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Der Schindler von China

John Rabe war ein Nazi. Und er war ein Held. Während der japanischen Massaker in Nanking 1937 rettete der Siemens-Manager Tausenden Chinesen das Leben. Am 2. April startete der Film, der das Schicksal dieses seltsamen Deutschen schildert.

Von Peter Sandmeyer

Ein beklemmendes Bild: Japanische Flugzeuge in heulendem Tiefflug, Bomben fallen, Maschinengewehre hämmern, Explosionen, getroffene Chinesen, Sterbende, Verwundete, Frauen, Kinder. Und dann ein europäischer Mann in altmodischem Anzug, Glatze, runde Brille, er hastet durch das Chaos zu seinem Auto, reißt den Kofferraum auf, zerrt ein großes Paket heraus, brüllt andere an, ihm zu helfen, sie packen zu, ziehen, eine riesige Hakenkreuzfahne öffnet sich, wird über die Köpfe gehalten, sodass das Nazi-Emblem zum Himmel weist; Menschen drängen sich unter das schützende Tuch, die nächste Angriffswelle kommt, die Maschinen überfliegen die Flagge, steigen auf, drehen ab.

Eine Szene aus Florian Gallenbergers Film "John Rabe", der jetzt in die Lichtspielhäuser kommt. Großes Kino - und zugleich historische Wahrheit. Die japanischen Flugzeuge gab es, die chinesischen Opfer, den Deutschen mit der Glatze und seine schützende Hakenkreuzfahne.

Nanking, 22. September 1937. "Mit diesem Datum beginnt mein Kriegstagebuch", notierte John Rabe, 54, Kapitänssohn aus Hamburg, seit 29 Jahren in China und Chef der Siemens-Vertretung. Akribisch schrieb er in den folgenden fünf Monaten auf, was in der damaligen Hauptstadt nach dem Überfall durch die japanische Armee geschah und was der China-Historiker William C. Kirby ein "grauenhaftes Ereignis" nennt, "nackten Terror", einen "geschichtlichen Schrecken".

Die Schrecken von Nanking

Nanking, heute Nanjing geschrieben, Sechs-Millionen-Stadt am Ufer des Jangtse, 250 Kilometer westlich von Shanghai, erinnert an den Schrecken in einer "Memorial Hall". 25.000 Quadratmeter groß das Erdgeschoss: eine große dunkle Halle, schwarze Wände, darauf 300.000 Namen, die Opfer. Erschossen, erstochen, enthauptet, verstümmelt, geschändet, erschlagen. Auf einer Projektionsfläche erscheinen in Überblendungen ihre Fotos. Davor eine ewige Flamme. Alle zehn Sekunden ein dumpfer Gongschlag. Im Untergeschoss die Ausstellung zum Massaker. "Attention", warnt ein Schild, "Materials displayed in this room are very disturbing." Schauplätze, Videos von Zeugenaussagen, Dokumente, Fotos. Massenexekutionen Dem brutalen Vorgehen der japanischen Armee fielen in Nanking 300.000 Menschen zum Opfer Dora und John Rabe (1947 in Berlin), unten dargestellt von Ulrich Tukur und Dagmar Manzel gefangener chinesischer Soldaten. Eine Frau, die sich gegen ihren Missbrauch durch Japaner gewehrt und 37 Bajonettstiche überlebt hatte. Frauen, deren Vagina aufgespießt wurde. Männer, die zum Analverkehr miteinander gezwungen wurden. Zerstückelte Kinder, verbrannte Köpfe. Man wendet sich ab. Iris Chang, US-Historikerin chinesischer Herkunft, die das Massaker als Erste umfassend recherchiert und dokumentiert hat, nannte ihren Bericht "Die Vergewaltigung von Nanking - Der vergessene Holocaust". Etwa die Hälfte der Einwohner, die nicht vor den Japanern geflohen waren, so schätzt die Historikerin, wurde umgebracht.

Die andere Hälfte, 250.000 Menschen, konnte sich in eine "Sicherheitszone" retten, die ein Komitee der in der Stadt gebliebenen Ausländer den Japanern abgetrotzt hatte. Der Vorsitzende war John Rabe. Für die Chinesen bis heute ein Held. Ein "lebender Buddha". Der aus Fürsorge für seine Mitarbeiter in der Stadt blieb, obwohl die Firma ihn abziehen wollte. Der sein Haus und sein Grundstück für die Flüchtlinge öffnete, sein letztes Geld für ihren Reis ausgab, der mit ihnen teilte, mit ihnen hungerte und mehr als einmal für sie sein Leben riskierte. Ein Oskar Schindler in China. Nämlich ein Parteigenosse, der stellvertretender Ortsgruppenleiter der NSDAP in Nanking war und seine einschüchternde Wirkung als Deutscher und Nazi auf die Japaner nachdrücklich einsetzte.

Rabe hoffte auf Hitler wie auf einen Heiligen

"19. Dezember 1937: Sechs Japaner sind über meine Gartenmauer gestiegen und wollen die Tore von innen öffnen. Als ich dazukomme und dem einen der Banditen mit der elektrischen Handlampe ins Gesicht leuchte, greift er zur Pistole, lässt die Hand aber schnell wieder sinken, als ich ihn anbrülle und ihm meine Hakenkreuzbinde unter die Nase halte." Rabe war nicht nur irgendein Parteimitglied, er glaubte fest an das neue Deutschland unter dem Hakenkreuzbanner und hoffte auf Hitler wie auf einen Heiligen. Am 25. November hatte Rabe dem Führer in Berlin ein flehentliches Telegramm geschickt mit der vollkommen naiven Bitte, bei den Japanern zu intervenieren; drei Tage später vertraute er seinem Tagebuch den Stoßseufzer an: "Herrgott, wenn doch Hitler helfen wollte." Auch am folgenden Tag notiert er: "Ich hoffe weiter, dass Hitler uns hilft. Ein einfacher, schlichter Mensch - wie du und ich, wird nicht nur für die Not des eigenen Volkes das tiefste Mitgefühl haben, sondern Rabe in seinem Garten vor einer Hakenkreuzfahne, die japanische Flugzeuge warnen soll auch für die Not Chinas."

"Ja, er glaubte an Hitler, er war Nazi", sagt Frau Tang, die Leiterin der Gedenkstätte, die heute in Rabes ehemaligem Wohnhaus untergebracht ist. Eine kleine Frau, dunkel, rundlich. Die Familie ihres Mannes wurde von den Japanern ausgelöscht. Wir sitzen in Rabes altem Arbeitszimmer. Es ist kalt, die Winter sind streng in Nanking. Frau Tang trägt eine wattierte Jacke. Sie erzählt von den Zuständen, auf die Rabe damals aus diesem Zimmer blickte. "Schneesturm", schreibt er am 20. Januar 1938, "die Lage der Flüchtlinge ist bedauernswert. Das Lager bei mir im Garten hat sich in eine große Schlammpfütze verwandelt. Um die Zelte und Strohhütten sind kleine Kanäle gezogen worden, um dem Schneewasser etwas Ablauf zu verschaffen. Ich drücke beide Augen zu, wenn ich offene Feuer unter den niederen Strohdächern sehe." Frau Tang lächelt. "Er lebt in uns fort. Er war ein guter Nazi."

Ein guter Nazi? Ein Heiland mit Hakenkreuz? Kann es das geben?

Zu NS-Zeiten hieß es, man könne drei Sorten von Deutschen unterscheiden, die Nazis, die ehrbaren und die intelligenten Deutschen. Nur zu zwei Kategorien könne man gehören. Wer intelligent und ehrbar war, konnte kein Nazi sein, wer Nazi und intelligent war, konnte nicht ehrbar sein; und wer ehrbar und Nazi war, konnte nicht intelligent sein. "Zur letzten Gruppe gehörte John Rabe", schreibt Erwin Wickert, der den Siemens-Manager 1936 kennengelernt hatte, später deutscher Botschafter in China wurde und vor zwölf Jahren Rabes Tagebücher herausgab. Der, urteilt Wickert, "hat den Nationalsozialismus, von dem er in China nur gelesen, den er aber nicht erlebt hatte, gründlich missverstanden".

Ähnlich sah es wohl die Gestapo, als Rabe 1938 nach Deutschland zurückgekehrt war und in mehreren Vorträgen über die Gräueltaten der japanischen Bundesgenossen Deutschlands in Fernost berichtete. Rabe wurde festgenommen, verhört und verwarnt, seine Tagebücher und ein Film mit heimlich gedrehten Aufnahmen aus Nanking wurden konfisziert. Nur unter der Auflage, keine weiteren Vorträge zu halten oder Schriften zu veröffentlichen, kam der Siemens-Mann frei und wieder zu seinen Aufzeichnungen. Nach dem Krieg aber wurde dem "guten Deutschen aus Nanking" die Entnazifizierung zunächst verweigert. "Ein Mann meiner Intelligenz hätte nicht der Partei beitreten dürfen", hielt er als Begründung der Spruchkammer in seinem Tagebuch fest.

Nächstenliebe

John Rabe, schreibt Wickert, "war schlicht, aber nicht einfältig". Ein unauffälliger Mensch, "der aus Liebe zu seinen Nächsten, den chinesischen Mitbürgern, in ihrer größten Not über sich hinauswuchs, nicht nur hier und da rettend als Samariter eingriff, sondern mit politischer Umsicht, organisatorischer Fähigkeit und diplomatischem Geschick unermüdlich bei Tag und Nacht tätig war".

Der junge Oscar-Preisträger Florian Gallenberger sieht ihn ebenso. "Er war jemand, der plötzlich in eine Heldenrolle gedrängt wurde, für die er gar nicht geschaffen war." Gallenberger hat in seinem Film nicht nur spektakulären Aufwand bei der Rekonstruktion der Ereignisse in Nanking getrieben und sich um größte historische Authentizität bemüht, sondern auch viele stille, intensive und kluge Szenen entwickelt, die diesen Helden und seinen Wandel charakterisieren. Und er hat in Ulrich Tukur einen genialen Darsteller dafür gefunden. Noch während des Drehs in China plagten den Schauspieler Zweifel, ob es gelingt, die Psychologie seiner Figur deutlich werden zu lassen. Der fertige Film widerlegt die Bedenken. Zu Anfang ist Tukur als Rabe noch einer aus der Riege der lässig herablassenden "Old China Hands" mit dem klassischen Kolonialdünkel und Sprüchen wie "Ob einer ein guter oder ein schlechter Chinese ist, erkenne ich auf den ersten Blick". Später muss er dann aus einem Hundert chinesischer Todeskandidaten 20 auswählen, die ihm von den Japanern als Ersatz für seinen ermordeten Fahrer zugestanden werden - und verzweifelt fast an der Entscheidung. Ein Nazi? Ein Held? Einfache Wahrheiten verlieren sich in diesem Film. Aus Schwarz und Weiß wird vielstufiges Grau.

Hürden vor den Dreharbeiten

Florian Gallenberger hatte für seinen Film extreme Schwierigkeiten zu überwinden. Die Figur Rabes, die chinesische Geschichte sind kompliziert und bei uns unbekannt. "Man muss eine Menge Informationen mitliefern", sagt Gallenberger, "über die Zeit, über die Japaner, über Rabe - ohne dass der Film zu lang, zu langweilig, zu episodenhaft wirkt." Drehbuchautoren scheiterten, die chinesischen Behörden verweigerten anfangs jede Genehmigung und versuchten später massiven Einfluss auf das Drehbuch zu nehmen; in Japan sagte die Hälfte der angefragten Schauspieler ab, weil die Mitwirkung an der Darstellung japanischer Massaker der Karriere schadet; und dann fielen während der Filmarbeiten im subtropischen Shanghai auch noch Drehtage wegen Schneefalls aus. Ein paarmal, erzählt Gallenberger, war er so weit, den Film aufgeben zu wollen. Aber es gab da eine Begegnung mit einem alten Chinesen in Nanking, der ihm von seinem Leben erzählte; wie er nur knapp überlebt hatte, als er 13 war, und nur dank eines Ausländers, in dessen Garten er Zuflucht fand, er und viele andere. Es war der Garten von John Rabe. "Da wusste ich", sagt Gallenberger, "ich muss diesen Film machen."

Sein Film endet mit dem Jubel der Chinesen für Rabe, der auf Druck der Japaner abreisen muss, und dessen Umarmung mit seiner tot geglaubten Frau Dora. Ein schöner Kinoschluss.

Die Realität, die in Deutschland folgte, war trister. Nachdem Rabe 1946 endlich doch entnazifiziert war, erhielt er einen subalternen Posten in der Personalverwaltung von Siemens. Er war ausgebombt, lebte mit seiner Frau bis zu seinem Tod in einem Zimmer, tauschte alle noch vorhandenen chinesischen Teppiche und Antiquitäten gegen Kartoffeln, hungerte trotzdem und überlebte vielleicht nur dank der Hilfspakete, die er schließlich aus China erhielt. 1950 starb Rabe, 67 Jahre alt, verarmt und vergessen. "Am Grab", schreibt Erwin Wickert, "waren seine Frau, die Kinder und ein paar Freunde." Keine offiziellen Reden, keine Kränze. Held oder Hakenkreuz, beides konnte es nicht geben.

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