1. August 2012, 07:47 Uhr

Zu glatt für einen echten Thompson

Bruce Robinson hat das Trinker-Tagebuch von Hunter S. Thompson mit Johnny Depp verfilmt. Alkoholgetränkt, mit Voodoo garniert und einer atemberaubenden Landschaft ist das vor allem hübsch anzusehen.

Die schwüle Atmosphäre der Karibik, Hahnenkämpfe, Voodoo, psychedelische Drogentrips, antiseptisches Styling der Superreichen Ende der 50er Jahre, sehr viel Alkohol und ein Kultstar wie Johnny Depp - "Rum Diary" hat alles, was ein euphorisierender Film haben muss. Noch dazu stammt die Romanvorlage von dem exzentrischen Autor, Journalisten und Depp-Freund Hunter S. Thompson (1937-2005), der viele Drogen nahm und schon zu Lebzeiten als verrücktes Genie galt. Leider kann sich Regisseur und Drehbuchautor Bruce Robinson nicht zwischen Sozialdrama, Trinkerfilm und skurriler Komödie entscheiden und bügelt das Trinker-Tagebuch Thompsons allzu glatt.

Paul Kemp (Johnny Depp) ist ein ambitionierter Journalist, der in New York nicht so recht Fuß fassen und zudem dem Eisenhower-Amerika entfliehen will. Also heuert er - als einziger Bewerber - bei einer amerikanischen Zeitung in Puerto Rico an. Schon bei seiner Ankunft ist klar, dass sich dieser ein wenig selbstverliebte Dandy gerne dem Alkoholrausch hingibt.

Als Kemp feststellt, dass sein zugeknöpfter und korrumpierter Chefredakteur Lotterman (Richard Jenkins) nicht etwa sozialkritische Reportagen über den amerikanischen Raubbau an der Karibikinsel erwartet, sondern weich gezeichnete Geschichten für amerikanische Touristen und Investoren, vertreibt er sich die Zeit lieber mit dem ebenfalls desillusionierten Zeitungsfotografen Sala (Michael Rispoli) und dem bereits durch allerlei Drogen völlig durchgeknallten Moburg (Giovanni Ribisi).

Skurrile Typen und schräger Humor

Dann verliebt sich Kemp in Chenault (Amber Heard), die Freundin des aalglatten Unternehmers Sanderson, der ihn wiederum für wohlwollende Geschichten über riesige Bauvorhaben auf einer weiteren Insel gewinnen will. Und so kommen zu der allmorgendlichen Katerstimmung noch allerhand anderer Unannehmlichkeiten auf Kemp zu.

Robinson beweist in "Rum Diary" durchaus seinen Sinn für skurrile Typen und schrägen Humor. Im riesigen Strandhaus von Sanderson und der schönen Chenault lässt er eine Diamanten-besetzte Schildkröte über den Boden laufen, und Kemp und Sala schauen durch Ferngläser über eine Straße hinweg beim Nachbarn Fernsehen. Die großartige Kulisse, Original-Kostüme und die Retro-Optik dank 16-Millimeter-Film machen "Rum Diary" durchaus zu einem perfekt ausgestatteten Film.

Leider aber ist Johnny Depp als versoffener Kemp seltsam glattgebügelt - an Figur und Gesicht. Vor allem aber lässt Robinson Thompsons biografisch angehauchte Vorlage in einem Genremix verwässern und macht ihn so massenkompatibel. Mit einer Ausnahme verzichtet er auf jegliche psychedelischen Trips, schmutzige Drogen- und Sexszenen. Wer mit "Rum Diary" gehofft hatte, einen ähnlichen Kultfilm wie "Fear and Loathing in Las Vegas" (1998) zu sehen zu bekommen, in dem Depp ebenfalls ein Alter Ego von Thompson spielte, wird eine herbe Enttäuschung erleben.

Britta Schmeis, DPA
 
 
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