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Die Unberührbare

Sie ist eine der wichtigsten deutschen Schauspielerinnen, sie hat alle Preise gewonnen, die man hierzulande gewinnen kann, und schön ist sie sowieso. Wir wollten Katja Riemann feiern. Auf unseren Autor hatte sie aber erst mal keine Lust. Und er dann auch nicht mehr auf sie.

Von Marc Fischer

Wie aus Katja Riemann und mir mal nichts wurde (und auch nicht mehr viel wird, so wie's im Augenblick aussieht)

Es war einer dieser Hammertage im letzten Jahr. Die Sonne knallte vom Himmel, als hätte sie was zu beweisen, die Luft vibrierte, die Frauen auf der Straße sahen so umwerfend aus, dass man ihnen nachpfeifen musste, weil man ja schlecht rufen konnte: "Sie da, links neben der Ampel, ja genau, Sie - heiraten Sie mich bitte, jetzt gleich!" Es war so ein Tag, an dem man noch mal zurück in die Wohnung rennt, um sicherzugehen, dass man auch wirklich sein bestes Hemd anhat. Hatte ich, und zwar mein dunkelblaues, offenes kubanisches, Guayabera genannt, das ich nur zu besonderen Anlässen trage. Dieser Tag war so ein Anlass. Ich war mit der Schauspielerin Katja Riemann in dem Berliner Restaurant Borchardt zum Mittagessen verabredet.

Katja Riemann - "Echt? Wie schön!"

Das Gute an Katja Riemann istja, dass man jetzt eigentlich gar nicht groß weiterreden müsste. Denn man sagt nicht einfach "Katja Riemann", und dann kommt nichts. Es kommt entweder ein "O Gott!" oder ein "Echt? Wie schön!" Etwas öfter als ein "Echt? Wie schön!" kommt allerdings, ich habe das geprüft, das "O Gott!" Es kommt vor allem von Leuten aus der Medienbranche, von Journalisten, die mal was mit ihr zu tun hatten und berichten, dass sie "schwierig" sei, "zickig", "schnell beleidigt", "bockig wie ein Kleinkind" gar. Und dass sie gern so tue, als sei es vor allem mit der Presse seit 1933 in Deutschland eigentlich nur schlimmer geworden.

Eine Schauspielerin fühlt sich immer falsch verstanden

Klang alles ein wenig übertrieben für mich und auch gar nicht so sensationell besonders. Wer mal ein bisschen was mit der Presse zu tun hatte, weiß, dass die jede Schauspielerin hart rannimmt, die nicht nur schauspielert, sondern, wie Riemann, auch singt, Kinderbücher schreibt und für UNICEF nach Afrika fährt, um da was für die Frauen zu tun. Es ist der Multitasking-Vorwurf. Wer ein bisschen was vom Kulturverständnis der Deutschen mit-bekommen hat, den überrascht nicht, dass der Riesenerfolg, den sie beim Publikum mit "Abgeschminkt", "Der bewegte Mann" und "Stadtgespräch" hatte, ihr die Kunstweihe des Feuilletons ein bisschen schwerer macht. Es ist die E&U-Debatte. Und wer auch nur kurz mal irgendwo eine Schauspielerin erlebt hat, dem ist klar, dass die sich eigentlich immer falsch verstanden und nicht genügend gewürdigt fühlen, selbst wenn sie, wie Katja Riemann, so ziemlich alle deutschen Preise gewonnen haben, die man gewinnen kann, obendrauf noch die Coppa Volpi in Venedig für ihre Rolle in "Rosenstraße".

All das Gerede und die Gerüchte aber waren mir egal an diesem Tag, als ich zu ihr fuhr. Ich freute mich darauf, sie zu treffen und mit ihr über das zu reden, was sie in den letzten Monaten so gemacht hatte, über ihre Rolle als Eva Braun in Dani Levys Hitler-Film, über die anstehende Walser-Verfilmung "Das fliehende Pferd" und so weiter. Ein paar Wochen vorher hatte ich Jenny Elvers durch Mailand und Paris begleitet, auch gut, aber mit Katja Riemann wollte ich alles ein wenig gehaltvoller aufziehen. Bildungsbürgerlicher, Thomas-Mann-ar-tiger. Sieht man ja ihrem Gesicht schon an, dass sie sich mit solchen Dingen auskennt. Ich wollte Sancerre mit ihr trinken, Fisch essen, ihr einen Nachtisch spendieren, eine Crème brulée vielleicht oder irgendetwas Gesundes mit Früchten. Ich wollte der galanteste Journalist sein, den sie jemals getroffen hat - der, über den sie später sagen würde: "Das war der in dem hübschen Hemd mit den vielen schlauen Fragen."

"Frau Riemann, Sie sehen wunderbar aus."

Der Innenhof des Borchardt war lichtdurchflutet, als ich reinkam, aber die Sonne hatte nur am Rande etwas damit zu tun. In der Hauptsache war es Menschenglanz, ausgestrahlt von Katja Riemann, die mit ein paar Freunden zusammensaß, eine davon war die Theaterregisseurin Amina Gusner, mit der sie gerade die "Hedda Gabler" gemacht hatte und vielleicht schon wieder etwas Neues plante, wofür sie jetzt wahrscheinlich Geld brauchten oder so. Ich stellte mich vor und sagte gleich darauf: "Frau Riemann, Sie sehen wunderbar aus." Tat sie wirklich: Sie trug ein schwarzes Kleid mit einem scharfen Ausschnitt und wirkte gar nicht so zerbrechlich wie in ihren Rollen immer, eher handfest. Eine Bombenfrau, ihre 43 Jahre kamen mir vor wie ein Zahlendreher.

"Katja Riemann, angenehm. Setzen Sie sich doch schon mal an den Nebentisch."
"Gernstens!"

Trennungsanzeige in der Süddeutschen

Glücksgefühle durchströmten mich. Jesus Christus, warum hat noch nie einer geschrieben, wie sexy sie ist, fragte ich mich und schrieb im Kopf schon den Einstieg. Waren denn vor mir alle blind gewesen? Ich hatte gute Lust, ihr den Heiratsantrag zu präsentieren, für den ich bei den Ladys auf der Straße zu schüchtern gewesen war. Ihren Ex Peter Sattmann hatte sie ja zum Glück schon vor Jahren verlassen, stand damals schwarz auf weiß als Trennungsanzeige in der Süddeutschen, von den beiden selbst geschaltet.

"So", sagte Katja Riemann und setzte sich vor mich.
"Was trinkt die Dame? Weinchen? Der Sancerre soll hier ja ganz hervorragend sein."
"Grünen Tee, bitte."

Bis die Drinks kamen, also mein Weißwein und ihr Tee, plauderten wir ein bisschen. Wir redeten über Afrika, über Musik, über "Ich bin die andere", diese Multiplenklamotte von der von Trotta. Es war sehr nett, obwohl ich manchmal das Gefühl hatte, sie hörte nur mit halbem Ohr richtig zu, aber das kann auch an meinem verwirrten Gesamtzustand gelegen haben, denn die Frau Riemann, ich sagte es schon, sah wirklich atemberaubend aus.

"Also!", sagte sie dann auf einmal etwas schroff. "Sie wissen ja, dass es sich hier um ein Vorgespräch handelt, um herauszufinden, ob wir miteinander arbeiten können." "Ein Kennenlern-Date ist das, ja genau." Ich klimperte mit den Wimpern, für einen Mann sind meine recht lang.
"Dann machen Sie mir ein Angebot", sagte Frau Riemann.

Ich kicherte. Sie nicht

Ich sah sie an und lachte. Toll, diese Marlon-Brando-in-Der-Pate-Nummer! Das hatte ich zuvor nur von einem ehemaligen Kiezkönig so gehört, den ich auch mal zum Essen getroffen hatte. Spitzenwitz, die ist in Topform, die Frau! Und wie ernst sie dabei gucken konnte! Eine richtig gute Schauspielerin halt.
"Eins, das Sie nicht ablehnen können?" Ich kicherte. Sie nicht.

"Ein Angebot. Was ist Ihr Plan?! Was können Sie mir bieten, was ich nicht schon kenne? Was ist die Katja-Riemann-PARK-AVENUE-Geschichte?! Was ist Ihr Take? Ich habe das ja nicht unbedingt nötig, hier zu sitzen." Ihr Ton war aggressiv, eher Kommando als Frage, aber ich bringe jetzt lieber keinen Geheime Staatspolizei-Vergleich. Ganz langsam aber keimte in mir der Gedanke, es könne möglich sein, dass sie keinen Witz macht, es könne möglich sein, dass sie diese blasierte Schauspielerinnenkarikatur nicht bloß spielte.

Jede Menge Fragen

Ich versuchte, ihr höflich zu erklären, dass ich das, was sie einen "Plan" nannte, nicht hätte, allein schon deshalb, weil ich sie ja bis eben noch gar nicht gekannt hatte. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass der "Plan" sein könnte, wie schon mit ihrer Agentin besprochen, sie zu begleiten bei dem, was sie so macht, bei ihrem Leben, beim Singen, beim Schauspielern. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich mich für sie und ihre Arbeit interessiere und jede Menge Fragen habe, aber noch nicht sagen kann, was genau später im Text stehen wird. Weil außer diesem wunderbaren Lunch ja noch gar nichts zwischen uns geschehen war (leider). Sie schwieg ein paar Sekunden. "Also keine Idee?"

"So gesehen: tatsächlich keine Idee."

Ich sah zum Himmel, um sicherzugehen, dass nicht Gott es war, der Schuld daran hatte, dass auf einmal alles schwer schien, was eben noch leicht gewesen war; dass ich auf einmal fror, während ich eben noch geschwitzt hatte. Aus Katja Riemann, die ich kurz toll und aufregend und interessant gefunden hatte, war in zwei Minuten genau die unentspannte Gouvernantengesichtsverleiherin geworden, vor der mich meine Kollegen gewarnt hatten.

"Nein, Frau Riemann", sagte ich und zwirbelte mein Weinglas zwischen den Fingern. "So gesehen: tatsächlich keine Idee."
"Tja. Muss ja nicht."

Behördenverhör

Wäre sie jetzt aufgestanden und gegangen, hätte sie mich angeschrien, wäre sie explodiert oder irgendwas, hätte das vielleicht noch einen kleinen Rest Glamour haben können. Stattdessen aber blieb sie sitzen und unterzog mich einem Behördenverhör, für wen ich arbeite und warum, zog die Brauen hoch, wenn die Antwort vor ihr bestand, schlug die Augen nieder, wenn nicht, wägte ab, wie feindlich man ihr gesinnt sein könnte. Auch sie wollte natürlich irgendwas, vielleicht eine Fotoproduktion, vielleicht ein bisschen Eindruck schinden, vielleicht ein bisschen auf schwierige Diva machen, aber sie eierte dabei so humorlos und uncharmant rum, dass ich immer weniger Lust bekam, überhaupt was mit ihr zu tun zu haben. Ich sehnte mich ein wenig nach der Selbstironie von Jenny Elvers zurück und überlegte, ob ich ihr von unter dem Tisch eine SOS-SMS schicken sollte.

Als es ans Bezahlen ging, gab ich dem Kellner 50 Prozent Trinkgeld, damit wenigstens einer von uns mit einem Plus aus dem Tag ging.

Die Geschichte einer Absage

"Sie können ja noch mal überlegen und dann meine Agentin anrufen", sagte Katja Riemann zum Abschied. Es klang wie: "Da ist noch Hoffnung, eine kleine Chance haben Sie noch, geben Sie sich Mühe, ganz unsympathisch sind Sie mir ja nun auch nicht!"

"Okay", sagte ich, dachte aber: Nö. Diesmal nicht. Diesmal haben wir hier irgendwie keine Lust, den immer weiter um sich greifenden Prominentenwahn zu unterstützen, bei dem der Porträtierte jedes Detail des Porträts kontrollieren will, bis wirklich gar nichts mehr drin steht, weil es inzwischen Mode geworden ist, nicht bloß Zitate, sondern ganze Texte autorisieren zu lassen. Ein bisschen Risiko gehört zum Geschäft, ein bisschen Lässigkeit im Umgang mit dem Selbstbild auch. Und weil Katja Riemann diese Lässigkeit nicht hat und weil ein Nein für den Neinsager manchmal sehr befreiend sein kann, steht hier nun nicht "Das große Katja-Riemann-Interview" oder die "Super Homestory mit exklusiven Fotos ihrer Tochter" und dem ganzen Blödsinn. Darum steht hier nur die Geschichte einer Absage.

Erinnerung an die Zeit, die wir nie hatten

Ein "Non merci, Madame", muss ja nicht, und das ist auch gut so.
Sie rief dann noch ein paarmal an, die Katja Riemann. "Haben Sie sich Gedanken gemacht? Schon eine Idee? Was macht der Plan?" Zu einem Theaterstück mit ihr ging ich sogar noch, aber danach bestand mein Plan, wenn es einen gab, bloß in der Vermeidung.

Eins allerdings ist klar: Wenn ich mir Riemann in Levys "Mein Führer" als Eva Braun angucke (bestimmt ist sie gut in der Rolle), ziehe ich mein kubanisches Hemd wieder an, mein Guayabera. Zur Erinnerung an die Zeit, die Katja und ich nie hatten.

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