Man nehme ein Casting, ein bisschen Dschungel-Atmosphäre und eine Gruppe von Modellathleten und rühre das ganze zu einer hübschen Einschaltquote zusammen. So könnte das Erfolgsrezept der neuen Dschungeltalentshow "Ich Tarzan, Du Jane!" lauten. stern.de durfte vorab schon einen Blick hinter die Kulissen werfen. Von Björn Erichsen

Kandidat Friedrich zeigt den "Ape-Move" - Wird er der neue Musical-Tarzan?© Björn Erichsen
Uh, uh, uh! Patrick steht auf einem Gerüst in zehn Meter Höhe und schlägt sich unter inbrünstigen Urwaldlauten immer wieder auf die nur von einem grauen Muskelshirt verhüllte Brust. Dann greift er ein Seil und schwingt sich durch die dunkle Halle. Mit beiden Händen klammert er sich an dem gegenüberliegenden Gerüst fest. Noch einmal gibt er den Gorilla, robbt sich in Ranger-Hocke über ein Seil zwischen den Gerüsten, die Oberarmmuskeln zum Zerreißen gespannt. Ächzen, Keuchen, schließlich lässt er sich unter einem letzten Grunzen auf die grüne Bodenmatte fallen. Sofort ist eine Kamera zur Stelle und filmt den erschöpften Modellathleten in Nahaufnahme.
Was anmutet wie das militärische Ausbildungslager eines sprachbegabten Primatenstammes ist in Wirklichkeit ein "Flug-Workshop" in Köln-Ossendorf und damit Bestandteil der neuen Sat.1-Dschungeltalentshow "Ich Tarzan, Du Jane!". Patrick gehört zu den zwölf noch verbliebenen Teilnehmern, die gern in das Finale der Show einziehen würden, um von Publikum und Jury zum Musical-Star gewählt zu werden. Konkret gilt es mit der Show die männliche und weibliche Hauptrolle in dem rührigen Disney-Musical "Tarzan" zu besetzen, das im Herbst in Hamburg anläuft. Mit anderen Worten: Deutschland sucht also mal wieder neue Dschungelkönige.
"Als ich über das Seil gerobbt bin, dachte ich, mir fallen die Arme ab. Und das, obwohl ich fünf Mal in der Woche ins Fitnessstudio gehe", sagt Patrick, als er sich seinen grauen Sweater überzieht und sich wieder zwischen die anderen Tarzan-Anwärter an den Rand der grünen Matte setzt. Die Janes sind nicht beim Flug-Workshop, für sie steht heute Gesangstraining in Köln-Deutz auf dem Programm. "Festhalten" ruft Patrick, als sich der nächste Kandidat im Lianeschwingen versucht, sich jedoch nicht wie gewünscht an den Gerüststreben festkrallen kann. Nun trudelt er langsam am Sicherungsseil aus. "Der Parcours ist knallhart, am Schluss war ich absolut im Grenzbereich. Das Biestige ist, dass man dabei immer noch so tun muss, als sei man ein Affe."
Die Kandidaten haben ein hartes Programm hinter sich. Nachdem sie die "Auditions" - so nennen Musical-Leute ihre Castings - überstanden hatten, mussten sich die verbliebenen Teilnehmer durch diverse Sport- und Gesangs-Workshops kämpfen. Für den "Ape-Move", jene vierbeinige Fortbewegungsart, die der von Affen aufgezogene Tarzan lange dem aufrechten Gang vorzog, wurde eigens eine von Rechteinhaber Disney lizenzierte "Ape-Move-Trainerin" aus den USA eingeflogen. Seit ein paar Tagen sind die potenziellen Dschungelkönige in einem Kölner Hotel kaserniert, mit strammen Programm und langen Trainingstagen. Selbstverständlich unablässig beobachtet von den Kamera-Teams der Produktionsfirma.
Patrick rechnet sich gute Chancen aus, in die Show zu kommen. "Meine Stärke ist das Schauspiel", ist der 26-Jährige aus Berlin überzeugt. Er hat eine Schauspielausbildung, am Landestheater Schwaben gab er sogar schon mal Schillers Oberräuber Franz Mohr. Derzeit spielt er die Rolle des "Sky" bei "Mamma Mia" in Berlin. Warum tut er sich so eine Casting-Show an? "Am Anfang hat mich das mit der Kamerabegleitung schon etwas irritiert. Aber dann war die Gelegenheit, möglicherweise in einem großen Musical wie "Tarzan" die Hauptrolle spielen zu können, doch zu verlockend."

Musical-Star Pia Douwes - eigentlich Jurorin, doch hier hängt sie selbst am Haken© Björn Erichsen
Seine Flugeinlagen bekommen die Fernsehzuschauer erst Mitte März zu sehen. Wenn am Freitagabend "Ich Tarzan, du Jane!" startet, werden zunächst nur Bilder aus den ersten Castings gezeigt. Szenen, die hinlänglich bekannt sind: Eine Horde Heranwachsender testet seine mal mehr, meist minder vorhandene Befähigung zum Bühnenstar. Klingt wie bei DSDS, nur dass bei ITDJ - ob sich das wohl durchsetzen wird? - die Anforderungen an die Kandidaten deutlich höher sind: Um die Masse der Freaks rauszuhalten, haben die Produzenten im Vorfeld eine Anmeldung verlangt und Rollenanforderungen festgelegt: Tarzan sollte "ein junger, kräftiger Mann sein, akrobatisch veranlagt, mit junger Pop-Stimme". Als Jane wird dagegen eine "attraktive junge Frau gesucht, die Sopran oder Mezzosopran beherrscht."
Nun steht - Anmeldung hin oder her - außer Frage, dass sich bei mehreren Tausend Bewerbern genügend talentfreie Grobmotoriker mit Durchschnittsfigur melden, so dass es auch beim Musical-Casting genügend Gelegenheit zum Fremdschämen geben wird. Einen Vergleich mit Bohlens Rüpelshow lehnen die Verantwortlichen von ITDJ aber ab: "Eine bestimmte Klientel hat sich bei uns gar nicht erst beworben", sagt Moderator Hugo Egon Balder. "Unser Konzept unterscheidet sich sehr von DSDS: Hier sind die Gewinner nicht gezwungen, ganz bestimmte Lieder eines ganz bestimmten Herrn aufzunehmen, und sie werden auch nicht angegriffen. Bei uns werden die Kandidaten zu Profis gemacht."
Der Sachverstand der Jury ist jedenfalls unbestritten: Ralf Schaedler und Michael Hildebrandt, beide von Deutschlands größtem Tanztheater-Produzenten Stage-Entertainment, haben viel Erfahrung mit der Produktion von Musicals und gelten dem Vernehmen nach als besonnene Charaktere. Aus dem dreiköpfigen Juroren-Team sticht Pia Douwes heraus. Sollte es so etwas wie einen Musical-Superstar geben, so könnte die zierliche Holländerin, Jahrgang 1964, diesen Titel für sich verbuchen. Ihren Durchbruch schaffte Douwes 1992 mit der Rolle der "Elizabeth", spielte danach Hauptrollen in "Grease" und "Evita", schaffte es sogar an den Broadway.