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"Heidi, du nicht!"

Mit Heidi Kabel verliert Deutschland eine seiner berühmtesten Volksschauspielerinnen. Mehr als 65 Jahre lang stand sie auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters, brillierte auch mit über 70 noch vor der Fernsehkamera. Dabei wollte die Hamburger "Deern" ursprünglich gar nicht Schauspielerin werden.

Heidi Kabel war Hamburgs berühmteste "Deern". Selbst in Bayern machte die Volksschauspielerin die Waterkant populär. Die am Dienstag im Alter von 95 Jahren verstorbene Volksschauspielerin gehörte zu Hamburg wie der Michel und die Landungsbrücken. Über das Fernsehen machte sie das Plattdeutsche von 1954 an in ganz Deutschland salonfähig. Das niederdeutsche Ohnsorg-Theater in Hamburg ist untrennbar mit dem Namen Heidi Kabel verbunden. Seit 2003 lebte die an Demenz leidende Schauspielerin in einem Altenheim, wo sie im Sommer 2009 ihren 95. Geburtstag mit fünf Enkelkindern und drei Urenkeln feierte.

In mehr als 65 Jahren war Heidi Kabel am Ohnsorg in über 160 plattdeutschen Stücken zu sehen, verkörperte tratschsüchtige Nachbarinnen, keifende Hausdrachen und resolute Mütter. Mit seriöser komödiantischer Kunst brachte sie die Menschen zum Lachen und zum Weinen, denn immer gelang es ihr, trotz allen Klamauks, im Kauzigen auch das Bösartige und im Boshaften das Verletzte zu zeigen. Ihr Schauspielerkollege Peter Striebeck sagte einmal: "Sie kommt immer als Mensch auf die Bühne und man vergisst, dass sie spielt. Darum ist sie eine echte Volksschauspielerin."

"Man wollte sich amüsieren, den Krieg vergessen"

Dabei wollte Heidi Kabel zunächst gar keine Schauspielerin werden, sondern Pianistin. Als 18-Jährige begleitete sie 1932 eine Freundin zum Vorsprechen an die "Niederdeutsche Bühne", die Richard Ohnsorg 1902 gegründet hatte - und wurde selbst engagiert. Dabei hatte ihre Mutter ihr noch hinterhergerufen: "Heidi, du nicht!" 1937 heiratete sie den Regisseur Hans Mahler, der 1948 zum Leiter des Ohnsorg-Theaters berufen wurde, und bekam drei Kinder: die Söhne Jan-Rasmus und Heiko und die Tochter Heidi. Die Anfangsjahre waren nicht leicht: "Man wollte sich amüsieren, den Krieg vergessen, für ein paar Stunden Fröhlichkeit genießen, bevor man wieder in den tristen Ruinenalltag zurückkehren musste", erinnerte sich Heidi Kabel rückblickend.

Über hanseatische Grenzen hinaus populär wurde Kabel in den 50er Jahren, als das Fernsehen die Aufführungen aus dem Ohnsorg-Theater ausstrahlte. Bald avancierte sie zum Star der Volksbühne. Neben dem Kölner Willy Millowitsch gehörte Heidi Kabel schnell zu den beliebtesten Schauspielern des volkstümlichen Theaters. Ihre Rolle in "Tratsch im Treppenhaus", wo sie 1962 neben dem unvergessenen Henry Vahl die klatschsüchtige Nachbarin Meta Boldt gab, bleibt ebenso unvergessen wie "Die Kartenlegerin" und "Mudder Mews".

Oft stand sie gemeinsam mit ihrer Tochter Heidi Mahler auf der Bühne. Besonders an "Mudder Mews" erinnert sich die Tochter gerne: "Da hat meine Mutter erst die Elsbe gespielt und dann die Mutter Mews, und dann habe ich die Elsbe gespielt und die Mutter Mews." An ihrer Mutter schätze sie am meisten, "dass sie Zuhause eine richtige Mutter war und im Theater eine so fantastische Schauspielerin - und das alles unter einen Hut bekommen hat".

Abschied von der Bühne mit 84 Jahren

Mit über 70 erweiterte sie ihr Fernsehrepertoire um Charakterrollen - darunter "Mutter und Söhne" und die Serie "Heidi und Erni" mit der bayerischen Volksschauspielerin Erni Singerl. Beide spielten Witwen desselben Mannes, die einander erstmals bei der Testamentseröffnung begegneten. An Silvester 1998 - mit 84 Jahren - nahm Heidi Kabel Abschied von der Bühne des Ohnsorg-Theaters. Die Doppelrolle in dem Lustspiel "Mein ehrlicher Tag" war einst ihr erstes Tourneestück gewesen. In dem Kinofilm "Hände weg von Mississippi" von Detlev Buck hatte sie 2007 noch einmal einen kurzen Gastauftritt neben ihrer Tochter.

Beruflich haben sich Disziplin und Fleiß ausgezahlt, das zeigen schon die Preise, mit denen sie überschüttet wurde. Die Werte hatte ihr die strenge Mutter beigebracht, der Vater war eher für jeden Spaß zu haben. "Wie sehr dieser Disziplin-Wahn über die Jahre an ihr genagt hat, weiß nur sie selbst", meint ihr Enkel Jan Hinnerk Mahler, der auch eine Biografie über seine berühmte Oma geschrieben hat. Im März 1970 bestand sie darauf, die Vorstellung von "Suuregurkentied" zu Ende zu spielen, obwohl sie in der Pause die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhalten hatte. "Sie ist so erzogen worden, dass man keine Gefühle zeigt und dass man das mit sich selber ausmachen soll", sagt ihre Tochter. Darunter habe vor allem ihre Mutter gelitten, "aber sie hat uns gegenüber immer ihre ganze Liebe gezeigt".

Carola Große-Wilde/DPA/DPA

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