Jürgen Vogel hat es geschafft, sich in seiner fast 30 Jahre währenden Karriere nie zu verbiegen. Ein Gespräch übers Menschsein, Alkohol und "Gnade". Von Sophie Albers
Wir kommen allein, und wir gehen allein. Je eher man mit dieser Form der Selbstverantwortung leben kann, desto einfacher ist es. Je weniger man sich auf andere stützt, desto besser. Wir treffen die wichtigen Entscheidungen allein, und wir stellen uns den Herausforderungen unseres Lebens allein. Selbst mit Begleitung oder Hilfe musst du den Weg letztlich allein gehen. Insofern: ja.
Es ist, wie es ist. Es liegt in der Natur des Menschen, und das ist okay. Das ist bei den Tieren auch so. Warum soll es uns anders gehen als allen anderen Lebewesen?!
Weil er es kann. Weil er sich die Dinge anders wünscht, als sie sind. Weil er manchmal versucht, die Realität zu verdrehen. Die Natur anzunehmen, ist eine Herausforderung, die einen stärker macht.
Sicher. Die Frage ist doch, ob die Religion nicht dazu gekommen ist, und vorher der Wunsch nach Erlösung schon da war. Menschen wollen Erlösung und Gnade finden, aber auch Gnade geben, verzeihen.
Es gibt Sachen, die lange dauern. Manchmal muss man bestimmte Sachen selbst erlebt haben. Wenn du zum Beispiel noch nie in deinem Leben geklaut hast, kannst du, wenn dir jemand etwas klaut, schwer verzeihen. Aber wenn du selbst schon in der Situation warst, fällt es dir vielleicht auch leichter, jemandem zu verzeihen. Selbst Fehler zu haben, ist manchmal ganz gut, weil es einen ein bisschen menschlicher macht.
Ich habe von Anfang an Verständnis gehabt. Es ist nicht meine Aufgabe zu bewerten oder zu verurteilen, sondern zu gucken, wie man die Dinge anders machen kann. Wenn überhaupt geht es darum, mit seinen eigenen Fehlern und denen der anderen zu leben. Ein fehlerfreies Leben ist nicht möglich. Es ist eine Illusion, manchmal auch extrem gefährlich so zu tun, als sei man ohne Fehler. Das ist unmenschlich.
Das ist es ja auch. Du kannst in einem Kokon leben, in einer künstlichen heilen Welt. Aber sobald du rausguckst, siehst du, dass es nicht so ist. Das kannst du eine Zeit lang verdrängen, aber alles, was du verdrängst, kommt auf andere Art wieder zurück.
Jeder sehnt sich nach Harmonie, das ist ja auch gut. Sonst hätte man bei bestimmten Dingen nicht den Ehrgeiz, sie wieder hinzukriegen. Ich kann mit beidem ganz gut.
Was Normales?
Die Welt, in der man sich da bewegt, scheint ja nicht so normal… Andererseits ist es auch ein Job. Ich habe viel frei. Ich versuche jetzt nicht, Eis zu verkaufen, aber ein ganz normales Leben zu leben. Nicht nur Drehen und Presse und so was. Das ist zum Glück nur ein ganz kleiner Bestandteil meines Lebens.
Leben halt: Essen, Kinder großziehen, genießen, streiten, einfach alles. Ich habe fünf Kinder, da bist du schon beschäftigt, und jeder fordert etwas anderes. Mein Leben ist relativ voll.
Dass man das, was man macht, schon oft gemacht hat. Ich genieße es auch heute noch. Ich mag meinen Beruf auf jeden Fall. Es gibt schlimmere Jobs als die Schauspielerei. Aber manchmal beim Drehen denke ich schon: Das ist ja verrückt, langsam bin ich immer der Älteste am Set, früher war ich immer der jüngste, weil ich schon mit 15 angefangen habe.
Das Komische am Älterwerden ist, dass du jedes Alter auch ein bisschen mit dir herumträgst. Ich weiß noch, wie ich mit 15, 16 getickt habe. Und das verliere ich auch nicht. Der 15-jährige Jürgen Vogel bin ich ziemlich oft.
Nicht nur, aber ich weiß, dass Angst kein guter Begleiter ist. Insofern ist es eher eine Trotzhaltung gegenüber der Angst. Wenn ich vor irgendetwas Angst habe, versuche ich da durchzugehen. Früher war es Wasser, das Meer. Ich hatte schon Respekt vorm Ertrinken, und dann habe ich einen Tauchschein gemacht.
Stimmt.
Ganz, ganz selten, und dann nur ein halbes Glas Wein, alle drei Monate mal.
Doch, als Jugendlicher habe ich alles ausprobiert. Aber Alkohol ist eine persönlichkeitsverändernde, zersetzende Droge, die man den Leuten extrem ansieht.
Echt, das hat jemand über mich geschrieben? Klingt gut. Ich finde es ja ganz okay, Projektionsfläche für bestimmte Klischees oder Fantasien zu sein. Das Geheimnis sollte man den Leuten nicht nehmen.
Ja, es könnte mal wieder eine kommen.
Gnade Vater (Jürgen Vogel), Mutter (Birgit Minichmayr), Sohn (Henry Stange) wollen ausgerechnet am kaltesten Flecken Norwegens ein neues Leben beginnen. Doch schleppen sie die alten Probleme mit: Vater geht fremd, Mutter kümmert sich um alle, nur nicht um die Familie, Sohn igelt sich ein. Dann passiert ein schrecklicher Unfall, der an den Familiebanden zerrt, mit ganz unerwartetem Ausgang.