Die reine Schabenfreude

23. Januar 2004, 10:54 Uhr

Ein paar Halbprominente machten sich im Dschungel zum Affen - und Deutschland sah fasziniert zu. Warum nur? Und was geschah rund ums Camp der Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"?

Umgezogen: Stahnke, geduscht und gestylt in der Lobby des Hotels "Palazzo Versace"©

Wenn Sie noch einen Schritt weiter gehen, prügle ich Ihnen das Hirn aus dem Schädel!", brüllt der Mann in Armeeuniform. Es ist 30 Grad heiß und drückend feucht, sein schweißnasses Gesicht läuft blutrot an, auf der Stirn zucken und pulsieren Adern, als stünde er kurz vor der Explosion. Neben ihm zerrt ein zähnefletschender Rottweiler an der Leine, der nicht unbedingt so aussieht, als wolle er nur spielen. "Kommen Sie noch einmal hierher, und wir werden Ihr Auto niederbrennen und Sie in den Fluss schmeißen!", bellt der Mann weiter mit sich überschlagender Stimme.

Wo sind wir? Im afrikanischen Bürgerkrieg? An der südkoreanischen Grenze? Kurz vor bin Ladens Bergversteck? Eben noch haben wir uns gefühlt wie in einem australischen Heimatfilm. Wir sind durch das Städtchen Murwillumbah gefahren, gelegen in New South Wales an der australischen Ostküste, 40 Kilometer vom Ferienort Surfers Paradise entfernt. Vorbei an einem flachen Gemeindehaus, auf dem "Jesus loves you" steht, an Zuckerrohrfeldern und dem schäbigen Trucker-Stopp "Motor Inn", der seine Gäste lockt mit blutigen Rindersteaks so dick wie Telefonbücher.

Auf einem Privatgelände in Australiens Osten, nicht mal eine Autostunde vom Surfer-Mekka Coolangatta entfernt, errichtete die britische Produktionsfirma Granada ihr Camp, das die Deutschen gemietet hatten - inklusive Regenschutz und Plumpsklo©

Dann eine enge Bergstraße hinauf, die in den Urwald führt, an einer Rinderherde vorbei und an einem Farmer in Kniestrümpfen, der uns mit hochgerissenen Armen grüßte, als wären wir lang vermisste Freunde. Alles war gut, doch hinter einer Kurve auf der "Upper Dungay Creek Road" endete die Dschungelromantik abrupt: Stacheldrahtsperren, Infrarotkameras, Hunde und insgesamt 40 Soldaten vom australischen Special Air Service (SAS) bewachen hier ein Stückchen Busch. Normalerweise ist diese Armeeeinheit für besonders heikle Kriegseinsätze gedacht. Aber vielleicht ist das hier ja auch ein besonders heikler Kriegseinsatz. Irgendwo da hinten in einer zehn Quadratmeter großen Waldlichtung sitzen ein paar deutsche Semiprominente und unterhalten sich über ihren Stuhlgang.

"Ooops, we are in the Jungle/ And the Jungle is very fine" Refrain des Camp-Songs

Seit der Ausstrahlung der Menschen-Versuchsanordnung "Big Brother" vor vier Jahren hat keine Fernsehsendung mehr für so viel Wirbel gesorgt wie die RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", die am Mittwochabend nach 13 Folgen zu Ende ging und dem Kölner Sender Traumquoten bescherte. Medienwächter und Politiker hatten sich zuverlässig echauffiert, der allabendliche Blick ins australische Dschungelcamp schädige die Moral, und bei den "Dschungelprüfungen" handle es sich um schiere Folter, die eigentlich nur durch Wegschalten zu ertragen sei.

Die Zuschauer aber, offenbar gelähmt vor Entsetzen oder gefesselt von ihrer eigenen Niedertracht, blieben kleben: Durchschnittlich etwa sieben Millionen verfolgten, wie Spinnen, Strauße, lebende Schleimtümpel und Schabenheere sich über deutsche Zelebritäten hermachten. "Wir lassen uns", so ein RTL-Sprecher mitten im Moralgetöse, "auf eine Debatte über Würde nicht ein." Würde jetzt auch gar nichts mehr bringen.

Deutschland bebt im Dschungelfieber. Besonders "Bild", dem Sender in der Aufzucht und Pflege von RTL-Produkten wie "Superstars" und "Bachelor" symbiotisch verbunden, hat einen regelrechten Lager-Koller. Eine Kommentatorin erkor den griechischen Schlagersänger Costa Cordalis, der sich im Camp durch einen gewissen Stoizismus im Umgang mit Ekeltieren bewährte, zum "Helden der Zivilcourage" und trudelte: "Er übernahm Verantwortung für andere" und "knipste intellektuell seine Angst im Kopf aus". Dass dort noch viel mehr ausgeknipst wurde, zeigte sich im täglichen Flehen um die Zuschauergunst: Costa und Co. bettelten in die Kamera, man möge für sie anrufen und sie in ihrem High-Tech-Sträflingslager - komplett mit schützender Regenplane, künstlich angelegtem Badeteich und stählernen Hängebrücken für den Aufmarsch der beiden Moderatoren - verweilen lassen. Ich bin ein Star - lasst mich bloß drin!

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