George W. Bush mag zwar der schlechteste Präsident der Welt gewesen sein, doch zu etwas war er doch gut: Selten kamen aus Hollywood so viele gute und kritische Filme: Von "Syriana" über "Im Tal von Elah" bis "Babel". Erwartet uns nach seinem Abgang nun belangloses Popcorn-Kino? Von Sophie Albers

Obama und der "24"-Präsident Palmer: Hollywoods Fantasie ist wahr geworden. Und was kommt jetzt?© Charles Dharapak/AP-Isabella Vosmikova/AFP/Fox
Zu Beginn von Paul Haggis' Film "Im Tal von Elah" weist der Kriegsveteran den südamerikanischen Hausmeister einer Schule zurecht, weil er die amerikanische Flagge falsch gehisst hat: "Wissen Sie nicht, was es heißt, wenn sie verkehrt herum hängt?" "Nein." "Es ist ein internationales Notsignal." "Krass, ehrlich?" "Es heißt: Uns steht das Wasser bis zum Hals. Kommt und helft uns, denn wir haben nicht die geringste Chance, uns selbst zu retten." Dann hisst der Mann, der aussieht wie Tommy Lee Jones, die Fahne richtig. Voller Stolz auf sein Land, seine Armee und seine Tradition.
Zwei Stunden später, kurz vor dem Abspann, steht er wieder vor der Schule, wieder hat er die Fahne umgedreht, diesmal allerdings in die andere Richtung. Und er hat die Schnur, an dem die Flagge hängt, sogar mit Klebeband am Mast fixiert, damit das Notsignal auch oben bleibt. "Soll ich sie nachts abnehmen?", fragt der Hausmeister. "Nein, lassen Sie sie einfach so."
Selbst der größte Patriot, ein Mann, der sein Leben und das seiner Kinder dem Dienst am Vaterland geopfert hat, glaubt am Ende nicht mehr daran, zu den Guten zu gehören. Zwei Söhne als Soldaten gestorben, einer davon, weil ihn der Irakkrieg zum Monster gemacht hat, wie so viele andere auch. Amerika hat seine moralische Vorherrschaft verloren, so die Botschaft. Die Weltpolizei ist zum Folterknecht geworden. Das Land braucht Hilfe von außen. Der Fall eines Riesen.
Ein Aufreger, könnte man meinen. Ein Skandal, der einen Aufschrei der Entrüstung durchs Land schickt. Aber nein, es ist nur ein Film von vielen, die in den vergangenen Jahren die Politik der Bush-Regierung angeprangert haben. Denn, bei allem angebrachten Zynismus, zu etwas war die Ära George W. Bush doch gut: Im landeseigenen Vergnügungspark Hollywood, wo eigentlich das Verdikt des Filmmoguls Samuel Goldwyn gilt, "Wenn du eine Botschaft hast, schick' ein Telegramm", sind in den letzten acht Jahren so viele Filme mit politischen Botschaften entstanden wie zuvor nur in Zeiten des Vietnamkrieges.
Die Kritik am mächtigsten Mann der Welt und am eigenen Land war geradezu beliebt und wurde auch belohnt: Es hagelte Preise für Dokutainment wie "Fahrenheit 9/11" (2004), komplizierte Thriller wie "Syriana" (2005) oder "Der gute Hirte" (2006), Politkino à la "Good Night, And Good Luck" (2005), "Babel" (2006), "Von Löwen und Lämmern" (2007), "Machtlos" (2007) oder eben "Im Tal von Elah" (2007). Der Actionfilm machte mit wie in "The Kingdom" (2007), genauso wie Hollywoods Publikumslieblinge Tom Hanks und Julia Roberts in "Der Krieg des Charlie Wilson" (2007). Fast die komplette A-Liste Hollywoods stand Schlange, um Teil des großen Leinwand-Protests zu sein. Von Tom Cruise bis Jake Gyllenhaal, von Meryl Streep bis Jennifer Garner haben Stars Hollywood zur Hauptstadt des Widerstandes gemacht. Wer es nicht in einen entsprechenden Film schaffte, zollte Tribut in kritischen Interviews. Goldwyn rotierte sicher im Grab angesichts Hollywoods vereinter Botschaftsfreude. Und als krönenden Abschluss gab es auch noch Oliver Stones "W" zu sehen, der auch in der Filmgeschichte festschreibt, dass Bush zu den traurigsten Kapiteln der amerikanischen Führungsgeschichte gehört.
Da kommt Ridley Scott mit seinem von Kritikern gefeierten "Der Mann, der niemals lebte" fast ein bisschen zu spät. Auch in diesem Paranoia-Thriller geht es um die böse Seite der Macht, die Hybris der CIA. Dabei ist die Zeit der großen Kritik nun erstmal vorbei. Denn es ist sicherlich auch Hollywoods Einsatz zu verdanken, dass es am 4. November ein Happy End gegeben hat: Der Feind ist besiegt, ein neuer Präsident gewählt. Und es ist der erste schwarze Präsident im Weißen Haus, einer, der so gar nicht zum Feindbild taugt. Und damit steht Hollywood vor einem Problem: Wenn die Formel stimmt, dass in schlechten Zeiten gutes Kino geschaffen wird, gilt dann auch der Umkehrschluss, dass in guten Zeiten die Filme schlechter werden? Erwarten uns nun belanglose Popcorn-Komödien ohne jeden Tiefgang? Um es mal ganz hart zu formulieren: Ist Barack Obama schlecht fürs Kino?