: Der ist jünger und sieht besser aus als nötig.

GOSLING: Der Regisseur Denis Villeneuve und ich waren außerdem gespannt, wie Harrison finden würde, was wir da vorhaben bei der Fortsetzung von "Blade Runner".

FORD: Nicht, dass die einen Scheiß drauf gegeben hätten, was ich denke. Aber ich habe nun mal einen Ruf als Besserwisser und Quertreiber. Ich kann den Leuten damit ganz schön auf die Nerven gehen.

Kinofilm mit Ryan Gosling: Postapokalypse Now: So düster ist "Blade Runner 2049"
Ryan Gosling

Der Film ist mit großer Spannung erwartet worden: 35 Jahre nach dem stilbildenden Scienc-Fiction-Film von Ridley Scott kommt mit "Blade Runner 2049" eine Fortsetzung in die Kinos. Die Regie führt der kanadische Regisseur Denis Villeneuve, der im vergangenen Jahr mit "Arrival" seine Eignung für dieses Genre unter Beweis gestellt hat. Ryan Gosling spielt den Blade Runner K, der wie zuvor Harrison Ford für das Töten von alten Replikanten zuständig ist, menschenähnlichen Robotern.

Was gefällt Ihnen daran, eine altbekannte Figur wieder zu spielen?

FORD: Die Frage ist nicht, ob ich das genieße. Sondern ob es dem Publikum etwas bringt. Etwas Neues, Frisches, nicht nur ich in ollen Klamotten. Das muss mein Ehrgeiz sein. 35 Jahre nach dem Original muss man den Altersunterschied spüren und der Figur mehr Tiefe geben. Sonst vermissen die Zuschauer nur den jungen Harrison.

Die Dreharbeiten 1982 zu "Blade Runner" waren scheußlich. Ein Großteil spielte nachts im Regen, außerdem zofften Sie sich ständig mit Regisseur Ridley Scott. Warum wollten Sie sich das noch mal antun?

FORD: Ganz einfach: Die alte Geschichte wurde sinnvoll verlängert. Und ich konnte mir sofort vorstellen, dass die andere Rolle gespielt wird von … wie hieß er noch gleich?

GOSLING: Ryan.

FORD: Oh, ich dachte Bryan. Egal. Ich wollte schon immer mit Bryan, äh, Ryan, arbeiten. Also habe ich ihn den Produzenten vorgeschlagen. Die meinten nur: "Mit dem haben wir längst gesprochen. Noch vor dir." Es ist immer gut zu wissen, wo man steht. Ich wollte diesem Typen eine verpassen.

Haben Sie dann ja tatsächlich.

FORD: Ein Unfall. Bei einer Kampfszene, einem sehr kompliziert choreografierten Tanz. Er geht rückwärts, ich gehe vorwärts. Ich schlage mehrmals zu, in einem besonderen Winkel, damit es aussieht wie echte Schläge. Und dann bewegen wir uns falsch und – shit happens! Von 99 Schlägen habe ich ihn nur einmal getroffen. Eine ziemlich gute Quote.

GOSLING: Sind aber noch alle Zähne drin. Harrison hingegen musste seine Hand mit Eis kühlen.

FORD: Er hat sich geschüttelt und weitergemacht. Das machen nicht viele.

Nur so viel ist über die Handlung bekannt: Ryan Gosling spielt den Polizisten und Replikantenjäger K, der auf ein gut gehütetes Geheimnis stößt

Nur so viel ist über die Handlung bekannt: Ryan Gosling spielt den Polizisten und Replikantenjäger K, der auf ein gut gehütetes Geheimnis stößt

Sie scheinen gut miteinander auszukommen.

FORD: Er hat keinen Sinn für Humor, ich habe einen wunderbaren Sinn für Humor. Das passt schon mal.

Stimmt es, dass Sie sich einen kleinen Dekorationswettbewerb in Ihren Wohnwagen am Set geliefert haben?

GOSLING: Keine Ahnung, wo dieses Gerücht herkommt.

FORD: Das kam auf durch die Verschönerungen, die du an deinem Trailer vorgenommen hast.

GOSLING: Harrison hatte angefragt, ob sein Trailer aus dem letzten "Star Wars"-Film noch verfügbar sei. War er. Aber ich hätte nicht gedacht, dass er so groß sein würde wie der Todesstern. Wir würden alle in seinem Schatten leben – monatelang. Also wurde mein Wohnwagen von der Produktion etwas aufgehübscht, mit Kunstrasen. Und Bäumen, die aber eingingen, weil sie nicht genug Sonnenlicht bekamen.

FORD: Das ist nur zum Teil richtig. Mein "Star Wars"-Trailer hat nun mal eine besonders schöne Inneneinrichtung. Und man verbringt eine Menge Zeit in seinem Trailer, vor allem, wenn man einen Ryan-Gosling-Film dreht. (Schaut auf seine Armbanduhr) Wie lange braucht der noch, verdammt noch mal?

Dabei brauchen die Älteren doch im Bad immer länger. Sie könnten Ryans Vater sein.

FORD: Das habe ich jetzt nicht gehört.

Hat Ryan Sie nicht gelöchert mit Fragen? Wie Hollywood früher war? Was sich seitdem geändert hat?

GOSLING: Ich habe versucht, ihn nicht allzu viel zu stören.

FORD: Wir haben erst ausführlicher geredet, als die Dreharbeiten vorbei waren. Du willst den anderen Schauspieler nicht verderben mit solchem privaten Geplauder, der muss seine Arbeit erledigen, seine Figur finden. Außerdem gibt es keinen leichteren Weg, jemanden kennenzulernen, als sich beim Dreh gegenseitig unter die Arme zu greifen. So erkennst du schnell, ob jemand eine ähnliche Sichtweise hat wie du, eine ähnliche Sensibilität.

GOSLING: Oft ist es besser, möglichst wenig zu wissen über die andere Person.

An seiner Seite von Ryan Gosling: Joi (Ana de Armas). "Blade Runner 2049" startet am 5. Oktober 2017

An seiner Seite von Ryan Gosling: Joi (Ana de Armas). "Blade Runner 2049" startet am 5. Oktober 2017

"Blade Runner" war 1982 ein Flop an der Kinokasse. Warum?

FORD: Wegen der mangelnden Starpower. Das haben wir bei diesem Film besser gemacht. Mit Bryan.

GOSLING: Bryan Rosling. Bei den Kritikern kam der Film damals auch nicht besonders gut an.

FORD: Er hat schon einige gute Kritiken bekommen, aber der Film hatte in der ersten Kinofassung noch eine von mir gesprochene Erzählerstimme aus dem Hintergrund. Dazu wurde ich vertraglich gezwungen – in fünf verschiedenen Versionen. Ich beschwerte mich: Hey, ich spiele einen Detektiv, lasst mich doch ein wenig Detektivarbeit machen, anstatt den Zuschauern ständig die Handlung zu erklären.

GOSLING: "Blade Runner" war seiner Zeit weit voraus.

Inwiefern?

FORD: Das war kein leichter, luftiger Film, wie es in dieser Zeit erwartet wurde. Das war nicht Science-Fiction, sondern ein sehr düsterer Futurismus. Und der Film war kompliziert, intellektuell. Aber über die Jahre hat er an Bedeutung gewonnen und beeinflusste Generationen von visuellen Künstlern.

GOSLING: Ich habe den Film zum ersten Mal mit zwölf Jahren gesehen. Ich hab damals vier Filme am Tag geguckt, weil meine Videothek so günstig war, und hatte fast alle durch. Dann drückte mir der Typ im Laden "Blade Runner" in die Hand: hier, falls du mal richtig guten Kram sehen willst.

Treffen der "Blade Runner"-Generationen: K und Rick Deckard (Harrison Ford)

Treffen der "Blade Runner"-Generationen: K und Rick Deckard (Harrison Ford)

Und?

GOSLING: Ich wusste nach dem offenen Ende überhaupt nicht, was ich jetzt denken oder fühlen sollte, das war Neuland für mich. War das alles ein Albtraum? Oder eine Zukunftsvision? Was bedeutet es, Mensch zu sein? Ziemlich viel Stoff für einen Zwölfjährigen.

"Blade Runner" war auch einer der ersten Hollywoodfilme, der sich mit Umweltzerstörung beschäftigte.

FORD: Der Film sagte eine Zukunft voraus, in der sich die Umweltbedingungen massiv verschlechtert haben. Schon damals war klar: Wir sind ein Teil der Natur, die Menschheit braucht die Natur. Wir sitzen alle im selben Boot. Fremdenhass, Sexismus, Nationalismus helfen uns nicht weiter. Und wir brauchen die Wissenschaft. Es gibt heutzutage Leute, die die Erkenntnisse der Wissenschaftler leugnen, dabei sind sie der Beweis für die Existenz Gottes, finde ich. Auch in unserer Fortsetzung geht es um Umweltzerstörung, um Überbevölkerung und den Druck der Zivilisation.

Trifft "Blade Runner 2049" damit stärker den Zeitgeist als sein Vorgänger?

FORD: Ich bin im mittleren Westen großgeworden. Da reden die Menschen grundsätzlich nicht öffentlich über Dinge wie Religion, Verdienst und Politik. Schauen Sie sich einfach die Nachrichten an und die politische Realität in unserem Leben. Da haben Sie Ihre Antwort.

Wir haben jetzt kein Anti-Trump-Statement von Ihnen erwartet.

FORD: Ich denke gerade noch darüber nach, aber ich lasse es lieber.

GOSLING: Ein weiteres großes Thema ist, wie die Technik, eigentlich erschaffen, um uns zu helfen und uns zu dienen, die Menschen immer mehr vereinsamen lässt. Am Ende kämpfen die Leute nur noch um jeden Fetzen Zuneigung und Liebe.

FORD: Viele konsumieren heute die Medien in kompletter Isolation, allein zu Hause. Auf ihrem Tablet, Computer oder im Fernsehen. Was ich am Kino liebe, ist, dass du in einen dunklen Raum gehst und nah neben Menschen sitzt, die du vorher noch nie getroffen hast. Du erlebst etwas in einer Gruppe von Fremden. Das stärkt deine Menschlichkeit, weil du entdeckst, dass ein anderer ähnlich bewegt wird wie du. Dafür sind Geschichten da. Sie helfen uns, unsere gemeinsamen Probleme, unsere gemeinsamen Eigenarten zu verstehen.

Aber es scheint immer schwieriger zu werden, die Zuschauer zu überraschen.

GOSLING: Es hilft auf jeden Fall nicht, wenn die komplette Handlung des Films vorher schon von den Kritikern beschrieben wird. Bei "Blade Runner 2049" wurden diese Informationen streng kontrolliert. Dabei geht es uns nicht um Geheimniskrämerei, sondern um das Vergnügen des Publikums. Wenn der Film dann läuft, werden nach 15 Minuten sowieso die ersten Details getwittert.

FORD: Dabei hätte jeder durchaus die Möglichkeit, sein Handy auch mal zur Seite zu legen.

Im neuen Film gibt es einen Blackout, und alle digitalen Daten sind von heute auf morgen verschwunden, auch alle Einträge im Internet.

FORD: Ich habe noch nie Facebook oder Snapchat genutzt, mich würde das wenig stören. Aber die Frage ist durchaus ernst zu nehmen. Verlöre ich Fotos von meinen Kindern, als sie noch jung waren, von Orten, an denen ich mal war, oder von Leuten, die ich gut gekannt habe – ich würde mich beraubt fühlen. Man erinnert sich an viel, es steckt in deinen Knochen. Aber ein Bild aus der Vergangenheit zu sehen hat einen ganz anderen Stellenwert.

GOSLING: Es gibt ein paar Tanzvideos aus meiner Jugend, bei denen es mich nicht stören würde, wenn sie verschwänden. Für immer. Falls mir dabei jemand helfen könnte, wäre ich sehr dankbar.

Verraten Sie uns noch Ihr Rezept, wie Sie mit dem ständigen Rummel um Ihre Person umgehen?

GOSLING: Meine Familie.

FORD: Mein Rezept besteht aus drei Worten: Genug von mir.

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