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23. Oktober 2008, 10:29 Uhr

"Es geht um Macht und Vernichtung"

In dem Film "Anonyma" spielt Nina Hoss eine junge Berlinerin, die in den Wirren des Kriegsendes 1945 mehrfach von russischen Soldaten vergewaltigt wird. Im stern.de-Interview spricht Nina Hoss über Krieg, Ausnahmesituationen - und wie unterschiedlich Männer und Frauen damit umgehen.

Sie geht da weiter, wo Traudl Junge in "Der Untergang" aufgehört hat: Nina Hoss als "Anonyma" im zerbombten Berlin, Mai 1945© Constantin

Frau Hoss, haben Sie eigentlich selbst mit Frauen gesprochen, die im Mai 1945 in Berlin von Rotarmisten missbraucht wurden?

Nein. Ich hatte Hemmungen. Soll ich da als Schauspielerin zu einer dieser Frauen hingehen, die ja inzwischen um die 80 Jahre alt sind, und sagen: Erzählen Sie mal von Ihrer Vergewaltigung? Das hat so was Ausbeuterisches. Mir reichte, was ich lesen konnte.

Sind Sie eher eine, die sich vor den russischen Soldaten auf dem Dachboden versteckt hätte? Oder eine Zupackende wie die Anonyma, die sich einen Beschützer suchte?

Ich nehme an, ich hätte erst mal versucht, mich zu verstecken. Aber bevor ich mich umbringen lasse oder mich selbst umbringe, würde ich was tun. Diese permanente Verfügbarkeit des eigenen weiblichen Körpers ist ja schrecklich.

"Verdammt! Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leib hält", schreibt die Anonyma nach drei Vergewaltigungen in ihr Tagebuch.

Sie will nicht ständig ausgeliefert sein und beschließt: Von jetzt an will ich selbst entscheiden. Das kann ich gut verstehen. Und sie schreibt ja dann auch: "Fühlte mich körperlich wieder besser, nun, da ich etwas tat, plante und wollte, nicht mehr nur stumme Beute war."

Die Männer kommen im Film sehr schlecht weg. Einer raunzt sogar eine Frau an, die gerade belästigt wird und sich wehrt: "Nun gehen Sie doch endlich mit, Sie gefährden uns ja alle." Sind Männer "das schwächliche Geschlecht"?

Das kann man so nicht sagen. Hier hat es eher mit der Haltung der Männer gegenüber Frauen etwas zu tun.In ihren Augen war die Vergewaltigung vielleicht etwas, was die Frau auszuhalten hat und auch kann. Welch ein Trauma so eine Tat hinterlässt, damit durfte nicht umgegangen werden. Umso schlimmer, dass die Frauen danach nicht einmal darüber reden konnten.

"Die Männer sind so armselig, sie sind gar keine Männer mehr", sagt die Anonyma.

Die Deutschen kamen sich lange Zeit als grosser Sieger vor. Sie waren berauscht von den Eroberungen vieler Länder. Und plötzlich mussten sie erkennen, dass sie einer falschen Geisteshaltung erlegen waren. Alles brach zusammen. Die daheim gebliebenen Männer waren nur im Weg und machten alles falsch. Die anderen, die als große Kriegshelden ausgezogen sind, kamen geschlagen zurück, krank und schwächlich.

Trotzdem hat sich das nach dem Krieg schnell wieder geändert. Wieso lassen die Frauen sich sofort wieder unterdrücken?

Die fünfziger Jahre sind wirklich erstaunlich. Die Frauen wurden in die Heimchenrolle zurückgedrängt. Sie konnten nicht mal über ihre Kriegserlebnisse sprechen. Weil ein Mann mit so einer beschmutzen Frau ja nicht zusammenleben konnte, mussten sie den Mund halten. Es waren die Frauen, die aufgebaut haben. Die Trümmerfrauen. Alle Frauen. Aber sie wussten genau: Wenn sie den Männern jetzt auch noch erzählen: Ihr konntet uns nicht beschützten, dann ist die Moral dahin. Sie wollen den Männern ein gutes Gefühl geben: Ihr seid keine Verlierer. Wir werden das gemeinsam schaffen. Da ist sie schon wieder, die Kraft der Frauen.

Sie haben das Buch "Eine Frau in Berlin" mehrmals gelesen. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Mit dem Buch bin ich dauernd durch die Gegend gerannt. Ich finde, die Anonyma schreibt sehr klar und schonungslos. Dem Buch wird ja Kälte vorgeworfen, aber das kann ich gar nicht nachempfinden. Mich hat besonders interessiert: Was passiert, wenn man Tagebuch schreibt? Man begibt sich ja auf einen Beobachtungsposten, der eine gewisse Distanz zum Geschehen bringt. Einmal schreibt sie sofort nach der Tat: "Grade wurde ich vergewaltigt." Das ist so ein objektivierender Blick auf das, was geschieht. Als erlebte sie das für jemand anderen.

"Anonyma - Eine Frau in Berlin" Der Film nach dem gleichnamigen Buch hat die Massenvergewaltigungen von über zwei Millionen Frauen nach dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin 1945 zum Thema. Eine damals 34-jährige Journalistin gehörte zu den vergewaltigten Frauen. Sie schrieb auf, was ihr und vielen anderen damals widerfuhr. Diese Aufzeichnungen erschienen bereits in den 50er Jahren, hatten aber in Deutschland ein negatives Echo - noch zu nah waren all die Schrecken des Krieges. Als das Buch 2003, zwei Jahre nach dem Tod der Autorin, unter dem Titel "Eine Frau in Berlin" herauskam, wurde es ein großer Verkaufserfolg. Die Autorin berichtet darin lakonisch, fast distanziert über die Zeitspanne von Ende April bis Ende Juni 1945, in denen ganz junge Mädchen bis hin zu Greisinnen sexuelles Freiwild für die siegestrunkenen sowjetischen Soldaten waren. Im Mittelpunkt steht die Autorin selbst, die den Einmarsch der Sowjets in einem halb zerstörten Berliner Wohnhaus miterlebt. Sie entkommt der Willkür sexuell ausgehungerter und von Rachegedanken an die deutschen Zerstörungen in Russland getriebener Soldaten mit einem Verzweiflungsmanöver: "Anonyma" macht sich selbst zur Geliebten eines kultivierten sowjetischen Offiziers, der ihr fortan Schutz gewährt. Der von Max Färberböck inszenierte Film mit Nina Hoss in der Hauptrolle inszeniert das Grauen jener Tage in bombastischen Bildern.

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