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27. März 2008, 07:48 Uhr

Der Chefkünstler

Der Maler Julian Schnabel, 56, hat sich mit seinem dritten Film "Schmetterling und Taucherglocke" nun auch als begnadeter Regisseur endgültig etabliert. Der stern hat ihm in seinem New Yorker Palazzo einen Haus- und Bettbesuch abgestattet. Von Silke Müller und Matthias Schmidt

Zu erschöpft, um aufzustehen? Für Julian Schnabel kein Problem. Soll der Besuch doch einfach ins Schlafzimmer kommen. Aber bitte Schuhe aus!© Nathaniel Welch

Ganz entgegen seiner Gewohnheit trägt Julian Schnabel an diesem Tag das zum Anlass passende Kleidungsstück: einen hellblauen Schlafanzug. Eigentlich zeigt sich Schnabel fast immer im Pyjama, egal ob Gala-Veranstaltung, Vernissage oder feierliches Abendessen. Doch diesmal liegt der Mann tatsächlich im Bett. Es war alles ein bisschen viel, selbst für ihn. Flüge nach Mexiko, Kalifornien und zurück nach New York, Preise, Partys und Abendessen mit Dennis Hopper und Benicio Del Toro. Jetzt hat er Fieber. Die Latino-Haushälterin bringt Pfefferminztee. Zufrieden thront der kränkelnde Chefkünstler der achtziger Jahre in seinem barocken Bett mit goldblauem Kopfteil. Kurz mal ausschlafen, bevor das Erfolgsjahr weiterrast. Zwei Golden Globes und vier Oscar-Nominierungen für seinen dritten Film "Schmetterling und Taucherglocke". Dazu Ausstellungen in New York, Los Angeles, St. Petersburg, Shanghai - und in der Nähe von Hildesheim.

"2008 wird das Jahr von Julian Schnabel", sagt der Branchendienst Artnet voraus. "Oh, das habe ich gar nicht gesehen", sagt Schnabel und lächelt. "Aber ich fühle mich tatsächlich ziemlich gut, auch wenn ich heute ein wenig krank bin." Die dunkelroten Samtvorhänge im Schlafzimmer sind aufgezogen, der Blick schweift über die Dächer Richtung Midtown. Neben dem Bett hängt ein Gemälde von Pablo Picasso. Wie hat er ganz persönlich gefeiert, nach all diesen Auszeichnungen? Schnabel lächelt wieder sein Patriarchen- Lächeln. "Ich bin nach Hause gefahren und habe eine schöne Schüssel Spaghetti mit meinen Kindern gegessen. Dann bin ich einen Tag im Bett geblieben."

Er ist Mr Big, der coolste Maler der Gegenwart

Schnabel redet nicht so, als hätte er ausformulierte Vorstellungen von diesem oder jenem. Er denkt lieber laut - in einem schier endlosen Strom von Gedanken, Ideen, Begriffen und Bildern. Prüft die Wirkung seiner Worte im Blick des Gegenübers, versucht es mit einer anderen Wendung, springt zu einem anderen Thema. "1978 malte ich ein Bild mit dem Titel ‚Die Patienten und die Doktoren‘. Es war mein erstes Teller-Bild. Ich war nicht ganz 28 damals, jetzt bin ich 56. Dieses Bild damals war der Moment meines Durchbruchs. Und 28 Jahre später mache ich diesen Film, ‚Schmetterling und Taucherglocke‘, der ebenso gut ‚Die Patienten und die Doktoren‘ heißen könnte." Er begründet das mit einem Essay von Antonin Artaud, der wiederum über van Gogh geschrieben habe, springt dann zu seinem großen Vorbild Joseph Beuys, erzählt von seiner Angst vor dem Sterben und schließt damit, dass der Film eigentlich seine ureigene Version von Patrick Süskinds "Parfum" sei. Wie bitte? Aber man muss Schnabel gar nicht verstehen. Es geht vielmehr darum, wie er das rüberbringt - eben wie alles, was er macht: mit ungetrübtem Selbstbewusstsein, freundlich in sich ruhend wie ein Buddha, und mit dieser unglaublichen "O mein Gott"-Ausstrahlung, die alle Widersprüche wegfegt.

"Mach die Sachen für dich selbst - und wenn dir irgendjemand zustimmt, ist es reiner Zufall", schreibt Julian Schnabel in seiner 1987 erschienenen Autobiografie. Da ist er 36 und auf dem Höhepunkt seiner ersten Karriere. Er ist Mr Big, der coolste Maler der Gegenwart. Und sieht sich selbst "so nah an Picasso, wie du in diesem Leben überhaupt nur sein kannst". Er verkauft umstrittene Riesenschinken - griechische und biblische Mythenbilder, wild-gestische Abstraktionen, dekorative Stierkampf- Motive, poppige Porträts von Künstlern und Celebrities - für sechsstellige Dollarsummen. Er posiert für Starfotografen wie Helmut Newton und rauscht im Morgenmantel durch Manhattan wie der Pate auf Wellness-Urlaub.

Eine Zufallskarriere? Kaum. Eher eine Art Naturgesetz. "Schnabel hat sich niemals irgendjemandem unterlegen gefühlt", beschreibt die "New York Times" sein Durchsetzungsvermögen. Eifersüchtig registriert selbst Andy Warhol, der große Pop-Künstler, den Erfolg des Jungstars. Sechs Tage vor seinem Tod schreibt er in sein Tagebuch: "Julian Schnabel war da. Sein Buch ist erschienen. Für wen hält er sich?"

Sein Markenzeichen sind die "Plate-Paintings"

Der kometenhafte Aufstieg von Schnabel beginnt 1979 mit einer Ausstellung in der Galerie von Mary Boone. Ein Jahr zuvor hatte er ein paar Kisten zerbrochenen Porzellans von der Heilsarmee abgeholt, die Scherben auf eine Leinwand geklebt, mit Ölfarbe darübergemalt - und sein Markenzeichen erfunden: die "Plate Paintings" - Teller-Bilder. Schnabel ist sich sicher - so sicher wie immer, wenn er etwas Neues anfängt: "Ich habe ein Gemälde in meinem Atelier, das sieht anders aus als alle Gemälde, die du jemals zuvor gesehen hast", erzählt er Künstlerfreunden und schleppt sie in sein Atelier. Schnabels Teller-Bilder mit ihrer Ästhetik der Größe, des Überschwangs und des Macho-Egos werden zu Symbolen der 80er Jahre. Selbst Gordon Gekko, der Börsenspekulant aus dem Film "Wall Street", hat die Dinger an der Wand.

"Früher Erfolg hat keinen Bestand", blafft ihn der Kritiker-Papst Clement Greenberg an, als sie sich im April 1982 auf dem Flughafen von Los Angeles begegnen. Und es ist, als wollte Schnabel sein Leben lang das Gegenteil demonstrieren. Als die rauschhaften Achtziger mit einem Kater enden und die Kunst eine Wendung ins Politische nimmt, wird Schnabel von der Kritik zum Abschuss freigegeben. Ihn lässt das kalt. Völlig unbeeindruckt von Warnungen aus Hollywood und der Kunstszene, wagt er sich 1990 auf neues Terrain: die Verfilmung des Lebens von Jean-Michel Basquiat, einem dunkelhäutigen New Yorker Künstler, der mit 27 an einer Überdosis Heroin stirbt.

"Beste Regie" für Schnabel in Cannes, dazu ein Kuss von Olatz. Darstellerinnen Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze und Anne Consigny jubeln© Peter Kramer/ Getty Images

Während Schnabel als manischer Maler wenig zimperlich zu Werke geht - ein Kritiker vergleicht sein künstlerisches Wüten mit Rambo -, geraten seine Filme überraschend feinfühlig. Nach "Basquiat" widmet er sich dem Leben des schwulen, kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas, dessen Leben nach der Machtergreifung von Castros Kommunisten keinen Peso mehr wert war. Als Hauptdarsteller für "Before Night Falls" wählt er einen relativ unbekannten spanischen Schauspieler, der für seine grandiose Darstellung 2001 für den Oscar nominiert wird: Javier Bardem. Als Russell Crowe schließlich die Trophäe für "Gladiator" einheimst, poltert Schnabel in einem Interview, dass eigentlich alle Oscars an ihn gehen müssten, die Konkurrenz wäre "idiotisch, dumm, schlecht gespielt und reine Zeitverschwendung".

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 13/2008

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