Erfolgsregisseurin Doris Dörrie hat einen neuen Film gemacht: "Kirschblüten - Hanami". Eine bewegende Geschichte über die Entfremdung innerhalb einer Familie und die Chance, sich nach einen plötzlichen Todesfall doch noch einmal näher zu kommen. Und das im fernen Japan. Die deutsche Filmemacherin und Japanliebhaberin spricht im stern.de-Interview über Vergänglichkeit und Lebenslust.

Doris Dörrie - Deutschlands erfolgreichste Regisseurin© Johannes Eisele/ Reuters
Hanami heißt "Kirschblüten betrachten". Das ist auch der Witz an dieser Kirschblüte: Man muss sich beeilen, sie zu erwischen und in ihrer Schönheit wahrzunehmen. Deshalb strömen in ganz Japan die Leute unter die Kirschbäume, um diesen Moment nicht zu verpassen. Und natürlich fotografieren das alle. Das ist unser menschlicher Reflex: Wir wollen alles festhalten, was schön ist. Die Kirschblüte wiederum ist ein altes und kraftvolles Symbol für Vergänglichkeit: Sie kommt über Nacht und ist nur ganz kurz da. Wenn man Pech hat nur 24 Stunden, wenn es beispielsweise regnet. Dann ist sie auch schon wieder verschwunden.
Weil es mich beschäftigt. Weil es unvermeidlich ist: Alles muss zu Ende gehen. Und davor haben wir große Angst. Das verbindet uns als Menschen: der Schmerz darüber, die Trauer darüber, dass alles zu Ende gehen muss. Und gleichzeitig ist da auch die ungeheure Schönheit unserer Existenz. Das gehört zusammen: Die Kirschblüte ist nur deshalb so schön, weil sie so fragil ist.
Zum einen verstehe ich die Kinder von Rudi und Trudi in Berlin sehr gut: Dass sie keine Zeit haben, dass die Eltern natürlich auch nerven, und dass sie nicht wissen wohin mit ihnen. Dieses schlechte Gewissen, was gleichzeitig an uns nagt, dass wir eigentlich ganz anders sein möchten. Dass wir unsere Eltern lieben, sie uns aber auch nerven. Ich selbst nerve als Eltern auch schon wieder meine Kinder... Wenn wir das aber zu sehr zulassen, verpassen wir uns irgendwann komplett.
Wir finden nicht mehr die Zeit, einander wirklich wahrzunehmen, weil wir ständig abgelenkt sind. Es ist auch eine Anstrengung zu sagen: Okay, statt zu konsumieren - egal ob das Fernsehen, Internet, Telefon, Shoppen ist - mache ich jetzt alles aus und setze mich hin und beschäftige mich wirklich nur mit dem anderen. Auch wenn das vielleicht langweilig und nervig ist. Ich glaube aber, wir wissen alle insgeheim, dass diese ständige Ablenkung nicht gut ist. Für uns selbst nicht und für den anderen auch nicht. Dass wir unser Leben eben vielleicht sogar darüber "verpassen".
Ich rufe nach der Premiere meine Eltern an! [lacht] Ich kämpfe ständig damit, dass ich versuche da zu sein, besonders für meine Tochter, die noch nicht so ganz erwachsen ist. Und natürlich auch für meine Eltern, und für meinen Mann. Deshalb beschäftigt es mich auch so. Weil ich natürlich auch auf vielen Hochzeiten tanze. Das ist ein ständiges Jonglieren: Was ist wichtiger? Wo setze ich Prioritäten? Was passiert in dem Moment mit dem anderen? Da muss man jeden Tag aufs Neue schauen.
Das ist dafür gar nicht so entscheidend. Das ist etwas, was alle Menschen miteinander teilen: den Verlust oder die Angst davor. Wir alle werden das erleben oder haben es bereits erlebt oder fürchten uns davor. Und das ist auch etwas Großartiges: Dass wir die Angst und den Schmerz im anderen auch sehen - und uns darüber mit ihm verbinden können. So passiert es im Film zwischen dem bayerischen Witwer Rudi und der jungen Butoh-Tänzerin Yu in Japan: Sie hat ihre Mutter verloren, er seine Frau - die brauchen da gar nicht viel darüber reden, sondern die sehen das in dem anderen. Das kann jeder im anderen sehen, wenn er sich ein bißchen Mühe gibt. Aber diese Mühe geben wir uns oft nicht, weil es einfacher ist, so zu tun, als gebe es das alles nicht. Ich glaube, wir verpassen etwas, wenn wir das nicht sehen wollen.

Auf der Suche nach der Liebe nach dem endgültigen Verlust© Majestic/ DDP
Das ist der Angelpunkt der Geschichte: dass einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Wir möchten alle gerne so tun, als könnte alles immer so weitergehen. Als wären wir unsterblich. Das hätten wir gerne, aber das ist einfach nicht so. Filmvater Rudi hat große Pläne, wenn er erst einmal pensioniert ist. So denken wir alle ständig: und dann, und dann, und dann... übermorgen bin ich nett zu meinem Mann oder zu meinem Kind, und dann fahren wir zusammen weg, und dann haben wir Zeit füreinander. Und dann plötzlich geht das alles gar nicht mehr, weil die Dinge sich anders entwickeln, oder weil jemand stirbt.
Wenn einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird, und man solche Schmerzen erleidet durch den Verlust, wacht man natürlich auf. Das ist es, was mit Rudi passiert: Er muss aufwachen, weil er so leidet. Etwas in seinem Inneren gerät in Bewegung, und er bewegt sich wieder. Darüber bekommt er auch etwas: den Kontakt zur Butoh-Tänzerin Yu in Japan und den Kontakt zu sich selber.
Butoh ist ein sehr besonderer Tanz: Er handelt von der Anwesenheit der Toten. Das ist eine sehr asiatische Blickweise, dass die Toten wirklich anwesend sind. Im Film ist es so, dass Rudi seine Frau auch tatsächlich zurückbekommt. Zwar auf eine sehr andere Art und Weise, als er sich das ursprünglich erhofft hat, aber er bekommt sie in einem gewissen Maß wieder. Und das hat mit Butoh zu tun...
Japan war für mich immer ein besonders exotischer und gleichzeitig besonders vertrauter Ort. Obwohl ich schon oft nach Japan gefahren bin, habe ich allerdings die beiden Klassiker nie gesehen: die Kirschblüte und den Berg Fuji. Deswegen sollten diese beiden Mythen in meinem Film vorkommen. Genauso wie der Löwenzahn in meiner Heimat dem Allgäu: vor schneebedeckten Bergen und bayerischem Himmel. Das ist eine unglaubliche Schönheit! Das darf man auch nicht verpassen!
Interview: Bianca Kopsch