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"Fassbinder war kein Heiliger"

Mit Rainer Werner Fassbinder starb vor 25 Jahren einer der bedeutendsten deutschen Regisseure überhaupt. Im stern.de-Interview erklärt sein ehemaliger Weggefährte Harry Baer, warum Fassbinder nicht zur Ikone werden sollte.

Herr Baer, Rainer Werner Fassbinder verstarb vor 25 Jahren. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag? Wie haben Sie am 10. Juni 1982 von seinem Tod erfahren?

Einige Stunden vor seinem Tod hatte ich noch mit Fassbinder telefoniert. Ich rief ihn auf seiner Geheimnummer an und erzählte ihm von einer Kneipe, die ich gerade zuvor besucht hatte. Diese Gaststätte schien mir als Motiv für einen Dreh sehr geeignet. Fassbinder zeigte sich sehr interessiert. Einige Stunden später war er tot.

Sie selbst gehörten bis zum Schluss zum innersten Zirkel der sogenannten Fassbinder-Truppe. Sie wirkten in zahlreichen Filmen, vor und hinter der Kamera, als Schauspieler und Regieassistent mit. Kam der Tod Fassbinders für Sie völlig unerwartet?

Ja, Fassbinders Tod hatte mich unerwartet und wie ein Dampfhammer getroffen. Ich stand am Abgrund, hatte einen sehr guten Freund verloren, jegliche berufliche Perspektive und begann hemmungslos zu trinken.

Aber noch im gleiche Jahr erschien ihre Fassbinder-Biografie "Schlafen kann ich wenn ich tot bin, das atemlose Leben des Rainer Werner Fassbinder."

Richtig. Das Buch hatte mich wirklich vor dem Absturz gerettet. Durch das Schreiben gelang es mir, mich sprichwörtlich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszuziehen. Dass ich das Buch überhaupt beenden konnte, ist dem Druck des Verlages zu verdanken. Man setzte mir verbal die Pistole auf die Brust. Das Buch sollte rechtzeitig zur Buchmesse erscheinen. Wie gesagt, es war damals keine sehr gute Zeit für mich.

Gab es nicht schon vorher Anzeichen, für einen physischen Niedergang Fassbinders?

Wenn ich mir heute seine Fernsehauftritte anschaue oder mich zurückerinnere, hätte man sicherlich Warnzeichen erkennen können. Fassbinders hemmungsloser Drogenkonsum war ja unübersehbar. Vielleicht fehlte mir auch einfach die Distanz. Fassbinder und ich arbeiteten ja sehr viel miteinander, wir waren alle Workaholics. Vielleicht so eng, dass man keine Warnzeichen erkennen konnte oder wollte. Vielleicht war ich auch zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Aber seinen vorzeitigen Tod habe ich damals nicht vorausgeahnt.

Hatte sich die Beziehung zwischen den Weggefährten und Freunden Fassbinders durch dessen Tod verstärkt?

Im Gegenteil. Fassbinder war das Gravitationszentrum. Durch seinen Tod lief alles auseinander. Sicherlich saß man noch öfter zusammen. Trat in Fernsehveranstaltungen oder Dokumentationen auf, aber langfristig lief alles auseinander. Diese Abwärtsentwicklung hatte natürlich auch schon vorher eingesetzt. Immer wieder verschwanden Personen aus dem Umfeld Fassbinders, hatten sich mit ihm überworfen, um später dann doch wieder dazuzustoßen.

Sie selbst haben über 14 Jahre mit Fassbinder zusammengearbeitet. Als Regieassistent, als Schauspieler, und waren privat eng miteinander befreundet. Wann und wo haben Sie Fassbinder kennen gelernt?

Ich traf Fassbinder 1968. Durch meinen Schulkameraden Rudolf Waldemar Brem kam ich zum Theater. Eines Abends saß Fassbinder zusammen mit Hanna Schygulla im Publikum. Die beiden amüsierten sich köstlich über meine Rolle. Langsam lernte man sich kennen, die Zusammenarbeit im Actiontheater begann. Bis dahin hatte ich eigentlich andere berufliche Zukunftspläne. Ich war wie die meisten von uns politisiert und wollte Lehrer werden. 1968 wurden die Unis zu Semesterbeginn bestreikt. An ein Studium war nicht zu denken. So blieb ich am Theater, und so intensivierte sich auch die Zusammenarbeit mit Fassbinder.

War Ihnen der Name Fassbinder bei Ihrer ersten Begegnung ein Begriff?

Nein, überhaupt nicht. Ich hielt Fassbinder für so ein Zigarettenbürschchen, für einen Dandy. Fassbinders Erfolge setzten ja auch erst etwas später ein, 1969, mit dem Film "Katzelmacher".

In dem Film "Wildwechsel" spielen Sie auch eine der Hauptrollen, den 19-jährigen Franz, der ein Verhältnis mit einer 13-Jährigen hat. Die Ausstrahlung des Films sorgte damals für einen Skandal. Unter anderem wegen der Nacktszenen. Hat Ihnen dieser Film eher Ärger oder Ruhm eingehandelt?

Der Film hat allgemein eine Menge Wirbel verursacht. Nicht nur wegen der Nacktszenen. Hauptsächlich aber wegen der Klage von Franz Xaver Kroetz gegen Fassbinder. Aber Fassbinder lebte nach der Devise "Hauptsache, die Leute reden über Dich. Egal ob gut oder schlecht, Hauptsache, sie reden". Dem Bekanntheitsgrad des Filmes hat es weiß Gott nicht geschadet.

Dass in diesem Film ihr Geschlechtsorgan zu sehen war, hat zu Gerede geführt.

Nicht nur zu Gerede. Die FSK hat die Großaufnahme meines Penis' in der Kinofassung herausgeschnitten. Ich fand es bloß komisch, dass mein Körperteil lilafarben dargestellt wurde.

Fassbinder wurde lange zur politischen Linken jener Zeit gezählt. In dem Film "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel!" rechnet er aber mit der linken Schickeria ab und stellt die Lebenslügen dieses Milieus schonungslos dar. War die Begegnung mit Franz Xaver Kroetz, der damals aktives DKP-Mitglied war, eine Motivation für diesen Film?

Der Kroetz war damals ein richtiger Salon-Bolschewist. Möglicherweise war das eine Inspiration von vielen. Aber Fassbinder war Nonkonformist und Freidenker. Nicht nur mit der linken Schickeria hatte er es sich verdorben. Fassbinder stellte niemals bestimmte Milieus und Gruppen unter Artenschutz. So etwas wie "Political Correctness" war ihm fremd. Ihm ging es darum, menschliches Verhalten, die Natur des Menschen darzustellen. Diese Darstellungen waren in seinen Filmen in den unterschiedlichsten Milieus angesiedelt. In dem Film "Faustrecht der Freiheit " bekommt auch die schwule Subkultur ihr Fett weg, was damals ebenfalls für Empörung sorgte. Dabei ging es in dem Film nur um das Thema Ausbeutung. Die Handlung war zufällig im homosexuellen Milieu angesiedelt.

In diesem Film spielen Sie eine prominente Nebenrolle. War es damals nicht riskant, als Schauspieler einen Homosexuellen zu darzustellen?

Bedenken dieser Art hatte ich überhaupt nicht. Wir alle lebten und arbeiteten ständig jenseits bürgerlicher Moralvorstellungen.

Wie würden Sie Fassbinders politische Grundhaltung beschreiben?

Fassbinder war weder links noch rechts. Er war ein Künstler, ein verdammt guter dazu. Wie alle guten Künstler, egal in welchem Bereich, war er so etwas wie ein anarchistischer Freigeist.

Aktuell ist die Fassbinder Foundation ins Gerede gekommen. Ingrid Caven, Fassbinders Ex-Frau und langjährige Weggefährtin, wirft der Leiterin der Foundation, Juliane Lorenz, vor, diese würde Geschichtsfälschung betreiben. Welche Position nehmen Sie in diesem Streit ein?

Ich höre mir erst alle Argumente an, dann bilde ich mir eine Meinung.

Ist denn Ihrer Meinung nach an den Vorwürfen von Frau Caven etwas dran? Sie ist schließlich nicht die einzige Person, die sich so geäußert hat.

Die Fassbinder Foundation ist das Lebenswerk von Frau Lorenz. Sie hat jahrzehntelange Arbeit in den Aufbau dieser Foundation investiert. Das ist so weit zu respektieren. Möglicherweise fehlt ihr inzwischen die Distanz und Objektivität. Zu behaupten, Fassbinder sei nicht schwul und nicht drogensüchtig gewesen, entspricht nicht der Wahrheit. Fassbinder war kein Heiliger. Er war ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen. Ich persönlich halte nichts davon, ihn nachträglich zu einer Ikone zu machen. Seine Brüche und Widersprüche waren Bestandteil seiner Persönlichkeit, wahrscheinlich auch die Quelle seiner unglaublichen Vitalität und kreativen Energie. Ich vermute, ein Teil dieser Entwicklung war dem Einfluss von Fassbinders Mutter zu verdanken, die vielleicht ein Interesse daran hatte, einige der ihr unliebsamen Eigenschaften ihres Sohnes in Vergessenheit geraten zu lassen.

Was haben Sie persönlich Fassbinder zu verdanken?

Ich habe ihm Beruflich alles zu verdanken. Durch ihn habe ich das Filmhandwerk gelernt. Ich bin ihm sehr dankbar für diese 14 Jahre an der Seite seines Lebens. Es waren auch die produktivsten und anregendsten Jahre meines Lebens, wenn auch nicht immer die einfachsten. Er ist bis heute einer der größten deutschen Filmemacher geblieben. Menschlich war er mir ein sehr lieber Freund. Ein Freund, den ich immer noch vermisse. Wäre er noch am Leben, ich würde noch immer mit ihm Filme drehen. Schade, dass er schon vor so langer Zeit, so früh, gegangen ist.

Interview: Ramon Schack

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo