Zum zweiten Mal kommt Tom Hanks in einer Dan-Brown-Verfilmung ins Kino, diesmal in dem Vatikan-Thriller "Illuminati". Dem stern erzählt er vom Spaß, endlich jemanden zu spielen, der alles weiß. Von Jochen Siemens

Mit 52 ist Tom Hanks so richtig einverstanden mit sich selbst. Mit seiner Star-Kraft macht er selbst aus Kino-Meterware ein Ereignis© AP Photo/Sony Pictures
Ganz okay, wenn man nicht darüber nachdenken muss, ihn nach seinem Sex-Appeal oder so was zu fragen. Fällt auch keine Frau um, wenn man sagt, dass man morgen in der Schweiz eine Verabredung mit ihm hat. Mit Tom Hanks. Ach, interessant, sagen Frauen dann höchstens und blättern weiter in ihren Heften mit Hugh-Jackman-Bildern. Ziemlich sicher, dass noch keine Frau sich in eine Affäre mit Tom Hanks verträumt hat. Der Mann ist seit mehr als 20 Jahren mit seiner zweiten Frau verheiratet, Affären sind nicht bekannt, und eine knospenjunge Olga Sonstwiekowa ist auch nicht in Sicht. Der Mann ist nicht Mel Gibson. Der ganze Hormon- und Sex-Quatsch entfällt also, und so was entspannt Gespräche unter Männern.
Ihn, Tom Hanks auch. Selten einen Mann gesehen, der so gelassen in einem Stuhl sitzen, oder besser, halb liegen kann. Lange Beine, sehr große Hände, erstaunlich tiefe und beinahe donnernde Stimme, jedes Wort und jeder Satz wie Wertarbeit, keine Ähhs oder Pausen. Nebenbei rührt er so lässig in seinem Tee, als wäre es ein Martini.
"Na ja, ich bin jetzt 52, und die Zeiten, in denen ich bei einem Film schon an den nächsten dachte, sind vorbei", sagt er. "Man wird etwas ruhiger." Dann beugt er sich vor, und aus der Nähe entdeckt man in seinem Gesicht alle diese Forrest-Seattleschlaflos-Terminal-Philadelphia-Gump-Spuren, all diese Figuren also, die einen die vergangenen Jahre noch begleitet haben, wenn der Film längst aus war. Die kleinen Augen hinter einer Hornbrille, die zu noch winzigeren Höhlen werden, wenn er lacht, dieses irgendwie Nichtkinn und dieses glatt rasierte Gesicht, das nie aus der Jungenhaftigkeit entwachsen ist.
Hier in der Schweiz, genauer in Genf, haben sie neulich noch Szenen im neuen Teilchenbeschleuniger-Tunnel des Kernforschungszentrums Cern für die "Illuminati"-Verfilmung mit Tom Hanks gedreht. Die Anlage, die größte ihrer Art in Europa, läuft noch im Testbetrieb, aber dann kam Hollywood, und im Film tut sie so, als ob sie liefe. Da wummert und surrt es, und in einem Glaskolben sammelt sich Antimaterie mit Bombensprengkraft, und so geht der Film los. Was folgt, ist eine recht krachende Verschwörungsgeschichte um Serienmord im Vatikan und jene Bombe, die den Petersdom zu Staub sprengen soll.
"Illuminati" kommt jetzt in die Kinos und ist eigentlich der Vorgänger von "The Da Vinci Code - Sakrileg", im Kinojargon sagt man auch "Prequel". Hanks spielt zum zweiten Mal den Mysterienforscher Robert Langdon und hat nur einen Tag Zeit, eine Papstwahl vor dem Anschlag zu retten, alles reichlich atemlos, fast wie die Serie "24", nur eben mit Kardinälen und Gebeten.
Es ist, um es mal so zu sagen, kein Tom-Hanks-Film. Es ist Popcorn-Kino mit Zeichenrätseln und viel "Wissen macht Ah!"-Einlage, und Hanks erledigt die Arbeit des Hauptdarstellers. Wie schon im "Da Vinci Code" wirkt Hanks eher wie ein Besucher, aber nicht wie ein Teil des Films. Das macht eigentlich auch nichts, aber wenn man sich erinnert, die Krankheit Aids erst nach Hanks' "Philadelphia"-Auftritt begriffen zu haben, Einsamkeit und Liebe erst nach "Cast away", das Grauen einer Kriegsschlacht erst nach "Soldat James Ryan" und seit "Forrest Gump" schon mal nachdachte, Autist zu werden, wenn einem dieser Schauspieler also schon in die letzten Winkel des Empfindens gekrochen ist, dann ist sein Robert Langdon als Vatikan-Indiana-Jones erst mal nur schöne Kirmes. Erst mal.
Hanks kann das fein sagen, jedes Wort mit Ironie bestäubt, "na ja, ich wäre doch blöd, diese Rolle aufzugeben, oder? Man spielt Rollen, die groß oder klein sind, intensiv oder leise, aber hier bin ich einer, der sehr, sehr intelligent ist, und all das, was er weiß, muss ich ausdrücken. Das ist verdammt interessant."
Sicher, so was sind Ensemble-Filme, "ich komme jeden Morgen zur Arbeit und muss warten, weil noch andere mitspielen, und man unterhält sich und ja, man ist geschützt in dieser Gruppe aus Schauspielern". Hanks sagt das mit einem Unterton des genialen Erfinders, der froh ist, nicht mehr für jede Schraube persönlich zuständig zu sein. Sich selbst mit Haut und Haaren auszuliefern, einen ganzen Film wie "Forrest Gump" oder "Philadelphia" nur an sein Gesicht und seine Worte zu hängen, davon setzt er gerade mal aus. Das kann er, dafür hat er zwei Oscars bekommen, aber das hat ihn auch ausgequetscht. "Ein Film nur mit dir selber kann eine grausame Geliebte sein."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 21/2009