Er ist der Grandseigneur des deutschen Films: Armin Mueller-Stahl - Schauspieler, Künstler, Musiker. Zu Weihnachten ist er in Breloers Kinofilm "Buddenbrooks" zu sehen. Im stern.de-Interview spricht er über seine schönsten Film-Tode, warum Thomas Manns Stoff in Zeiten der Finanzkrise aktuell ist wie nie und wie er Tom Cruise sitzen ließ. Von Katharina Miklis

Thomas Mann statt Hitler: Armin Mueller-Stahl sagte für Breloers "Buddenbrooks" Tom Cruises "Walküre" ab© Marcus Brandt/DPA
Gelassen schlägt er ein Bein über das andere. Seine strahlenden blauen Augen sind ebenso eindringlich wie sanftmütig. Im Interview in Hamburg strahlt der Mann aus Los Angeles eine stoische Kontenance aus. Armin Mueller-Stahl hat in seiner 50-jährigen Karriere viel erreicht: den Deutschen Filmpreis, Bambi, Adolf-Grimme-Preis, das Bundesverdienstkreuz... Für den Oscar war er gleich mehrmals nominiert. Auch wenn der Schauspieler längst in Hollywood erfolgreich ist, war es für ihn selbstverständlich, für eine große Buddenbrook-Verfilmung noch einmal in Deutschland vor der Kamera zu stehen. Wahrscheinlich zum letzten Mal. Für Heinrich Breloers Verfilmung von Thomas Manns nobelpreisgekürtem Roman verscherzte er es sich sogar mit Tom Cruise.
Ja, das stimmt. Die Dreharbeiten zu "Walküre" habe ich abgesagt.
Wenn es nach meinem Agenten gegangen wäre, hätte ich in den letzten Monaten in drei Filmen mitgespielt: dem neuen Tom-Tykwer-Film "The International", Cruises "Walküre" und in den "Buddenbrooks". Aber ich bin doch keine 20 mehr. Das tue ich mir nicht an. Obwohl mich die "Walküre"-Rolle schon gereizt hat. Es wäre ein schöner Tod gewesen am Schluss...
Ja, das stimmt. Ich mag es, alte sterbende Menschen zu spielen. Weil es so einfach ist. Die Energie, die Sie brauchen, um einen jungen Burschen zu mimen, ist kräftezehrend. Als Jean Buddenbrook bekomme ich einfach nur einen Herzinfarkt. Und bin tot. Ganz simpel. In Tykwers "The International" werde ich erschossen, allerdings mit einer sehr schönen Vorgeschichte. Aber der beste Tod wäre der des Ludwig Beck in "Walküre" gewesen. Der nimmt sich am Schluss das Leben und schießt dreimal daneben. Und das als deutscher General. Der aufregendste Selbstmord, den ich je erlebt habe.
Ich wollte einfach wieder mit Heinrich Breloer zusammenarbeiten. Breloer macht Dinge, die nicht unbedingt Quotenbringer sind. Die Quotenbringer sind in der Regel die Monster. Hitler mit Frauen. Hitler ohne Frauen. Hitler im Bunker. Hitler in Berchtesgaden. Das bringt Quote. Thomas Mann bringt keine Quote. Trotzdem sind solche Dinge wichtig für uns. Wir dürfen uns ruhig auf die guten, alten Dinge besinnen. Wir tun es ja in der Musik auch, hören Mozart und all die großen Klassiker. Breloer besinnt sich auf dieses über 100 Jahre alte Buch. Und es gibt kein besseres Stück als dieses. Obwohl so viel Zeit vergangen ist. Es ist das Beste.
Die Freiheit gönne ich mir, Dinge wieder zurückzunehmen, die ich einmal gesagt habe. Ich wollte meine Karriere eigentlich ganz ruhig auslaufen lassen - jetzt wo ich doch in zwei Jahren 80 werde. Mittlerweile ist jedoch ein Karriere-Endspurt daraus geworden, der länger andauert, als ich gedacht habe. Manchmal kann ich halt nicht nein sagen. Jetzt habe ich gerade einen Film mit Tom Hanks gemacht. Dass ich das noch gemacht habe, dafür bin ich sehr dankbar. Ich durfte Menschen mit Herz begegnen. Profis. Das will ich nicht missen.
Ich genieße es alleine zu sein und zu schreiben und zu malen, Musik zu machen. Die Zeit zu haben, mich zu entdecken, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Das ist mir wichtiger geworden, als zu spielen. Ich genieße es, dass mich kaum noch jemand auf der Straße erkennt. Ganz anders als früher. Endlich kann ich mich frei bewegen und laufe nicht mehr wie ein Affe im Zoo durch die Welt. Heute kann ich den Finger in die Nase stecken, wann ich will. Das ist wunderbar.
Ach wissen Sie, mich interessieren die Leute, die sich auf der Schattenseite des Lebens bewegen, viel mehr. Das Geld, reiche Menschen, Geldadel... das interessiert mich alles nicht. Ich schwöre es Ihnen. In Amerika gibt es diese Dummheiten auch. Da treffen sich dann nur Milliardäre, um über ihr Geld zu sprechen. Wir Menschen neigen dazu, unser Selbstbewusstsein immer an unsere Erfolge zu knüpfen. Haben wir keine beruflichen Erfolge, schrumpft unser Selbstbewusstsein. Was, wenn dieser Geldadel jetzt bei der Bankenkrise Millionen verliert? Dann sind sie genauso wie Jean Buddenbrook. Das Selbstbewusstsein schrumpft zusammen. Sie haben plötzlich nichts mehr, woran sie sich festhalten können.
Früher waren es auch meine Erfolge, klar. Aber an irgendeinem Punkt habe ich das dann auch mal hinterfragt: Moment, was ist eigentlich Glück? Glück ist ein kurzer Moment. Das Fundament des Lebens ist die Familie.
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Zur Person Armin Mueller-Stahl wurde 1930 im ostpreußischen Tilsit geboren und in Ost-Berlin zum Musiklehrer und Konzertgeiger ausgebildet. Erste schauspielerische Erfahrungen sammelte er zu Beginn der 50er Jahre am Theater. 1960 begann er seine Karriere als Film- und Fernsehstar in der DDR. Im Alter von 60 Jahren begann Mueller-Stahl seine dritte Karriere - in Hollywood ("Tödliche Versprechen", "Das Geisterhaus", "Night on Earth"). Die "Buddenbrooks"-Verfilmung ist nach dem TV-Mehrteiler "Die Manns" (2001) die zweite Zusammenarbeit von Armin Mueller-Stahl mit Heinrich Breloer.