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23. Juni 2008, 11:20 Uhr

Die Romy des Ostens

Jenny Gröllmann, Ex-Frau von Ulrich Mühe, galt in der DDR als "Romy des Ostens". Kurz vor ihrem Krebstod 2006 tauchten Spitzel-Vorwürfe auf. Der Film "Ich will da sein" ist das Porträt einer ebenso kämpferischen wie lebenslustigen Schauspielerin. Im Gespräch mit stern.de erklärt Regisseurin Petra Weisenburger, warum man Stasi-Akten nicht immer trauen darf.

Bis zum Schluss war sie voller Energie: DDR-Schauspiel-Star Jenny Gröllmann© Michael Weidt

Jenny Gröllmann war in der DDR ein Star und spielte in einer Reihe bedeutender Film- und Fernsehproduktionen mit. Im Westen wurde sie nach der Wende vor allem durch ihre Rolle als Anwältin "Issy" Isenthal in der TV-Serie "Liebling Kreuzberg" bekannt. 2004 erhielt sie die Diagnose, dass sie aufgrund einer Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben habe. Die Dokumentarfilmerin Petra Weisenburger, über viele Jahre mit Jenny Gröllmann eng befreundet, begleitete die Schauspielerin mit der Kamera bis zu deren Tod im August 2006. Der Film "Ich will da sein" ist nun in den deutschen Kinos zu sehen. Er ist eine berührende Liebeserklärung an eine eindrucksvolle Frau, die sich in den letzten Monaten ihres Lebens gegen den - wie man heute weiß - unbegründeten Verdacht stemmen musste, als Inoffizielle Mitarbeiterin für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet zu haben. stern.de traf die Regisseurin zum Gespräch.

Ihr Film "Ich will da sein" ist ein Künstlerporträt über die Schauspielerin Jenny Gröllmann, zugleich aber auch ein Film über die letzten beiden Jahre Ihrer schwerkranken Freundin. Wie gingen Sie mit dieser Doppelrolle als Filmemacherin und Freundin um?

Wenn man wie ich die ganze Krankheitsgeschichte vom Moment der Diagnose miterlebt hat, gewinnt der Wunsch Vorrang, dass Jenny noch so lange wie möglich mit der denkbar höchsten Lebensqualität weiterlebt. Das Filmemachen war da sekundär. Ich passte mich ihrem körperlichen und seelischen Zustand an und organisierte dementsprechend die Dreharbeiten. Sie gab das Zeichen, und ich rückte mit meinem kleinen Team an. Das erforderte ein gewisses Maß an Flexibilität, was ich gerne in Kauf nahm.

Im Film ist Jenny Gröllmann zumeist quirlig, sie lacht viel und strahlt eine große Lebensfreude aus. Spiegelt das ihren Umgang mit der Krankheit wider oder wurde sie vor der Kamera noch einmal zur Schauspielerin?

Jenny hatte immer eine extreme Lebensfreude, die sie sich auch von der Krankheit nie nehmen ließ. Sie fand immer noch irgendwo einen Fetzen positiver Energie. Das war sicherlich auch ein Grund dafür, dass sie länger gelebt hat, als jeder - auch die Medizin - angenommen hat. Für den Moment des Drehens konnte sie die Schmerzen vergessen oder an einen anderen Platz verweisen und sagen "Jetzt seid mal ruhig!". Sie hatte gelernt, mit ihren Schmerzen zu sprechen, wie in so einer Art autogenem Training. Das kann nicht jeder Mensch, sie konnte das. Der Film gab ihr sicher auch noch einmal einen Schub, weil sie sich wahr- und ernstgenommen fühlte als Schauspielerin. Dass sich jemand so stark für sie interessierte, hatte sie ja gerade in der Wendezeit nicht immer erlebt.

Dieses Schicksal teilte sie mit vielen ehemaligen DDR-Schauspielern, die nach der Wende schwer wieder Fuß fassten. Im Westen wurde Jenny Gröllmann vor allem durch ihre Rolle in der Anwaltsserie "Liebling Kreuzberg" bekannt. Von ihrer Arbeit in der DDR weiß man hierzulande dagegen nur wenig. Welchen Stellenwert hatte sie dort?

Sie war in der DDR eine prominente, populäre Schauspielerin. Man sprach ja nicht von Stars. Sie war ein Publikumsliebling, man erkannte sie auf der Straße, gerade durch ihre Arbeit fürs Fernsehen. Sie wirkte in etlichen "Polizeirufen" mit, in denen sie sehr feine, facettenreiche Persönlichkeiten jenseits aller Klischees gespielt hat. Aber auch in zahlreichen DEFA-Produktionen, z.B. in dem Film "Dein unbekannter Bruder" von Ulrich Weiß, der auch im Ausland große Anerkennung fand. Ihre eigentliche Leidenschaft galt jedoch dem Theater. Zu DDR-Zeiten kam sie in dieser Hinsicht leider meist zu kurz. Sie spielte zwar 26 Jahre lang fest am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, war aber nicht immer glücklich mit ihren Rollen. Sie hätte gerne in wichtigen Inszenierungen von angesagten Regisseuren gespielt, z.B. in der legendären Thomas Langhoff-Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern". Doch da wurde sie nicht besetzt. Darunter hat sie gelitten. Im Film oder beim Fernsehen war das anders. Hier war sie gefragt, und ich bin mir sicher, wäre Jenny nicht in der DDR eingemauert gewesen, hätten Regiegrößen wie Godard, Truffaut, Chabrol oder Fassbinder ihre Freude an ihr gehabt.

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