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"Eigentlich bin ich ein Komiker"

"Wut", "Contergan", "Die Fälscher" und nun die Tragikomödie "Selbstgespräche". August Zirner ist einer der populärsten Schauspieler in Deutschland. Sein Gesicht kennt jeder, nur mit dem Namen hapert es meistens. Gut, dass es ihn nicht wirklich stört. Ein stern.de-Gespräch über Eitelkeit, Jähzorn und heiße Eisen.

Von Sophie Albers

In gleich drei groß diskutierten Filmen hat man ihn im vergangenen Jahr gesehen: "Wut", "Contergan" und dem Oscar-prämierten "Die Fälscher". Er ist ein begnadeter Schauspieler und hat eines dieser Gesichter, dessen Auftauchen beim Zuschauer sofort Vertrauen herstellt. Man kennt es schon lange und kann sich darauf verlassen, dass der Film kein wirklich schlechter sein kann. Aber wie hieß der Mann noch mal?

August Zirner gehört zu den populärsten Schauspielern dieses Landes. Aber es sind diese grünen Augen, die immer nach einem Notausgang zu suchen scheinen, die meist sorgenzerfurchte Stirn, dieses schüchterne Lächeln und eben nicht der Name, an den sich der Zuschauer erinnert.

Doch könnte Zirner auch anders - wenn man ihn denn ließe. In seinem neuen Film "Selbstgespräche" spielt er den Chef eines Callcenters für DSL-Anschlüsse, der mit breitem Lachen und leeren Floskeln um sich schmeißt und dabei nicht mitbekommt, wie sein Leben ihm entgleitet. Es geht um die Kälte der Leistungsgesellschaft und die Unfähigkeit, das zu sagen, was man fühlt. Wieder ein Drama, dabei sei er doch eigentlich ein Komiker, sagte Zirner im Gespräch mit stern.de und verriet, was es heißt, ein Schauspieler zu sein.

Sie sind einer der meistbeschäftigten Schauspieler in Deutschland. Ihr Gesicht erkennt man sofort. Aber viele können mit dem Namen auf Anhieb nichts anfangen. Nervt Sie das?

Nicht mehr. Es gab eine Zeit, da hat es mich schon gewurmt, aber inzwischen nehme ich das einfach dankend zur Kenntnis. Es ist, wie es ist. Es gibt diese komische Geschichte, wo eine Frau zu mir sagt: "Entschuldigen Sie, ich kenne Sie irgendwoher, Sie sind doch Schauspieler, oder?" Und ich sage: "Ja." Dann sagt sie: "Ja, aber Entschuldigung, wie heißen Sie?" "August Zirner." Und sie: "August Zirner, nein! Der sieht ganz anders aus." Das war sozusagen die Spitze des Nicht-erkannt-werdens. Ich sehe ganz anders aus... [lacht] Aber ich lebe ganz gut damit. Manchmal kriege ich ja auch Kommentare, dass Leute meine Arbeit schätzen, und das ist die Hauptsache. Ich will gar nicht behaupten, dass ich ein Verwandlungskünstler bin, aber ich bemühe mich um die jeweilige Rolle. Wenn das dazu führt, dass ich keinen Wiedererkennungswert habe, dann soll es mir recht sein.

Das ist doch eigentlich ein großes Kompliment.

Man könnte es sich schönreden. Ich nehme es als Tatsache hin.

2007, heißt es, sei Ihr Jahr der heißen Eisen gewesen: "Wut", "Die Fälscher", "Contergan". Ist "Selbstgespräche" dagegen Entspannungsprogramm?

Nein. Die Dreharbeiten sind ja auch schon wieder lange her. Die heißen Eisen... Ich mag einfach spannende Stoffe. Manchmal habe ich fast den Eindruck, dass die Themen mich suchen. Das war vielleicht eine glückliche Fügung, dass da drei Filme gerade so spannende Themen hatten, aber es waren ja nicht die einzigen Filme, die ich gemacht habe. Aber halt Filme, die viele Auszeichnungen und Medienaufmerksamkeit bekamen. Dass so ein Film wie "Contergan" etwas bewirkt, ist schon schön. Man will ja auch was mit seiner Kunst bewegen.

Ich habe ein ganz passendes Zitat von Ihnen gefunden: "Für den Schauspieler besteht die Notwendigkeit, dramatische Realität in der Abendunterhaltung aufzuarbeiten."

Habe ich das gesagt? Das ist ein bisschen verblasen, aber manchmal wird man ja zu irgendwelchen Bonmots beflügelt.

Würden Sie dem denn zustimmen?

Ich finde den Gedanken nicht falsch, dass man die Abendunterhaltung benutzt, brach liegende Themen anzusprechen. Ich glaube schon, dass es eine Aufgabe der Kunst ist - ob nun Film, Fernsehen oder auch Theater -, an Tabus zu rütteln, eine Gesprächskultur in Gang zu bringen. Es gibt verschiedene Arten zu unterhalten, wobei ich nicht nur dramatische Ereignisse meine. Ich bin im Prinzip auch ein Komiker. Ich werde aber immer nur mit diesen ernsten Themen konfrontiert.

Ein Komiker?

Ich bin ein absoluter Komiker, fragen Sie in meinem Bekanntenkreis nach. Ich bekomme nur immer dramatische Rollen. Mein schauspielerisches Ethos ist geprägt durch einen tiefen Hunger und tiefe Sehnsucht nach Humor.

Es heißt auch, dass Sie ein sehr jähzorniger Mensch seien. Das passt dann ja nicht so richtig.

Das war ich mal, bin es manchmal noch... wenn ich im Recht bin [lacht).

So wie alle jähzornigen Menschen...

Wenn ich merke, dass irgendwelche Machtspiele gespielt werden, kann es mir auch heute noch passieren, dass ich ein bisschen Amok laufe.

Was heißt "Amok laufen"?

Dass ich übers Ziel hinaus argumentiere und brülle, weil ich Machtspiele einfach auf den Tod hasse. Wenn Leute versuchen, mich oder andere zu manipulieren.

Haben Sie dafür nicht den falschen Job?

Nein, gar nicht. Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich glaube nicht, dass viele von uns Schauspielern so blöd sind, dass wir wirklich Manipuliermasse sind.

Aber Eitelkeit ist Futter für Machtspiele, und Eitelkeit gehört in Ihrem Beruf dazu.

Eitelkeit ist eine der schlimmsten Feindinnen des Schauspielers - einerseits. Andererseits ist die Eitelkeit auch das, was einen antreibt. Die Eitelkeit hat zwei Gesichter. Sie kann befeuern und beflügeln, genauso wie der Ehrgeiz, aber auch zerstören. Macht halte ich grundsätzlich für zerstörerisch. Aber Eitelkeit hat ja nichts mit Macht zu tun.

Macht bedient sich der Eitelkeit.

Das ist etwas anderes. Macht benutzt die Eitelkeit, um Leute gefügig zu machen, wie wir in vielen Fällen beobachten können. Aber für mich ist es auch ein Teil der schauspielerischen Arbeit, an sich zu arbeiten. Die Auseinandersetzung mit der Eitelkeit ist ein zentraler Punkt im Umgang mit meinem Beruf. Mein Bestreben ist es, im Laufe der Zeit immer weniger Eitelkeit zu evozieren. Dostojewski sagt: "Eitelkeit ist einer der schwersten Laster überhaupt zu überwinden." Weil man natürlich immer wieder erwischt wird, und immer wieder ist man drin. Ich behaupte nicht, dass ich frei von Eitelkeit bin, weiß Gott nicht. Ich sehe die Eitelkeit nicht als Feind, aber als etwas, womit ich mich auseinandersetze, und ich weiß einfach inzwischen aus Erfahrung, dass die Momente, wo die Eitelkeit überwunden wurde, viel schöner waren, als die der Bezirzung der Eitelkeit.

Zurück zum Film: Ich fand den überhaupt nicht komisch. Das ist keine Komödie.

Er hat komische Momente. Aber es ist eine Tragikomödie, eine seltene Gattung. Das schätze ich so an André Erkau [Regisseur]: Er bewegt sich in ein Genre, das selten geworden ist. Man guckt so rein in die Leben...

Ihre Rolle des Callcenter-Chefs Harms vermittelt die Botschaft, dass die am besten in unserer Gesellschaft funktionieren, die am kaputtesten sind.

Das wäre eine denkbare Quintessenz.

Mögen Sie Harms?

Ich verstehe ihn. Mögen... also ich mag ihn, aber das ist eine ganz schwierige Frage, weil ich ihn ja gespielt habe.

Muss man seine Rollen mögen?

Immer, unbedingt. Eine Rolle, die man hasst, kann man gleich vergessen.

Haben Sie immer Rollen gespielt, die Sie auch verstanden haben?

Manchmal nimmt man sie auch an, weil man herausfinden will, was das ist.

Kann das auch schief gehen?

Das kann schief gehen, aber deswegen hasst man die Rolle nicht. Dann ist man sozusagen an der Aufgabe der Entdeckung gescheitert.

Ist das das Schauspieler-Sein?

Für mich, aber nicht für jeden. Manchmal möchte ich den Beruf als praktische, aktive Toleranzarbeit bezeichnen. Man versucht nicht nur zu verstehen, sondern dieser anderen Person nah zu sein. Was natürlich dazu führen kann, dass man unter Umständen einen ganz schrecklichen Menschen plötzlich versteht und mag. Das halte ich aber nicht für falsch. Ich glaube, man kommt nur mit den wirklichen Tragödien, mit Feinden, mit dem Leben voran, wenn man in der Lage ist, zu verstehen.

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