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8. Oktober 2006, 15:15 Uhr

"Ich bin kein Posterboy"

... sagt Shah Rukh Khan. Dabei ist Indiens Superstar bekannter als Tom Cruise - über eine Milliarde Menschen haben ihn schon auf der Leinwand gesehen. In seiner Heimat wird der Schauspieler wie ein Gott verehrt. Der stern traf ihn im Filmstudio in Bombay. Von Andrea Ritter

Shah Rukh Khan und Hauptdarstellerin Rani Mukherjee - für einen Bollywood-Film hier recht frivol - in "Chalte Chalte - Wohin das Schicksal uns führt" (2003)© Cinetext

Herr Khan, in Ihren Filmen kommen ständig Orte vor wie London, Paris oder die Schweizer Alpen, aber fast nie Deutschland. Mögen Sie unser Land nicht?

Doch, ich war ja auch schon ein paar Mal dort, zuletzt wegen meiner Knieoperation. Obwohl, vielleicht war das auch in Österreich. Egal. Ich kenne Baden-Baden, DüsseldorfÉ Aber es gibt nicht viel zu sehen in Deutschland, oder? Ich meine, Filme verkaufen Träume, und wenn man aus Indien kommt, träumt man von Paris, London oder Marrakesch, aber niemand würde sagen: Mann, ich muss unbedingt nach Deutschland.

Ich hoffe, Ihnen hat's trotzdem gefallen.

Sicher. Es ist so still. So wenig Menschen auf den Straßen. In Indien ist alles schusselig, dreckig und bunt. Aber die Deutschen selbst waren ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte.

Wie denn?

Na ja, ich dachte natürlich, Deutsche fahren mit schnellen Autos auf ihren tollen Straßen rum und alles ist ganz technisch. Stimmt ja auch. Aber dann habe ich einen Mann getroffen, der behauptete, meine Filme hätten ihm das Gehör zurückgebracht. Das hat mich echt verblüfft. In Indien ist so was normal. Da glaubt jeder an Mythen, und jeden Tag geschehen eine Menge Wunder. Aber ein westlicher Mann, der so was sagt und Tränen in den Augen hatÉ Wow. Das müssen Sie besser wissen, aber westliche Männer denken doch normalerweise nicht so. Westliche Männer weinen auch viel zu wenig.

Sie weinen dafür sehr viel, in jedem Film.

Natürlich, das mögen die Frauen. Die Produzenten fragen immer: "Heult Shah Rukh in dem Film? Gut, dann wird es ein Hit." Nein, im Ernst - das ist einfach sehr indisch. Immer direkt raus mit den Gefühlen. Unsere Filme kommen direkt aus dem Herzen, die meisten zumindest.

Sehr beliebtes Motiv: Tanzen in einem Blumenmeer. Khan und Zinta in "Veer & Zaara - Die Legende einer Liebe" (2004)© Cinetext

Man könnte auch sagen, sie sind hoffnungslos romantisch und total verkitscht.

Na und? Kritiker sagen immer, unsere Filme seien eskapistisch und irreal. Stimmt nicht. Die Probleme sind mitten aus dem Alltag: Ich möchte reisen, ein gutes Leben führen, heiraten und Kinder haben. Darum geht's doch. Tja. Und dann gucken Sie mal nach Hollywood. Superman. Der Präsident, der die Welt vor einem Meteoriten rettet. Außerirdische, die im Magen nisten. Also, ich weiß nicht, aber für mich ist das Eskapismus. Ein Mann, der in Unterwäsche rumfliegtÉ Wir haben einfach nur Menschen, die arbeiten und leben. Und lieben, natürlich, ganz wichtig.

... und die im Sari durch den New Yorker Central Park tanzen und in der nächsten Szene vorm Matterhorn Blumen pflücken ...

Über das Tanzen habe ich gerade neulich mit Emma Thompson geredet und ihr gesagt: Überall auf der Welt, von Alaska bis zu den Fidschis, tanzen ab und zu Menschen auf der Straße. Kann sein, dass sie betrunken sind. Kann sein, dass sie die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben - aber es gibt sie. Demgegenüber ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, Superman auf der Straße zu treffen. Und es besteht auch nur eine geringe Chance, dass ausgerechnet der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die Welt rettet. Also, wer macht die irrealeren Filme? Natürlich übertreibt unser Kino. Aber es bringt einen zu den eigenen Gefühlen zurück. Das ist wie mit Kindern. Niemand weiß, wie wichtig Kinder sind, bevor er welche hat. Sie wecken einen Sinn in dir, den du vorher nicht kanntest oder den du verloren hast. Und so ähnlich machen das auch unsere Filme.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 40/2006

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