Brad Pitt, Mickey Rourke, Sally Hawkins, Frank Langella, Robert Downey Jr, Anne Hathaway - alle an einem Tisch. Kurz vor der 81. Oscar-Verleihung trafen sich sechs Schauspieler, die fast alle auf den begehrten Preis hoffen können, zum amüsanten Geheimnisverrat.

Frank Langella, 71, kann auf viele Jahrzehnte im Showbiz zurückblicken© Matt Sayles/AP
Robert Downey Jr.: Da in den nächsten
paar Monaten kein neuer Film von mir
startet, den Sie schlecht besprechen könnten,
kann ich es ja sagen: Ich finde, das ist
eine Scheißfrage für den Anfang.
Frank Langella: Kim Stanley in dem
Theaterstück "Natural Affection". Das
Stück beginnt, sie liegt mit einem Mann im
Bett, wacht auf, wirft ihre Beine über die
Bettkante, nimmt eine Zigarette, zündet
sie an, nimmt einen Zug, und ich wusste
innerhalb von 30 Sekunden, wer sie ist.
Brad Pitt: Ich würde sagen, David Thewlis
in "Naked". Oder Gene Wilder in "Willy
Wonka und die Schokoladenfabrik" - ich
habe viele Kinderfilme gesehen. In der Anfangsszene
kommt er aus der Fabrik und
humpelt, aber du weißt nicht, was seine
Beschwerden sind. Und dann trippelt er
und humpelt plötzlich nicht mehr. Von
diesem Moment an weißt du nie, was er im
Schilde führt.
Sally Hawkins: Ich glaube, er hat das
improvisiert.
Mickey Rourke: Wer? Wie war die Frage?
Irgendwas mit Montgomery Clift in
einem Film, in dem ihn Shelley Winters
ankreischt. Ach ja, "Ein Platz an der Sonne"!
Ich denke auch an Rita Hayworth in
"Gilda", sie war verdammt großartig. Gott,
ich wünschte, sie wäre noch unter uns.
Ich würde versuchen, ihre Telefonnummer
herauszufinden.
Pitt: Oder Robert in der Teenie-Klamotte
"L.I.S.A. - Der helle Wahnsinn"!
Downey: Mal halblang, Freundchen.
Langella: Wollt ihr meinen Lieblingssatz
nach 75 Bühnenstücken hören?
Hathaway: Ja!
Langella: Lutsch meinen Schwanz. Das
sagte ich zu meiner Kollegin Christine Baranski
vier Monate lang jeden Abend, und
ich konnte es jedes Mal kaum erwarten!
Ein wunderbarer Satz.
Hathaway: Ich habe eine wirklich lahme,
allgemeine Frage, Frank. Gibt es irgendetwas,
das du gern gewusst hättest, bevor
du mit der Schauspielerei angefangen
hast?
Langella: Ich hätte gern früher in meiner
Karriere gewusst, dass der beste Rat für
einen Schauspieler ist: Steh dir nicht selbst
im Weg. Auf der Theaterbühne konnte ich
alles, ich hatte keine Furcht. Aber in meinen
ersten Filmen benahm ich mich wie
eine alte italienische Lady. Ich dachte, die
Filmkamera würde meine Seele rauben.
Also musste ich erst lernen, vor der Kamera
völlig offen und frei zu sein. Wusste einer
von euch schon mit fünf, sechs oder
sieben Jahren, dass er Schauspieler werden
will?
Pitt: Überhaupt nicht. Wo ich aufgewachsen
bin, war das keine Option.
Langella: Wo bist du denn aufgewachsen?
Pitt: Oklahoma und dann Missouri. Zwei
Wochen vor dem College-Abschluss hatten
die anderen schon alle für einen Job
unterschrieben. Ich war noch nicht einmal
ansatzweise bereit dafür. Ich wusste nur,
dass ich das Kino liebte. Eines Nachts
überkam es mich. Ich war 22, hatte kein
Geld, also arbeitete ich zwei Wochen, verdiente
ein paar Hundert Dollar, packte
das Auto und zog um nach Burbank. Nach
einer Woche war ich bereits Statist, überwältigend.
Unter anderem habe ich bei
Robert Downeys Film "Unter Null" mitgemacht.
Downey: Alter, ich dachte, das kann nicht
wahr sein, als mir das später einer erzählte.
Das ist 22 Jahre her. Hätte ich damals
schon gewusst, dass du bei dieser Partyszene
dabei warst, hätte ich dir eine größere
Rolle besorgt.
Pitt: Ich habe anderthalb Jahre lang als
Statist gearbeitet. Sogar bei der TV-Serie
"Dallas". Ich bin da immer wieder hin, weil
ich damals noch in keinem einzigen Film
mitgemacht hatte.
Hathaway: Mit dieser Geschichte machst
du jeden einzelnen Schauspieler in Los Angeles
sehr glücklich. Ich war mit 15 Statistin
in einem Burger-King-Spot. Ich hatte
zwar Bronchitis, wollte aber unbedingt
schauspielern.
Hawkins: Ich war Statistin in "Star Wars
- Episode 1: Die dunkle Bedrohung". Ich
tauche ungefähr zehnmal in einer Massenszene
mit Jar Jar Binks auf.
Langella: Ich hatte sehr viel Glück mit
meinem ersten Film. Er hieß "Zwölf Stühle".
Und es war zum Schreien komisch, Regisseur
Mel Brooks dabei zuzuschauen,
wie er 300 Jugoslawen dirigierte, die kein
Wort Englisch sprachen.
Downey: Als wir eben über Schauspieler
sprachen, die uns inspiriert haben, musste
ich auch an Mickey und Kim Basinger in
"91⁄2 Wochen" denken.
Rourke: Daran erinnerst du dich wahrscheinlich
besser als ich.
Downey: Als ich das damals sah - und
ich nehme mich viel zu wichtig, um dir
hier in den Arsch zu kriechen -, war das
für mich die sexieste, rätselhafteste, komplexeste,
smarteste, vielschichtigste männliche
Hauptrolle, die ich je gesehen habe.
Mich hat das völlig durcheinandergebracht,
weil ich das Gefühl hatte, so machen
das die Leute, die genau wissen, was
sie tun.
Rourke: Eigentlich sollte das gar nicht so
laufen. Ich wollte noch viel weiter gehen als
"Der letzte Tango in Paris", genauso wie
Adrian Lyne, der Regisseur, aber Kim wollte
nicht. Ich wollte, dass die Hölle losbricht.
Pitt: Was du dann in "Angel Heart" geschafft
hast.
Rourke: Wer hat dir denn das erzählt?
Pitt: Das ist einer der Mythen. Als ich anfing,
mich schauspielerisch auszuprobieren,
hatte ich drei Götter: Sean Penn, Gary
Oldman und Mickey Rourke.
Rourke: "Angel Heart" war für mich eine
Lehrstunde, weil ich Robert De Niro gegenübersaß.
Meine Schwäche, als Schauspieler
und als Mensch, war immer meine
Aufmerksamkeitsspanne und meine Konzentrationsfähigkeit.
Das hat mich sogar
beim Sport behindert. De Niro hingegen
war immer unglaublich fokussiert. Alan
Parker, der Regisseur, lachte mich aus und
sagte: Schau dir mal diesen Mann da drüben
an. Während er seinen Text perfekt
draufhat, treibst du dich hier draußen rum
und versuchst, ein Mädchen aufzureißen,
das gerade ein Eis isst.
Pitt: Ich schwöre, ich werde sterben und man wird sich nur wegen Chad noch an mich erinnern. Mich sprach diese Rolle an. Sie repräsentiert das anmaßende Amerika, das wir in den letzten Jahren erlebt haben.
Pitt: Nein, sie hat ihn gesehen. Sie war auch bei den Dreharbeiten. Ich trug die Fitnesstrainer-Klamotten und hatte diesen bescheuerten Haarschnitt, und sie sagte: "Ich muss dir ganz ehrlich sagen, Brad, zum allerersten Mal fühle ich mich sexuell nicht von dir angezogen."
Pitt: Großer Gott, nein. Ich weiß nicht
mal, wie man einen Computer bedient.
Hathaway: Ich habe mich auch noch nie
gegoogelt.
Langella: Ist auch keine gute Idee. Das
kann ziemlich schmerzvoll und selbstverherrlichend
sein.
Hawkins: Man kann doch sowieso nichts
glauben davon, oder?
Downey: Also, ich liebe diesen Scheiß,
wirklich. Das ganze Gejohle. Manche Leute
übertreiben ihre Bewunderung, als würden
sie dich persönlich kennen. Andere
sondern nur Beleidigungen ab, die aber
manchmal den Nagel auf den Kopf treffen.
Mir macht das Spaß.
Pitt: Diese Publicity-Maschine ist außer
Kontrolle geraten. Sie saugt dich auf, und
du musst mitmachen und deine Waren
feilbieten. Damit kann ich mich bis heute
nicht abfinden. Wenn ich nicht in eine
Talkshow gehe und über mein Privatleben
rede, heißt es, ich unterstütze meinen Film
nicht. Aber deswegen habe ich nicht diesen
Beruf gewählt.
Langella: Ich bin ein Dinosaurier. Ich
hatte nie einen Presseagenten - bis "Frost/Nixon". Da musste ich mich selbst schützen.
Das Studio wollte nämlich, dass ich jedes
Interview mache und in jede Talkshow
gehe. Das Größte, was ein Schauspieler besitzt,
ist seine Rätselhaftigkeit und Gefährlichkeit.
Und ihr armen Gestalten sollt
Stück für Stück von euch preisgeben. Dagegen
müsst ihr kämpfen. Je mehr sie über
euch persönlich wissen, umso weniger
glauben sie euch vor der Kamera.
Pitt: Aber es ist unmöglich, das in letzter
Konsequenz umzusetzen. David Fincher,
der Regisseur von "Der seltsame Fall des
Benjamin Button", hat fünf Jahre an diesem
Film herumgebastelt. Dafür soll er
jetzt auch die Früchte ernten. Das ist schon
ein eigenartiges Geben und Nehmen.
Hathaway: Okay, ich geb's zu. Ich habe
eben gelogen: Ich google mich selbst. Peinlich,
weil ich ja weiß, wie schrecklich das
ist.
Downey: Ich soll mich schlecht fühlen,
weil ich mich google?
Hathaway: Du solltest dich wegen anderer
Dinge schlecht fühlen, Robert. Eine
Weile fand ich das recht amüsant. Ich habe
viele witzige Sachen entdeckt. Aber in letzter
Zeit hat sich das geändert. Mir gefällt
nicht, welche Informationen heute als
Nachrichten ausgegeben werden. Brad
weiß das besser als alle anderen. Schon der
Gedanke: Du zwinkerst mit den Augen,
und es steht überall im Netz. Sehr seltsam,
daran teilzuhaben.
Langella: Ich habe eine Frage an Anne,
Brad und Robert. Ihr seid ja extrem angesagt.
Wenn euer neuer Film floppt, gibt es
Leute in eurem Umfeld, die dann sagen,
das nächste Projekt muss aber ein Geldbringer
sein? Oder ignoriert ihr das komplett
und sagt: Mein nächster Film ist eine
Herzensangelegenheit?
Pitt: Ich muss nichts mehr beweisen. Ich
mache nur noch Sachen, bei denen ich etwas
für mich Interessantes erkunden kann.
Ich habe vor drei Jahren "Die Ermordung
des Jesse James …" gedreht, der wirtschaftlich
als gescheitert gilt. Aber ich liebte den
Film, eine großartige Erfahrung.
Downey: Gescheitert, aber eben nur wirtschaftlich.
Hawkins: Das kann ich gar nicht glauben,
"Jesse James" ist phänomenal.
Pitt: Danke. Du warst also die andere
Zuschauerin. Was ich sagen will: Ich bin
absolut frei, die Dinge zu machen, die mich
interessieren. Wenn es mich interessiert,
werden sich auch ein paar andere Leute
dafür interessieren.
Hathaway: Ich hatte immer einen Plan B:
Falls es mit dem Kino nicht klappt, würde
ich glücklich Theater spielen. Nach "Brokeback
Mountain" und "Der Teufel trägt Prada"
dachte ich, jetzt bin ich so berühmt,
dass ich mich damit noch wohlfühle. Wenn
all das plötzlich verschwände, wäre das in
Ordnung. Dann kam "Rachels Hochzeit",
und nun bin ich viel berühmter, als ich mir
jemals vorstellen konnte. Gleichzeitig fühlt
sich Ruhm so flüchtig und unwichtig an.
Der Prozess des Filmemachens interessiert
mich viel mehr.
Downey: Damit werde ich mich jetzt
nicht beliebt machen, und wahrscheinlich
sollte ich das besser für mich behalten:
Aber in letzter Zeit waren die großen,
kommerziellen Filme für mich die kreativ
befriedigendsten, der Teamgeist war am
größten, und sie kamen beim Publikum
am besten an. Und dann mache ich einen
Independent-Film: Die Beteiligten sind so
dumm, die finden ihren Arsch im Dunkeln
nicht, es geht um 50 Affen, die einen Fußball
ficken, und dafür musst du dir dann in
Sundance die Lunge aus dem Leib brüllen.
Was kommt als Nächstes? Drei Monate
verdammter Shakespeare im Park für die
Kulturbeflissenen?
Hawkins: Hab ich schon gemacht!
Hathaway: Ich sehe das als Abenteuer.
Meine Mutter ist Schauspielerin, und zwar
eine gute, und eine großartige Sängerin.
Ihr bestes Engagement, das sie jemals hatte,
war die Voraufführung einer Broadwayshow,
die es nie an den Broadway geschafft
hat. Sie hat drei Kinder großgezogen und
hatte ein wunderbares Leben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 07/2009