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3. April 2008, 08:00 Uhr

"Viel lieber würde ich heulen"

Mit seinen phantasiereichen Filmen hat sich Michel Gondry als einer der originellsten visuellen Künstler seiner Zunft etabliert. Im stern.de-Interview redet der Regisseur über seinen neuen Film "Abgedreht" und verrät, warum er bei seinen Dreharbeiten sanftes Chaos schätzt.

Im Februar kam Michel Gondry zur Präsentation seines Films "Abgedreht" auf die Berlinale© AP

"Ghostbusters", "Miss Daisy und ihr Chauffeur", "Der letzte Tango in Paris", "2001 - Odyssee im Weltraum"... Es gibt keinen Film, den Jerry und Mike, die beiden Angestellten einer kleinen Videothek in einem Vorort von New York, nicht selbst nachdrehen: Mit Alufolie, Fön, Laubsäge und Filzstift rücken sie der Filmgeschichte zu Leibe. Der Grund: Jerry hat aus Versehen die Bestände der Videothek gelöscht. Da die beiden Verkäufer ihre Kunden nicht vergraulen wollen, nehmen sie die Tapes neu auf. "Abgedreht" ist wieder ein echter Michel-Gondry-Film geworden, in dem er seinen persönlichen Film-Grillen und vorsintflutlichen Gestaltungsideen freien Lauf lassen kann. Zärtlich, chaotisch, lustig und eben "Abgedreht". stern.de-Mitarbeiter Julian Weber sprach mit dem Regisseur über seinen neuen Film.

Herr Gondry, mögen Sie Remakes?

Oh, nein. Remakes kann ich nicht leiden. Ich wurde schon oft gebeten, Remakes zu drehen, habe aber alle Angebote grundsätzlich abgelehnt. Obwohl selbst am Anfang der Filmgeschichte schon Remakes gedreht wurden, halte ich sie für reichlich überflüssig. Denn Remakes sind teurer als das Original. Ich habe dieses Prinzip für "Abgedreht" umgekehrt: Ich nehme teure Filme als Vorlage und mache daraus billige Remakes.

Diese selbstgedrehten Remakes werden nach den Worten Ihrer Hauptdarsteller "geschwedet". Wie kamen Sie darauf?

Zuerst dachten wir an den Begriff "Pimp your Video", aber mein Cutter war der Ansicht, die MTV-Kultur sei mitsamt ihrem Vokabular auf den Hund gekommen. Also haben wir nach einem alternativen Begriff gesucht. Mir schwebte etwas in der Art wie "Suede" (englisch für Samt, Anm.d.A.), aus dem Elvis-Song "Blue Suede Shoes" vor. Als Verb kam schweden dann beim Dreh auf: Jerry (Jack Black) versucht einen aufgebrachten Kunden zu beruhigen. Der knallt ihm ein versehentlich gelöschtes Videotape auf den Tisch und verlangt seine 20 Dollar zurück. Jack improvisierte diese Szene und sagt, alles easy, wir schweden Ihnen das Videotape.... Ich dachte, oh Gott, das ist kein Verb, das ist doch ein Land. Und Jack bejahte. Meine Filme handeln davon, was meine Protagonisten aus ihrer Welt auf der Leinwand machen. Es geht weniger darum, wie die Welt in Wirklichkeit ist.

So wie Sie es darstellen kann man auch nicht durch elektromagnetische Strahlung Videobänder löschen, oder?

Nein, das ist reichlich abstrus. Aber das Elektrizitätswerk, in dem wir gedreht haben in Passaic/New Jersey, gibt es wirklich. Mein Setmechaniker Earl hat früher auf dem Schrottplatz nebenan gearbeitet. Sein Boss hatte Haarausfall, und wir waren uns ganz sicher, dass das mit der Stromspannung zu tun haben muss. Ich habe das für meinen Film ein bisschen zugespitzt. Jerry wird von der elektromagnetischen Spannung des E-Werks aufgeladen und löscht dadurch alle Tapes in der Videothek. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie in Ihrer Videothek einen Film leihen, und statt diesem befindet sich auf dem Tape ein von den Angestellten eigenhändig gedrehtes Remake?

Ich würde mich ziemlich wundern.

Genau wie die Kunden der Videothek in meinem Film zuerst auch. Aber dann zahlen sie doch gerne, um die selbstgedrehten Filme zu sehen. Die Strategie für "Abgedreht" entspricht im Übrigen auch meiner Philosophie vom Filmemachen: Ich nehme mich immer einem unmöglichen Thema an und denke es als Möglichkeit nach. In der Mathematik nennt man das Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Mathematik hin oder her, Ihr Film ist gespickt mit Filmzitaten. Eigentlich eine Frechheit, daraus einen Film zu machen...

Für mich ist "Abgedreht" kein Film über andere Filme. Es ist vielmehr ein Porträt über die Bewohner eines Stadtviertels. Sie beschließen, etwas zusammen zu unternehmen. Lassen Sie es mich mit einer Anekdote über Walt Disney und seinen kleinen Neffen erklären. Als Disney ihn im Sandkasten spielen sah, entwarf er den größten Vergnügungspark, den die Welt gesehen hat. Völlig umsonst, denn sein kleiner Neffe buddelte friedlich im Sandkasten und hatte eine Spitzenzeit mit sich und seiner kindlichen Fantasie. Genauso sage ich, die Menschen sollen lieber ihre eigenen Filme drehen, anstatt die Produkte der Unterhaltungsindustrie zu konsumieren. Sie werden sich ihre eigenen Filme auch lieber ansehen, weil alle Freunde mitspielen und die Dreharbeiten großen Spaß machen.

Kurzporträt Michel Gondry "Abgedreht" (engl. Titel "Be Kind-Rewind"), ist Michel Gondrys vierter Spielfilm. Angefangen hat der Franzose als Videoclip- und Werberegisseur. Zahlreiche seiner Musikvideos für Künstler wie Björk, Beck oder die Foo Fighters wurden preisgekrönt. 2001 debütierte Gondry mit seinem Spielfilm "Human Nature - die Krone der Schöpfung". Er verwendet gerne Techniken aus der Frühzeit des Films wie optische Täuschungen, gemalte Kulissen und mischt diesen visuellen Einfallsreichtum mit seinen verträumten, witzigen Filmideen. Gondry macht modernes Popkino ohne Gigantomanie.

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