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9. September 2007, 07:42 Uhr

Die Sphinx von der Kaufhauskasse

Niemand leidet so schön wie die Französin Juliette Binoche. Beim Hausbesuch zeigt sich die Ikone hingebungsvoller Sanftmut allerdings energischer als erwartet. Von Stephan Maus

Die französische Oscargewinnerin Juliette Binoche, 43, verkörpert seit bald 20 Jahren fast immer denselben Frauentypus© Pascal Le Segretain/Getty Images

Juliette Binoche schweigt. Dann schweigt sie noch einmal. Und weil es so schön ist, schweigt sie noch ein bisschen. Und jedes Schweigen hört sich anders an. Sie schaut streng durch den Dunst, der aus ihrer großen Teetasse aufsteigt. Ah, kalt ist die Welt und heiß der Tee. Binoche muss das Teewasser einzig mit ihrem Blick erhitzt haben. Wie heiß dieser Blick auf deiner Stirn brennt!

Wie eine Leinwand schwebt Binoches flächiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen über einem schmutzig weißen Pullover, natürlich gestrickt aus grober Wolle; genau wie die dicken Socken, die aus ihren Clogs quellen. Binoche muss schon in Wollleibchen zur Welt gekommen sein. Sie trägt ihre Seele auf links, und die Textur dieser Seelenrückseite ist flauschige Wolle. Herz, Seele, Flausch: Wie die Flut moosiges Treibgut an den Strand wirft, so zieht Binoches mondbleiches Gesicht unweigerlich Kitschvokabeln aus verwirrten Männergehirnen.

Langsam zieht sie den Teebeutel aus ihrer Tasse. Juliette Binoche mag ihre Nägel nicht, aber deswegen versteckt oder lackiert sie sie noch lange nicht. Sie presst den Beutel mit kräftigen Fingern zusammen, bis er auch den letzten Tropfen abgegeben hat. Entschlossen umwickelt sie den Beutel mit dem Baumwollfaden, verschnürt ihn zu einem engen Paket, das sie auf ihrer Untertasse ablegt. So werden Entführungsopfer gefesselt, bevor man sie in einen Kofferraum wirft. Schließlich lehnt sie sich ein bisschen nach vorn, lässt ihren Teekocherblick auflodern und sagt: "Sie verwechseln Juliette mit ihren Figuren."

Unmöglich, Binoche nicht mit ihren Rollen zu verwechseln

Genau dafür sind wir hierhergekommen. In dieses Haus in einem ruhigen Pariser Vorort, das aussieht wie der renovierte Erstwohnsitz der Addams Family: Erker, geschnitzte Giebelbalken, verspielte Fassade. Draußen auf der Klingel steht "Klingel". In einem Binoche-Film würde das natürlich etwas bedeuten. Etwas sehr Spirituelles. Man wüsste nicht genau, was, aber es wäre sehr zauberhaft. Genau wie all ihre Auftritte in dem Film "Breaking and Entering" von Anthony Minghella, der gerade auf DVD erschienen ist. Sie spielt darin eine bosnische Flüchtlingsfrau in London. Hinter ihren schwarzen Augen verdichtet sich diesmal gleich das Schicksal eines ganzen kriegsgebeutelten Landes. Unmöglich, Binoche nicht mit ihren Rollen zu verwechseln. Denn seit bald 20 Jahren verkörpert sie fast immer denselben Frauentypus. Gleich in ihrem ersten großen Auftritt in Philip Kaufmans "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1987) stellt sie ein Provinzmädchen dar, das tapfer am maßlosen Lebens- und vor allem Frauenhunger ihres Geliebten leidet.

Ein Filmtitel, der gut zu Binoches Leben passt: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1987)© DZ/BD

Seitdem leidet niemand so facettenreich wie "La Binoche", wie sie von der französischen Presse respektvoll tituliert wird. Und niemand schafft es wie Binoche, trotz all des Schmerzes so verführerisch auszusehen wie das blühende Leben selbst: Rein, rund, sinnlich und apfelbäckig bahnt sie sich ihren Weg durchs Jammertal. Mit Kaufmans Film begann Binoches steile Karriere als entsagungsvolle, aber hocherotische Problemfrau, der jede Leichtigkeit unerträglich schien. Nur selten hat Binoche sich gegen ihr Image casten lassen - und wenn, dann vergebens: Sie ist und bleibt die leidenswillige Problemfranzösin. Im "Englischen Patienten" pflegt Schwester Binoche selbstlos einen verbrannten Wüstenabenteurer und ermöglicht ihm so eine letzte Erinnerungsreise in die Vergangenheit. Immer wieder verkörpert sie die Krankenschwesterseele einer Florence Nightingale.

"Ich glaube, jeder Mensch leidet. Das gehört zum Dasein"

Fühlt sie sich nicht als Opfer männlicher Wunschfantasien, in denen eine schöne Frau nur erträglich ist, wenn sie entsagungsvoll leidet? "Ich glaube, jeder Mensch leidet. Das gehört zum Dasein. Man muss durch Leid gehen, um einen Durchbruch zum Glück zu finden. Man muss Mühen durchqueren, das ist der Grund unserer Inkarnation." Inkarnation? Mit Metaphysik kommen wir nicht weiter. Praktischerweise sitzt Binoche auf einer Couch, da können wir auch gleich ein Therapiegespräch führen: "Sie haben Ihre Mutter als Ökofeministin bezeichnet. Was hält sie von Ihren Frauenrollen?" Nachdenkliches Schweigen. Binoche wirkt plötzlich sehr abwesend. Wir spielen jetzt beide in einem Film, der "Schauspielertherapie" heißt. Binoche ist natürlich auch in dieser Rolle umwerfend. Man möchte sie sofort aus den Klauen dieses ekelhaften Journalisten befreien. Aber das geht jetzt nicht. "Meine Mutter spricht nicht sehr viel über die Figuren, die ich gespielt habe."

Niemand kann so einem Satz eine solch rührende Wucht verleihen wie Juliette Binoche. Hier schwingt ein ganzes Familiendrama mit. Binoches Eltern haben sich scheiden lassen, als sie vier war. Von ihrem Vater fühlte sie sich gänzlich verlassen, die Beziehung zu ihrer Mutter schwankte zwischen Vernachlässigung und Nähe. "Haben Sie denn nie den Wunsch verspürt, all diesen Männern, die Sie vor der Kamera immer nur leiden lassen wollten, in den Hintern zu treten?" Binoche federt aus ihrer Therapiecouch hervor. "Als Tochter einer feministischen Mutter werde ich Sie jetzt schockieren. Aber ich glaube, das Weibliche hat eine bestimmte Aufgabe in seinem Verhältnis zum Männlichen. Es muss Mitgefühl zulassen. Erfährt das Männliche kein Mitgefühl, kann es nicht zu sich selbst kommen. Das Männliche und das Weibliche ergänzen sich. Und weil es so viel Männliches auf der Welt gibt, ist das Weibliche umso notwendiger. Meine Aufgabe besteht darin, dem Mitgefühl und den Gefühlen zur Geltung zu verhelfen."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 36/2007

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