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27. Juli 2009, 12:33 Uhr

Warum "Harry Potter" immer härter wird

Wolfgang Hohlbein ist die deutsche JK Rowling. Seit mehr als 25 Jahren bevölkert er Märchen- und Horror-Welten, hat 35 Millionen Bücher verkauft. stern.de hat den erfolgreichsten Fantasy-Autor Deutschlands zuhause besucht und gefragt, warum Vampire und Magier eigentlich so erfolgreich sind - und warum sie immer brutaler werden. Von Sophie Albers

Wolfgang Hohlbein 1953 als Sohn eines Kfz-Schlossers in Weimar geboren, erlebte der gelernte Kaufmann 1982 gleich mit seinem Romandebüt "Märchenmond" den Durchbruch. Es folgten an die 200 Bücher, in denen Vampire ("Die Chronik der Unsterblichen"), historische Figuren ("Hagen von Tronje") oder auch Umweltaktivisten ("WASP") Abenteuer bestehen. Er sei ein "Unterhaltungsautor", sagt Wolfgang Hohlbein, der ein großer Fan von Karl May und Stephen King ist

"Harry Potter" als Blockbuster, die niedlichen Vampire von Stephenie Meyer in den Bestsellerlisten und "World of Warcraft" als kommerziell erfolgreichstes Computerspiel. Ist Fantasy auf dem Höhenflug, Herr Hohlbein?

Fantasy war schon immer da. Aber sie hat sich ihren Platz erobert, ist salonfähig geworden.

Das ist sie doch schon lange.

Als ich vor 45 Jahren zur Schule gegangen bin, hieß Fantasy noch utopischer Roman und wurde komisch angesehen. Ich durfte meine "Perry Rhodan"-Hefte nicht mit in die Pause nehmen. Die wurden mir weggenommen, weil man "so was" nicht liest. Heute hat ein Germanistikprofessor kein Problem damit, einen "Harry Potter" oder einen Rhodan zu lesen...

Die schreiben sie sogar.

Ganz genau! Die Fantasy hat ganz unbemerkt Einzug in die Köpfe gehalten. Nehmen wir ein konstruiertes Beispiel: Hätte man meiner 86-jährigen Schwiegermutter vor 20 Jahren einen Film gezeigt, in dem der Held ein Verbrechen auflöst, weil er Visionen hat oder Gedanken lesen kann, hätte sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt "Was für ein Blödsinn!" Heute ist so etwas ganz normal. Das würde nicht mal mehr als Fantasy bezeichnet. Die Logik, dass man das, was sein kann, von dem, was sein könnte, so stark trennt, ist aufgehoben. Und das ist das große Verdienst all dieser mitunter auch schlechten Bücher und Filme.

Also ist der Erfolg von "Twilight" und "Harry Potter" keine Ausnahmeerscheinung?

Das sind eher vorübergehende Hochs, weil Filme und Bücher rauskommen und die Leute darüber reden. Nach zwei, drei Jahren normalisiert sich das. Als der erste "Herr der Ringe"-Film so eine Welle verursachte, hat jeder Verlag seine Schubladen umgedreht und alles, wo auch nur einer mit spitzen Ohren drin vorkam, auf den Markt geworfen. Nur um festzustellen, dass sich nicht viel geändert hat. Es ist konstanter geworden - und mehr. Das ist doch schön (lacht).

Glauben Sie, dass die Krise die Kauflust auf Fantasybücher beflügelt?

Bisher ist es nicht so, und bei der Krise 2003 war es auch nicht so. Die Verlage schreien natürlich, weil sie merken, dass es in der einen oder anderen Ecke ein bisschen hakt. Aber ich habe das Gefühl, dass die Leute in einer Wirtschaftskrise, wo schlicht weniger Geld da ist, sogar mehr Bücher kaufen. Es ist immer noch das preiswerteste Vergnügen. Selbst ein teures Buch kostet weniger als ein Kinoabend für zwei Personen. Und man hat mehr davon.

Es heißt ja, dass Krisen den Eskapismus befördern. Dafür wäre Fantasy doch prädestiniert.

Nein, das glaube ich nicht.

Sie mögen den Begriff Eskapismus nicht?

Das ist wieder so ein Wort, das ich, wenn ich ganz ehrlich bin, nicht verstehe. Ich weiß, was es bedeutet, aber ich verstehe nicht, warum es so negativ behaftet ist. Es wird oft als Vorwurf benutzt.

Es heißt: "Wolfgang Hohlbein gefällt die Welt nicht so, wie sie ist, und er erträumt sich eine andere".

Aber dass ich mir eine bessere Welt erträume, heißt ja nicht, dass ich die, in der ich lebe, so schlecht finde. Es gibt tausend Probleme und Sachen, die nicht in Ordnung sind, aber wenn man realistisch ist und zurückschaut, leben wir heute trotz Jugendkriminalität, Umweltverschmutzung und Al Kaida in der besten Zeit, die es je gegeben hat. So schön die Ritterzeit in unseren Köpfen auch sein mag, ich möchte nicht mit einem König tauschen, geschweige denn mit einem Bäuerlein. Uns geht es heute besser als jemandem vor 500 Jahren. Aber man ist nie zufrieden mit dem, was man hat. Und das ist auch richtig so. Wenn ich sagen würde "Ich habe jetzt das beste Buch meines Lebens geschrieben", dann würde ich aufhören zu schreiben. Das Gleiche gilt für das Leben. Lesen Sie in Teil zwei, warum Fantasy immer härter wird und welchen besonderen Wunsch sich Hohlbein erfüllt hat ...

 
 
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