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Bloß nicht zu viel kuscheln

Gute Zusammenarbeit ist wichtig, sagen die Berliner Schauspieler Franziska Petri und Marc Hosemann. Gemeinsam standen sie für die zweite Regiearbeit von Nicolette Krebitz, "Das Herz ist ein dunkler Wald", vor der Kamera. Aber zu kuschelig darf's auch nicht werden!

Marc Hosemann, Franziska Petri, sind Sie gute Teamworker?
Marc Hosemann: Auf jeden Fall. In unserem Job geht's ja gar nicht ohne Teamwork. Das heißt nicht, dass man als Person seine Eigenständigkeit aufgeben muss. Aber nur im Team bringt die Arbeit Spaß.

Was ist denn die Voraussetzung dafür, dass Teamarbeit gut funktioniert?
Franziska Petri: Respekt.
Hosemann: Ja, definitiv. Es ist immer ein Problem, wenn sich jemand zu wichtig nimmt – egal in welcher Position er ist. Das ist für mich das Wichtigste innerhalb eines Teams: dass man vor den Leuten Respekt hat, dass erst einmal alle gleich sind. Wobei es natürlich immer Hierarchien gibt. Aber Hierarchien können ja auch funktionieren, ohne dass Leute versuchen, so pseudoautoritär zu werden.
Petri: Ganz wichtig ist auch, dass man dasselbe will. Dass das Ziel klar ist. Und dass alle voll dahinterstehen.

Man muss seine eigenen Ansprüche und Vorstellungen zurückstellen, damit das Team gut arbeiten kann?


Petri: Ein Stück weit schon.
Hosemann: Natürlich! Und das ist schon ein Problem, wenn sich jemand innerhalb so eines Systems wahnsinnig wichtig nimmt. Man merkt zwar immer, dass das aus einer persönlichen Schwäche heraus passiert und viel mehr mit der Einzelperson zu tun hat als mit dem Team. Aber es wird natürlich zum Problem des Teams, wenn jemand mit einer Scheißneurose herumläuft. Leute, die sich für wichtiger halten als andere, sind einfach anstrengend - und das meine ich jetzt unabhängig von Hierarchien. Das Gleiche gilt, wenn jemand seine Position nicht souverän ausfüllt und sich die ganze Zeit unter Beweis stellen muss. Dann gibt's fiese Probleme.

Kann man das in einem Team auffangen, wenn so jemand zur Gruppe gehört?
Petri: Das ist doch immer da! Und es muss auch immer aufgefangen werden.
Hosemann: Der Vorteil an der Arbeit in einem Filmteam ist natürlich: Zur Not kannst du dir selbst sagen, dass das Ganze nach zwei Monaten vorbei ist. Zur Not hältst du es einfach aus, und dann ab dafür.
Petri: Unsere Arbeit hat ja auch etwas Neurotisches. Ich glaube, man wird keinen Schauspieler finden, der ein ganz bodenständiger und völlig normaler Mensch ist. Irgendwie ist dieser ganze Beruf krank! Es gibt so viele Dinge, die man als Schauspieler tut, die einfach komplett verblödet sind. Wildfremde Menschen küssen, sich nackig mit irgendwelchen Leuten im Bett herumwälzen ... Das ist doch Wahnsinn! Und irgendeine Notdurft muss man haben, um so etwas gerne zu machen.
Hosemann: So einen Sadomasochismus.
Petri: Genau. Und als Schauspieler hast du auch immer diesen Idiotenstatus.

Was meinen Sie mit Idiotenstatus?


Petri: Man wird bedient, man kriegt seinen Kaffee gebracht, die Leute sind darauf bedacht, dass es einem gut geht und dass man bei guter Laune bleibt.

Da kommen dann wieder Hierarchien zum Tragen, oder?


Petri: Schon in der Größe der Rollen liegt Hierarchie. Eine Hauptrolle wird anders behandelt als eine Nebenrolle. Das ist so. Wenn dann jemand so ein krankhaftes Aufmerksamkeitssyndrom hat, leider aber nur eine Nebenrolle spielt - dann kann das sehr anstrengend sein.

Macht es auch einen Unterschied, wie lange jemand schon zum Team gehört?
Hosemann: Klar. Wenn du fest zum Team gehörst, kannst du ganz anders arbeiten, du hast eine ganz andere Sicherheit.
Petri: Oft kommt der Respekt erst über die Arbeit. Wenn du siehst: Jemand von der Ausstattung reißt sich richtig den Arsch auf. Oder wenn der Beleuchter merkt, dass du deine Rolle wirklich geil spielst. Mir geht es immer so, dass ich irgendwann an den Punkt komme, an dem ich bei einem Filmdreh ganz viele andere Leute aus dem Team für ihre Arbeit bewundere. Ab dem Moment will man, dass etwas Gutes dabei herauskommt, dass es den anderen gut geht. Das ist doch der Punkt: Menschen kommen zusammen, weil sie alle dieselbe Sache wollen. In dem Moment sind sie ein Team, ob sie wollen oder nicht. Und wenn man dieses gemeinsame Ziel hat, dann sagt man automatisch: Okay, ich nehme mich jetzt mal zurück. Erst wenn die Sache nicht mehr für alle im Vordergrund steht, zerfällt ein Team. So einfach ist das.

Kriegen Sie es gut hin, innerhalb eines Teams mit Kritik umzugehen?


Petri: Ich glaube, beim Film ist das Äußern von Kritik schon eine relativ schwierige Angelegenheit. Zwischen Regisseur und Schauspieler ist es normal, da gehört es mit zum Arbeitsprozess. Aber dass dir zum Beispiel eine Maskenbildnerin sagt, was sie scheiße findet. Meine Erfahrung ist, dass man damit relativ vorsichtig ist.
Hosemann: Das ist wie in einer Demokratie: Wenn das System in sich funktioniert, dann kann man auch ohne Probleme Kritik äußern. Wenn die Sache mit dem Respekt funktioniert, dann ist es okay, kritisch zu sein. Petri: Ja, wenn man zueinander eine wirkliche Beziehung hat, wenn man sich mag. Aber es ist insgesamt schon ein empfindliches Gefüge.

Ist dieses Gefüge noch empfindlicher, wenn's so richtig harmonisch zugeht? Wird man unkritisch, wenn alle best friends sind?
Petri: Die Gefahr hast du eigentlich immer. Wenn man gemeinsam an einer Sache arbeitet, wird man ganz schnell dazu verleitet, alles toll zu finden. Aber ich glaube, das ist ganz normal. Bei Teams, wo Leute schon 20 Jahre zusammenarbeiten, da ist die Gefahr noch größer. Wo jeder schon mit jedem was hatte, alles ist ausgesprochen, und keiner hat sich mehr was zu sagen. (lacht)

Sie meinen: Wenn es zu kuschelig ist, dann wird's auch irgendwann langweilig.


Petri: Genau. Es muss ja auch mal weh tun und knirschen und schwierig sein. Für manche Rollen braucht man zum Beispiel einfach Disharmonie. Ich halte aber sowieso nichts von immer währender Harmonie. Man muss sich mit seinen Teamkollegen auch auseinandersetzen können.
Hosemann: Ich glaube, dass es trotzdem viel einfacher ist, mit jemandem zu arbeiten, mit dem man sich irgendwie versteht.
Petri: Ich sehe das so: Entweder du magst jemanden richtig, und dann entsteht Spannung - weil zwischen zwei Menschen etwas stattfindet. Oder du magst jemanden nicht, und dann ist dieses Nichtmögen auch als Spannung sichtbar. Aber wenn man zu jemandem überhaupt kein Verhältnis hat, wenn der andere einem scheißegal ist, dann wird's öde.
Hosemann: Man kann die Kriterien für gutes Zusammenarbeiten wahrscheinlich nicht als Formel definieren. Das wäre Quatsch.
Petri: Entweder man hat kapiert, dass nur etwas Gutes dabei herauskommt, wenn man gemeinschaftlich denkt und auch für den anderen etwas tut. Oder man hat das nicht kapiert. Ich weiß nicht, ich glaube immer, mit der zweiten Variante kommt man nicht so weit. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht. Vielleicht kommt man mit so einer totalen Egonummer auch ganz schön weit.

Ist Teamwork für Sie etwas, das auch in Freundschaften und Beziehungen stattfindet?
Petri: Letztlich schon. Eine Beziehung ist quasi das kleinste Team. Da ist es genauso: Wenn man ein Ziel hat, wenn man gemeinsame Zukunftsvisionen hat, dann kann man glaube ich eine tolle Beziehung haben. Wenn jeder von beiden bereit ist, sich selbst auch mal zurückzunehmen.
Hosemann: Wenn so ein Liebespaar anfängt miteinander zu reden, dann ist es aus. Aus. Ich meine: aus und vorbei. Wo kein Schweigen ist, da ist nichts. Solche Sachen spielen sich nur im Schweigen ab.
Petri: Was redest du da?
Hosemann: Das ist ein Text, den ich gestern sprechen musste. Sorry. (lacht)
Petri: Klingt nicht schlecht. Ich hab's zwar nicht verstanden, aber ...
Hosemann: Im Ernst: Ich bin zu naiv, um diese Frage beantworten zu können.

Die Frage nach Teamwork in Beziehungen?


Hosemann: Ja. Wenn ich anfange, mir darüber Gedanken zu machen, dann kriege ich einen Vogel. Das hat für mich einfach viel mit Instinkt zu tun. Man kann das alles eh nicht lernen oder sich erarbeiten - das wäre ja eine wahnsinnig brutale Sache.

Auf beruflicher Ebene kann man's schon lernen. Zumindest gibt es Teamwork-Seminare ...


Petri: Bestimmt kann man eine Menge über Teamwork lernen. Aber ich fürchte mich auch davor, zu viel Theorie im Kopf zu haben. Wenn man erst mal ganz genau weiß, wie Teamwork wirklich funktioniert, dann weiß man auch ständig, was man falsch machen kann. Und dann verhält man sich nur noch verkrampft. Weil man immer denkt: Oh, scheiße, hab ich jetzt etwas Falsches gesagt? Das ist definitiv nicht im Sinne des Teamgeistes.

Interview: Juliane Rusche

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