9. November 2008, 08:00 Uhr

Wo 007 geboren wurde

Rund 60 Kilometer nordwestlich von London liegt Bletchley Park. Das verschnörkelte Herrenhaus war im Zweiten Weltkrieg ein Zentrum der britischen Spionage. Und hier hat Ian Fleming James Bond erfunden. Ein Besuch an der Wiege von 007. Ex-Bond Roger Moore kommt auch mit. Von Sophie Albers

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Roger Moore in Bletchley Park©

Hubschraubergeknatter über dem kleinen Ort Bletchley nordwestlich von London. Auf der Wiese vor einem verwinkelten Herrenhaus mit lustig-bunten Giebeln landet ein Helikopter und heraus steigt Roger Moore. Alt, gefärbt, vielleicht auch ein bisschen festgezurrt, aber immer noch verdammt imposant.

Sieben Mal hat der Brite James Bond gespielt, von 1973 bis 1985. Er war bekannt dafür, in jeder noch so bedrohlichen Situation Witze zu reißen, so wie Daniel Craig nun dafür bekannt ist, einfach alles umzumähen, was sich seinem 007 in den Weg stellt. "Ein Quantum Trost" heißt der neueste Bond-Film, und er schreibt eine der größten Erfolgsgeschichten des Filmgeschäfts weiter.

"Größter Bond-Fan der freien Welt"

Insgesamt 14 Bond-Romane hat der britische Schriftsteller Ian Fleming geschrieben. Angefangen mit "Casino Royale" aus dem Jahr 1953 bis zu "Octopussy", der 1966 erschien. 1962 kam mit "Dr. No" der erste Bond-Film in die europäischen Kinos, und der von Sean Connery gespielte Superagent schaffte sogar den Sprung nach Amerika. Schließlich bezeichnete sich niemand Geringeres als Präsident John F. Kennedy als "größten James-Bond-Fan der freien Welt". Damit begann der Aufstieg einer Marke. Sechs Darsteller haben James Bond seitdem zur erfolgreichsten Filmreihe aller Zeiten gemacht. Deshalb ist Roger Moore auch in Bletchley. Er will für eine neue Edition der alten Filme werden.

Der Schauspieler zieht sein dunkelblaues Jackett mit den Goldknöpfen stramm, strahlt und geht auf das verschnörkelte Haus zu. Er kennt Bletchley Park. Jeder, der länger mit James Bond zu tun hatte, kennt Bletchley Park. Hier wurde 007 geboren. Hier hat Fleming erfahren, was er über Agenten und Geheimdienste wusste. Das durfte bis 1974 allerdings niemand wissen. So lange war Bletchley Park ein geheimer Ort.

Puzzlefreaks, Schachspieler und Ian Fleming

Zu dem Herrenhaus gehören mehrere Blocks Holzhütten und auch Steinbauten, die vor langer Zeit als Bunker dienten. Bletchley Park war im Zweiten Weltkrieg eine Spionagezentrale. Hier wurden Verschlüsselungs-Codes geknackt. Unter anderem der große Mathematiker und Computerpionier Alan Turing arbeitete hier an der Dechiffrierung der deutschen Kodierungsmaschine Enigma, mit der die Nachrichten der Wehrmacht verschlüsselt wurden. Viele Wissenschaftler aus den Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge wurden nach Bletchley Park geholt. Aber auch begabte Schachspieler, Puzzlefreaks oder besonders schnelle Typisten, wie Dave Whitechurch einer war.

"1938/ 39 haben hier 200 Leute gearbeitet, 1944 waren es 9000", sagt der kleine Mann mit dem breiten Lächeln, der Besuchergruppen durch das Museum führt, das Bletchley Park heute ist. Fast bis Kriegsende hat er für eine Unterabteilung des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 gearbeitet. Das Leben in der verschworenen Gemeinschaft der Code-Brecher sei "die beste Zeit" seines Lebens gewesen, sagt er, was ein bisschen seltsam klingt, schließlich war damals Krieg.

40.000 Enigma-Kodierungsmaschinen benutzten die Nazis. Wenn England den Krieg gewinnen wollte, musste es vor allem deren Marine-Codes knacken. Die deutsche U-Boot-Flotte war stark. Bis 1942 klappte das trotz raumfüllenden Dechiffrierungsmonstermaschinen wie der "Bombe" oder der "Colossus" allerdings nicht. Eine Enigma-verschlüsselte Nachricht barg rund 158 Trillionen Möglichkeiten. Ein Schlüssel musste her. "Und hier kommt Ian Fleming ins Spiel", sagt Whitechurch.

NID 17F anstatt 007

Der Sohn aus reichem Hause, dreisprachig, viel gereist, mäßig begabter Agenturjournalist und das, was man einen Dandy nennt, war die rechte Hand von Admiral John Godfrey, dem Chef des Marine-Geheimdienstes, der nach Möglichkeiten suchte, an deutsche Dekodierungsschlüssel zu kommen. Dabei war Flemings ausgeprägte Fantasie eine große Hilfe, wenn sie auch letztlich keine praktische Anwendung fand. Eine Codenummer hatte der Bond-Erfinder damals wirklich: allerdings nicht 007, sondern das weniger schmucke NID 17F.

Fleming war nie auf gefährlicher Mission unterwegs, dafür wusste er zu viel. Er hatte zum Beispiel Einsicht in den 007-Briefverkehr. 007 stand tatsächlich für eine Geheimhaltungsstufe. Fleming hatte sowohl mit dem MI6 als auch auch dem Inlandsgeheimdienst MI5 zu tun, die Spionage und Gegenspionage kontrollierten. Godfrey hatte zudem die Geheimdienstabteilung Royal Naval Volunteer Reserve gegründet. Der ordnete Fleming später auch Bond zu, als er beschrieb, was der Agent im Krieg gemacht hatte. Bletchley Park nannte er natürlich nicht, denn das war auch noch ein geheimer Ort, als Fleming 1964 starb. 30 Jahre galt die Geheimhaltungsfrist.

Der ganz reale Roger Moore

Roger Moore sitzt mittlerweile im Haupthaus an einem runden Tisch. In dem sonst unmöblierten Raum mit ausuferndem Stuck krachen in diesem Augenblick Realität und Fiktion aufeinander. Ein Schauspieler, der eine fiktive Figur verkörpert hat, sitzt innerhalb der Wände, wo deren Schöpfer sich zu ihr inspirieren ließ. Doch auf philosophische Zwischenebenen begibt Moore sich nicht. Der schlagfertige 81-Jährige ist so real wie der Erfolg seines Nachfolgers Daniel Craig.

Ob er es eigentlich in Ordnung fände, was Craig aus ihm gemacht hat, lautet also die Frage. Moore antwortet bestimmt: "Er ist nicht ich, er ist Bond. Und er ist sehr gut. Jedem seinen Bond, sage ich, denn jeder sieht darin etwas anderes." Aber Craigs Bond sei doch schon sehr anders. Ja, der junge Kollege komme eben mehr nach seinem Vorgänger Sean Connery. "Gibt es etwas, das alle 007-Darsteller gemeinsam haben? Gibt es ein James-Bond-Gen?" Moore grinst, zieht die Augenbraue nach oben und sagt: "Nein, du musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und dich daran erinnern, dass dein Name Bond ist."

Enigma

Enigma Die deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma arbeitete elektromechanisch. Die Buchstaben des Klartextes wurden durch andere ersetzt, die von einem Stecker- und Walzensystem ausgewählt wurden. Mit jedem Zeichen änderte sich die Walzenstellung. Außerdem änderten die deutschen Soldaten jeden Tag die Anfangskonfiguration. Als Erfinder gilt der deutsche Elektroingenieur Arthur Scherbius. Anfang der 1920er Jahre kam sie erstmals zum Einsatz, vorerst aber im zivilen Alltag.

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