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3. Januar 2004, 09:22 Uhr

"Viele Verwundete und psychisch Lädierte"

Seichter, leichter, nackter, witziger. Aber auch besser? Zum 20-jährigen Geburtstag von RTL und Sat 1 ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister.

Medienwissenschaftler Dr. Lutz Hachmeister© Tom Rathmann

Herr Hachmeister, am 1. Januar 1984 begann in einem Keller in Ludwigshafen das deutsche Privatfernsehen. Zum Geburtstag gratulieren sich Sat 1 und RTL jetzt mit Shows und Rückblicken - gibt es wirklich Grund zu feiern?

Die können gerne einen darauf heben, dass sie überhaupt durchgehalten haben. Privatfernsehen in Deutschland, das ist ein Schlachtfeld mit vielen Verwundeten und psychisch Lädierten. Es gibt keine strahlenden Sieger, von RTL mal abgesehen, wenn man es rein ökonomisch nimmt. Aber auch da ist der Rendite-Druck des Mutterhauses Bertelsmann sehr hoch. Und das RTL-Programm ist sicher über die Jahre immer eindimensionaler, berechenbarer geworden.

Hätten Sie damals geglaubt, dass RTL und Sat 1 jemals erfolgreich sein würden?

Nein, die hat damals keiner ernst genommen, es konnte sie ja kaum jemand empfangen. Der Durchbruch kam mit dem im Grunde ganz harmlosen "Tutti Frutti" von RTL. Helmut Thoma hat die negative PR dann geschickt genutzt.

Was verdanken wir dem Privatfernsehen?

Vor allem eine dynamische Sportberichterstattung. "ran" hat es vorgemacht, die ARD-Sportschau macht es heute nach. Und wichtige Impulse in Sachen Comedy. Das hat damals mit dem Comedy-Club bei Premiere angefangen. Leider ist das Privatfernsehen auf keinem anderen Gebiet so überzeugend wie bei der Comedy.

Helmut Thoma prahlte einst: "Wir haben eine neue Zielgruppe entdeckt: den Zuschauer."

Ach, es gab auch in den 60ern und 70ern massenwirksame Programme wie "Zum blauen Bock" und "Der goldene Schuss". Aber Untersuchungen zeigen, dass heute die jüngeren Leute durch alle Bildungsschichten hindurch eine stärkere emotionale Beziehung zu den Privaten haben. Dort gibt es die größeren Helden. Raab, Schmidt, Engelke. Bei ARD und ZDF sind Kerner, Beckmann oder Maischberger zu gesittet, selbst für den akademisch gebildeten Nachwuchs.

Was ist mit privaten Errungenschaften wie der ersten deutschen Daily Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", der ersten Nachmittags-Talkshow, Frühstücksfernsehen, Spätnachrichten...

Alles von den USA, Australien oder England übernommen. Auch ohne Privatfernsehen wäre das hier angekommen, nur später. Wir sind zu einem großen Kopierwerk der ausländischen Märkte geworden.

Haben Sie deshalb schon vor der Einführung gegen das Privatfernsehen gewettert?

Nein, das lag vor allem an denen, die es durchsetzen wollten. Das waren so merkwürdige Gestalten wie Helmut Kohl, sein Postminister Schwarz-Schilling und die Bosse der elektrotechnischen Industrie - alles Figuren, die mir damals nicht besonders nahe standen. Es hat sich ja später auch gezeigt, dass die deutsche Medienpolitik vor allem eines war: korrupt.

Warum war das Privatfernsehen notwendig?

Weil die öffentlich-rechtlichen Herren, und es waren ja nur Männer, furchtbar arrogant geworden waren - und behäbig. Die Intendanten benahmen sich in der Regel wie ostelbische Großgrundbesitzer, die am Tor ihres Anwesens lehnen und sagen: Scheucht dieses Gesindel weg.

Zur Person Dr. Lutz Hachmeister, 44, leitete jahrelang das Grimme-Institut und war Jury-Präsident des Deutschen Fernsehpreises. Sein Unternehmen HMR hat die Chefs und Programmdirektoren von mehreren Sendern beraten. Zurzeit arbeitet er an einer Kino-Dokumentation über Joseph Goebbels.

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