Mit einem offenherzigen Auftritt sorgte Natalia Avelon für eine sprachlose Crew beim Casting und überzeugte. Im stern.de-Interview erzählt sie über ihr Körpergefühl, Dreharbeiten in der Salzwüste und wie ihre katholischen Großeltern auf die Nacktszenen reagiert haben.

Natalia Avelon bei der Premiere von "Das wilde Leben" in München© Johannes Simon/getty images
Alle Aufrufe bei Viva und in der Bildzeitung gingen komplett an mir vorbei. Ich habe in dieser Zeit gedreht. Eine Kollegin erzählte mir vom Uschi Obermaier Casting und meinte, ich würde ihr unglaublich ähnlich sehen - und das obwohl ich damals blond war.
Ja. Dann rief auch noch meine Mutter an und meinte, das sei die Rolle für mich. Zeitgleich hatte meine Agentin mein Band und meine Fotos an die Castingfirma geschickt. Ich wurde eingeladen. Mir war klar, worauf ich mich einlasse. Es ist eine Rolle, die sehr freizügig ist, weil diese Zeit eben so revolutionär war. So unpolitisch Uschi war, mit ihrer Nacktheit setzte sie ein politisches Statement. Ich hatte beim Casting eine Szene mit Florian Lucas, der als Langhans gecastet wurde, in der Rainer und Uschi eine "spirituelle Kamasutra-Stellung" ausprobieren. Eine sehr witzige Szene. Also habe ich mein T-Shirt ausgezogen, Brust raus, und mich vors Team gestellt und sagte: "Los geht's!" Alle haben mich mit großen Augen angesehen, von den anderen Bewerberinnen waren sie das wohl nicht gewohnt. Fanden meine Spontanität aber gut.
Das war wohl ein Risiko, dass ich ein No-Name bin. Bis dahin hatte ich ja nur kleine Rollen gespielt. Schließlich geht es in diesem Business um viel Geld, die Produzenten mussten erst überzeugt werden. Aber der Regisseur hat sich durchgesetzt.
Der natürliche Umgang mit meinem Körper. Und die Liebe zum Leben. Die Art, wie ich mit großen neugierigen Augen vor ihm stand, sagte er, war wohl ausschlaggebend für seine Entscheidung. Eine Konkurrentin von mir meinte, dass sie es überhaupt nicht verstehen kann, dass die Obermaier den Zehn-Jahres-Vertrag mit dem Filmproduzenten Carlo Ponti ausgeschlagen hat, der auch Sophia Loren berühmt gemacht hat. Ich konnte das gut verstehen. Ich hätte auch keine Lust, fünf Jahre in einer Soap gebunden zu sein. Spätestens da hat Achim festgestellt, dass Uschi und ich uns nicht nur optisch ähneln, sondern unsere Lebenseinstellung teilen.
...für sie war Uschi ein Star, sie ist 1956 geboren und hatte Poster von ihr an der Wand hängen, neben denen von Jimi Hendrix und Brigitte Bardot. Ich bin in den 80er Jahren aufgewachsen, da waren Michael Jackson und Madonna angesagt. Erst durch das Casting und meine Eltern habe ich erfahren, wer Uschi ist, und was sie gemacht hat.
Meine Eltern freuen sich und sind sehr stolz auf mich und verständnisvoll. Sie nehmen meinen Beruf ernst und waren sich der Rolle und der Konsequenzen bewusst. Meine Großeltern sind sehr katholisch, da hatte ich Bedenken. Aber meine Oma reagierte cool: "Wenn du dich für Rollen ausziehen musst, machst du es", sagte sie. Ich habe ja keinen Porno gedreht. Es geht um eine natürliche Hippie-Nacktheit, die weder voyeuristisch noch pervers ist.
Meine Mutter und ihre Freundinnen haben mich ausgequetscht. Sieht Uschi wirklich noch so toll aus, hat sie sich viel helfen lassen, wie lebt sie, was zieht sie an, ist sie zickig oder arrogant? Nichts von alledem. Das war mir wichtig, weil ich ein absolut unkomplizierter Kumpeltyp bin und Stutenbissigkeit verabscheue. Sie hat mich am ersten Tag beobachtet, mich dann aber gleich abgesegnet, "I can see it", sagte sie.
Das war nicht einfach. Uschi sprach damals nicht urbayerisch, sondern münchnerisch in einem typischen Uschi- Duktus. Sie kam aus Sendling nach Berlin und wollte hochdeutsch sprechen. Ich habe keinen Coach gehabt und mir alles selbst erarbeitet, indem ich mir ganz oft den Bullen von Tölz angeguckt habe. So blöd es klingen mag. Davon habe ich die Melodie abgekupfert und mir einfach gesagt, Augen zu und durch.

Sie haben Spaß bei der Premiere, die alte und die junge Obermaier© Johannes Simon/getty images
Ich wurde mal zitiert, dass ich das größte Problem mit den Drogen habe. Aber man muss nicht alles selbst erlebt haben, um es zu spielen. Ich würde mich für eine Rolle als Nutte auch nicht prostituieren. Ich habe einen Zustand gefunden, der ähnlich ist, Schläfrigkeit oder über den Wolken schweben. Die Szene, in der Bockhorn stirbt, ist mir schwer gefallen. Durch lange Gespräche mit Uschi habe ich einen Weg gefunden, das zu spielen. Schlimm war die Szene, als mich die muslimischen Frauen mit Steinen aus Plastik bewarfen. Ich habe mich wie der letzte Dreck gefühlt. Und so etwas gibt es wirklich noch in arabischen Ländern! Doch die Frauen haben mich danach in den Arm genommen und mir einen goldenen Nasenring geschenkt. Das war sehr emotional. Bei der indischen Hochzeit in Jaipur habe ich wie eine Prinzessin gefühlt. Zwischen mir und David Scheller, der den Bockhorn spielt, hat es richtig geknistert...
Nein, keine Affäre oder Verliebtheit. Nur in dieser Szene. Indien ist so wunderschön, die buntbemalten Elefanten, die Yogis, überall liegen Kühe.
Natalia Avelon Die 26-jährige Avelon wurde im polnische Breslau geboren und kam mit acht Jahren nach Deutschland. Ihre Filmkarriere startete sie 1998 mit Werbespots und kleinere Rollen in Soaps und TV-Serien. Von den wenigsten bemerkt hatte sie 2001 schon mal einen Mini-Auftritt als Uschi in "Der Schuh des Manitou". Die Rolle der Obermaier in "Das wilde Leben" ist ihre erste Hauptrolle, für die sie auch gesungen hat: Für den Soundtrack zu "Das wilde Leben" sang Natalia Avelon zusammen mit HIM-Frontman Ville Vallo den Lee-Hazlewood-Klassiker "Summer Wine"