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Die Kunst der Extreme

Ganz oder gar nicht: Ob RAF-Terroristin, schüchternes Mädchen oder historische Klosterfrau - Johanna Wokalek spielt bis an die Grenze zur Selbstaufgabe. Ohne sich dabei zu verlieren. Porträt einer unserer besten Schauspielerinnen.

Von Andrea Ritter

Es ist ein wenig schwierig zu erklären. Johanna Wokalek sitzt auf einer Bank, hinter ihr die Eiger Nordwand, vor ihr eine Tasse Tee. Sie liest. "Lea", eine Novelle von Pascal Mercier. Ab und zu blickt sie hoch, blinzelt in die Sonne, und wenn man ein Mann wäre, würde man jetzt vermutlich von ihren Augen schwärmen. Blau. Leuchtendes Dunkelblau. Wir sind in den Alpen, da läge der Bergsee nahe. Aber so einfach ist das nicht. Das Besondere sind weniger ihre Augen. Es ist der Blick. Ein Blick, der die Welt da draußen nicht nur betrachtet, sondern sie gleichzeitig in sich hinein zu ziehen scheint. Seltsam. Und noch seltsamer ist ihre Stimme. Klar und bodenständig. Johanna Wokalek, die immer von einem Hauch eleganter Zeitlosigkeit umgeben ist, klingt viel herzhafter, als sie aussieht. Selbst bei einem einzigen Wort. "Nein", sagt sie.

Die Frage war, ob sie aufgeregt sei. Es ist Mai 2007, und Johanna Wokalek weiß seit wenigen Wochen, dass sie in der Verfilmung des "Baader Meinhof Komplexes" Gudrun Ensslin spielen wird. 2007 jährt sich der Deutsche Herbst zum 30. Mal, und schon im Mai ist die RAF überall. Täter, Opfer, Analysen - nicht nur die Zeitungen sind voll davon. Wenn die RAF nun auch noch ins Kino kommt, nach dem Buch von Stefan Aust, produziert von Bernd Eichinger, dann wird der Film - das ist bereits klar - im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Und sie mit ihm.

Andere Schauspieler hätten jetzt vielleicht eine Anekdote erzählt. Oder zumindest etwas von Vorfreude auf dieses Projekt gemurmelt. Johanna Wokalek denkt nach. Stützt die Hände auf die Knie, Ellbogen nach außen, schaut in den Tannenwald wie ein Förster ins Gehege und sagt nur: "Abwarten. Eins nach dem anderen. Schritt für Schritt."

Nun in drei Kinofilmen zu sehen

Etwas mehr als ein Jahr später ist sie in drei Kinofilmen zu sehen. Der kleinere ist "Weiße Lilien", eine Gesellschafts-Science-Fiction von Christian Frosch (seit 11. September). Die beiden großen sind "Der Baader Meinhof Komplex" (ab 25. September) und "Nordwand", jenes atemlose Bergsteiger-Drama, für das sie mit Ulrich Tukur, Benno Fürmann und Florian Lukas in den Schweizer Alpen drehte (Start: 23. Oktober). Der Film erzählt die wahre Geschichte der verunglückten Eigernordwand-Besteigung im Jahr 1936: Getrieben vom Hunger nach Ruhm und vom Eroberungswahn der Zeit, wetteifern vier junge Kletterer um den Gipfel - und scheitern an seiner Unberechenbarkeit. Ein Bergfilm, aber zum Glück "ohne Heimatkitsch", sagt Johanna Wokalek. Was vor allem der herausragenden Kamera zu verdanken sei. "Und den Jungs natürlich."

Die Kamera klebt an "den Jungs", an Benno Fürmann und Florian Lukas, folgt ihren verzweifelten Händen über das eisige Gestein. Die zweite Ebene des Dramas spielt sich unten ab, am Fuße des Bergs, in Johanna Wokaleks Augen. Sie ist Luise, angehende Fotoreporterin und ein resches Mädel, wie man damals wohl gesagt hätte. In Toni, einem der Bergsteiger, die Seillänge um Seillänge dem Untergang entgegenklettern, hat sie ihre große Liebe gefunden. Und während die Jungs oben an der Felswand ihr Leben verlieren, wird das Mädchen unten im Tal erwachsen.

Für das, für alles, was sie spielt, verbraucht Johanna Wokalek kein Wort zu viel, keine überflüssige Geste. Ihr größter Ausdruck liegt in der kleinsten Nuance, in einem leicht gekräuselten Mundwinkel, einem Seitenblick, einem kurzen Zögern. Sie dosiert Bedeutung wie ein kostbares Parfüm.

Erste Erfolge in der Theater-AG

Sie wollte ans Theater, schon während der Schulzeit wusste sie das. Am Friedrich-Gymnasium in Freiburg spielt sie in der Theater-AG und merkt, wie viel ihr das bedeutet, eine Bühne, ein Stück und die gemeinsame Arbeit daran. 1991 tritt sie dort erstmals mit folgendem Satz in Erscheinung: "Franz. Da ist ein Brief gekommen." Keiner der Anwesenden, erinnert sich ein damaliger Lehrer, hätte vorher geahnt, was für eine Bedeutungsfülle in einer solch banalen Mitteilung liegen könne.

Unmittelbar nach dem Abitur 1994 fährt sie nach Wien, mit dem Nachtzug, zum Vorsprechen am Max-Reinhardt-Seminar.

Es muss Wien sein, unbedingt. Dort ist das Theater zu Hause, findet sie. Und außerdem hatte das Max-Reinhardt-Seminar von allen Schauspielschulen das schönste Faltblatt ("blau, weiße Schrift, zum Aufklappen, verheißungsvoll"). Erst als sie die Aufnahmeprüfung besteht, fällt ihr auf, dass sie ihren Koffer zu Hause bereits so gepackt hat, dass sie gleich dableiben kann. "War offenbar sehr stark der Wunsch, dass das gelingt." Und wenn nicht? "Ich habe mir gedacht: Dreimal versuch ich's, weil aller guten Dinge drei sind. Irgendwelche Faustregeln muss man sich ja überlegen." Fotografie hätte sie sonst vielleicht noch interessiert, sagt die Frau mit dem besonderen Blick. Aber so weit kam es ja nicht.

Sie wird Brandauers Schülerin

Das achtsemestrige Studium beginnt sie im selben Jahr, in dem Klaus Maria Brandauer erstmalig am Max-Reinhardt-Seminar unterrichtet. Sie wird seine Schülerin, und er bringt ihr, wie sie sagt, das Wesentliche bei. "Das Wesentliche ist der Gedanke. Worte, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe, zu meinen zu machen. Als wären sie in mir entstanden. Von mir gefühlt, empfunden und gedacht. Wenn das zum Ausdruck kommt, dann ist es egal, ob man beim Sprechen liegt oder sitzt." Was Brandauer damit gemeint habe, sei ihr allerdings erst im Verlauf ihrer Jahre am Burgtheater und in Bonn wirklich klar geworden. "Wenn man als junger Mensch an die Schule kommt, dann meint man immer, man müsse ganz viel zeigen und beweisen. Von ihm war das nie gewollt. Das finde ich sehr wertvoll. Der Gedanke ist beinahe das Einzige, woran ich mich als Schauspielerin halten kann."

Heute, rund 14 Jahre später, ist sie darin nahezu perfekt. Sie ergründet den Kern ihrer Rollen wie ein Psychologe die Seele seiner Patienten. Wenn man sie in "Der Baader Meinhof Komplex" sieht, schimmert kaum durch, dass Johanna Wokalek da gerade Gudrun Ensslin spielt. Sie ist Gudrun Ensslin. Die Tochter aus gutem Haus, in deren waidwundem Kajalblick sich langsam der Fanatismus ausbreitet. Die dem Staat und der Elterngeneration den Krieg erklärt. Die, ausgemergelt von Haft und Hungerstreik, nur noch wahnhaften Hass lebt. Johanna Wokalek gibt sich ihren Rollen hin, ohne sich selbst aufzugeben. Sie verschwindet nicht, imitiert kein Verhalten. Es ist eher so, als würde sie sich auf halbem Weg mit ihrer Rolle treffen. Fast ein wenig unheimlich.

Im Oktober 1977, als die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin stirbt, ist die Arzttochter Johanna Wokalek zweieinhalb Jahre alt. Sie kommt aus Freiburg im Breisgau, knapp 140 Kilometer von Stuttgart-Stammheim entfernt. An die Fotos der RAF-Terroristen, die damals überall in den Postämtern und Geschäften der BRD hingen, könne sie sich noch gut erinnern, sagt sie. Wie reagiert man auf das Angebot, eine Terroristinnen-Ikone zu spielen? Ihre Antwort kommt diesmal sofort. "Ich wollte die unbedingt spielen. Versuchen, herauszufinden, wie sie wohl gewesen sein mag."

Die Essenz der radikalen Terroristin

Sie beginnt zu lesen. Stefan Aust und die Bücher von Bernward Vesper, Ensslins Verlobtem. Sichtet Fotomaterial, hört Tonbandaufnahmen und merkt: Es gibt nur Schnipsel. Nichts, was sie nachmachen könnte. "Darum musste ich all das auch sofort wieder vergessen. Und für mich herausfinden, was vielleicht die Essenz von Gudrun Ensslin gewesen sein könnte." Wie wird aus einem Mädchen, das in der Gemeindejugend tätig war und mit christlichen Werten aufgewachsen ist - "Du sollst nicht töten" -, wie wird aus so einem Mädchen eine radikale Terroristin? Was hat den Bruch herbeigeführt? Fragen, auf die es keine Antwort gibt, für die sie als Schauspielerin aber zumindest eine für sich plausible Erklärung finden musste. "Ich habe mir das immer so vorgestellt, dass die radikale Fokussierung ihres Denkens letztlich wie ein Messer geworden ist. Ein Messer, das die Ideale und den Wunsch nach einer besseren Welt, mit seiner konsequenten Schärfe wieder zerstört."

Die Rolle habe von ihr verlangt, sich vollkommen "von allem da außen" abzuschotten. Von den Diskussionen um die RAF, den Zeitzeugenberichten und Analysen. "Ich musste mich ganz auf diese Art des Denkens konzentrieren, nur darauf fokussieren. Da gab es keine Möglichkeit, mal einen Schritt zur Seite zu gehen und das Ganze moralisch zu hinterfragen. Es gab nur sie." Der Satz hallt lange nach.

Jenseits von Gudrun Ensslin und den roten Teppichen der Filmpremieren hat Johanna Wokalek sich schon wieder zum Arbeiten zurückgezogen. Mit Sönke Wortmann dreht sie gerade "Die Päpstin" nach dem Roman von Donna Woolfolk Cross. Die Haare mussten ab, und darauf spreche sie derzeit jeder an, sagt sie (ja, es ist ungewohnt, so kurze Haare hatte sie zuletzt als Kind). "Überrummelt" fühle sie sich aber nicht. Vielleicht, weil sie sich einfach nicht überrummeln lässt. Es ist stets nur die Schauspielerin Johanna Wokalek, die an die Öffentlichkeit tritt. Ihr Privatleben schirmt sie mit eiserner Konsequenz ab. Schauspielerei, das merkt man schnell, hat für sie wenig mit dem glitzernden Jahrmarkt der Eitelkeiten zu tun. Sondern mit bewussten Entscheidungen und konzentrierter Arbeit.

"Ich habe nichts gelernt, das ich anwenden könnte. Ich nehme mich und wende mich an", hat sie einmal gesagt. Das war 1999, das Jahr, in dem sie gleich dreimal als Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wurde. Danach bekam sie noch fünf weitere Preise, darunter 2006 den Grimme-Preis für Hans Steinbichlers Film "Hierankl". Dass Johanna Wokalek dieses Jahr ihren Durchbruch feiert, ist also eine Täuschung. In Wirklichkeit macht sie einfach nur weiter. Eins nach dem anderen. Schritt für Schritt.

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