Seine Behinderung sei sein großer Schmerz, sagt der Regisseur Niko von Glasow. Seinen Doku-Film "NoBody's perfect"sieht er als Therapie. Mit stern.de spricht er über seine Angst vorm Nacktsein und darüber, warum nach dem Alterssex aus "Wolke 9" jetzt nackte Contergan-Geschädigte ins Kino kommen. Von Johannes Gernert

Niko von Glasow (links) hat elf Contergan-Geschädigte zum Ausziehen überredet© Ventura Film
Er sei in der Lobby des Hotels, sagt Niko von Glasow am Telefon. Man werde ihn schon finden: "Ich bin ja nicht so unauffällig." Es ist dann aber gar nicht so einfach. Er hat sich in eine Ecke zurückgezogen, auf ein etwas abgelegenes Sofa. Der Regisseur ("Edelweißpiraten") trägt einen weißen Hut über dem leicht geröteten Gesicht und erzählt einer Journalistin gerade davon, warum er gut als Schmuggler arbeiten könnte. Zöllner würden es nicht wagen, ihn zu kontrollieren. Und selbst wenn sie etwas fänden. Wie sollen sie ihm denn die Handschellen anlegen? Er lacht. Niko von Glasow macht gern Witze. Auch über sich selbst und seine kurzen Arme. Er ist Conterganopfer.
Ich würde mich eigentlich nicht nackt ausziehen vor der Kamera. Im Gegenteil, ich habe mein Spiegelbild immer gescheut. Ich hatte vor dem Dreh also große Angst, mich nackt zu zeigen. Ich würde beispielsweise niemals an einen FKK-Strand gehen. Privat, im Badezimmer, habe ich kein Problem damit, aber öffentlich schon. Weil ich da angestarrt werde. Aber jetzt haben wir sozusagen die Fronten gewechselt. Wir fordern den Menschen auf hinzugucken. Und zwar ganz genau hinzugucken.
Wenn Sie einen großen Schmerz haben, würden Sie mir den verraten?
Wenn Sie aber darüber hinwegkommen wollen, müssen Sie diesen großen Schmerz aussprechen. Und zwar öffentlich. Der erste Schritt bei den anonymen Alkoholikern ist, seinen Namen zu sagen und sich zur Sucht zu bekennen - und zwar vor anderen Menschen. Wenn Sie eine Phobie haben, sagen wir mal vor Vögeln, dann müssen Sie mal einen Vogel anfassen. Und wenn Sie eine Phobie haben vorm Vögeln, dann müssen Sie es auch mal tun. Das wäre der Weg da raus. Ich bin ein behinderter Regisseur - der ich aber nie sein wollte. Ich habe noch nie öffentlich gesagt: Ich bin behindert. Es ist das erste Mal.
Ich glaube, ich bin ein bisschen fröhlicher geworden. Das sagt jedenfalls meine Frau. Ich habe ab und zu Depressionen. Das haben ja viele Menschen. Es könnte sein, dass mich der Film da ein wenig rausgeholt hat. Keine Therapie befördert einen direkt ins Nirvana. Aber ich bin hoffentlich einen Schritt weiter.
Ich merke, dass die Zuschauer fröhlicher aus dem Kino kommen, weil man endlich einmal über etwas lachen darf, worüber man gerne lachen würde - nur ist es eigentlich nicht erlaubt.
Das ist mein Naturell. Zu provozieren, andere zu pieksen, so dass es eine Reaktion gibt. Das gehört auch dazu, zu uns Contergan-Geschädigten, dass wir gerne mit Witzen auf andere reagieren. Wir kommen zum Metzger und bevor der sich vor Staunen den Finger abhackt, machen wir darüber lieber einen schnellen Scherz.
Naja, ich habe versucht, die Familie Wirtz, die das Unternehmen immer noch leitet, zu treffen, aber die wollten nicht. Dann bin ich halt hingegangen. Wenn man Menschen besuchen geht, will man ihnen ja etwas mitbringen. Ich hatte über Blumen nachgedacht oder eine Flasche Wodka, aber ich fand das Bild lustiger. Der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore bringt der Waffenfirma auch ihre Patronen zurück. Ich bringe Grünenthal meine Behinderung. Die haben sie erzeugt.
Mit vielen Gefühlen. Mit einem Schalk, mit einer gewissen Ironie, mit Wut, aber auch mit Mitleid. Ich bin mir sicher: Diese Menschen müssen leiden. Wer so viel Böses getan hat, leidet.
Ich finde, Dresen ist zurzeit einer der weltweit besten Regisseure. Ich fühle mich hochgeehrt, dass wir gleichzeitig ähnliche Gedanken haben. Warum gerade jetzt? Es gibt so etwas wie kulturelle Bewegungen. Das lässt sich ungeheuer schwer erklären. Da müssten wir den lieben Gott fragen, warum er das so koordiniert hat.
Er hat geantwortet, es sei eben kein erfolgreicher Versuch gewesen. Stefan hat es nicht aufgegeben, eine Frau zu suchen. Viele Wege führen nach Rom, vielleicht schafft er es ja mal. Ich habe versucht, nie voyeuristisch zu werden: Es gibt natürlich Aufnahmen, wo einige von uns auf Stühle krabbeln. Die zeige ich nicht. Der Film hätte ja sonst leicht in eine Freakshow umkippen können. Man muss den Darstellern die Würde lassen.
Massenhaft. Ich kann beispielsweise sehr gut bei Kindern Regie führen. Die hören bei mir sofort mit diesem Befindlichkeitsschauspiel auf, mit diesem „Kind sein“. Ich komme außerdem überall rein. Mich stoppt kein Bodyguard. Ich weiß etwas über das Leben. Behindert sein ist zwar lustig, aber auch knüppelhart. Ich habe etwas zu erzählen.
Schwere Frage. Bei meiner Frau haben wir während ihrer Schwangerschaft auch einen Test machen lassen. Wir haben uns natürlich überlegt, was machen wir, wenn da das Down-Syndrom diagnostiziert werden sollte. Ich liebe meine Kinder jetzt, genau so, wie sie sind – völlig gesund und wohlauf glücklicherweise. Aber ob ich damals vielleicht dafür gewesen wäre, sie abzutreiben, wenn eine Behinderung gedroht hätte... Ich weiß es nicht. Es reißt mir das Herz aus dem Leib, darüber nachzudenken.