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Das Kassengift sitzt neben Dir

Die Kinos haben ein miserables erstes Halbjahr zu verzeichnen - wieder einmal. Liegt's an der Qualität der Filme? Sind die Eintrittspreise zu hoch? Zu viele Freizeitalternativen? Ein guter Grund, das Filmtheater zu meiden, wird häufig vergessen: die Leute auf den Nebensitzen.

Eine Polemik von Ralf Sander

Stille setzt ein. Der Lärm der Werbung ist verklungen. Im Saal verstummen die letzten Gespräche. Der Vorhang öffnet sich, der Film beginnt. Die nächsten Stunden gehören nur ihm. Er wird sein Publikum in seinen Bann ziehen. Vielleicht ganz sanft, mit wunderbaren Dialogen und tiefsinnigen Einblicken ins Menschliche und Zwischenmenschliche. Vielleicht unglaublich gewaltig, mit einer in Flammen stehenden Leinwand und einem Sound, der die Stühle wackeln lässt und von überall und nirgends zu kommen scheint. In jedem Fall sind wir mittendrin, werden hineingezogen in das überlebensgroße Produkt der Traumfabrik.

Das war ein Kinomärchen.

Die Realität sieht anders aus: Obwohl der Vorspann bereits läuft, müssen die vier Halbwüchsigen zwei Reihen weiter vorne unbedingt noch dreimal die Sitze wechseln. Hinten rechts wird die unglaublich witzige Geschichte aus der Kantine zu Ende erzählt, und weil die Filmmusik dabei stört, wird die Stimme in ihrer Lautstärke eben angepasst. Das nach ungefähr sieben Minuten einsetzende und bis zum Abspann andauernde konstante Wackeln des eigenen Sessels wird leider nicht durch die fetten Bässe des Soundsystems verursacht, sondern von dem Rücklehnenkicker eine Reihe weiter hinten.

Obwohl wir uns weder in "Ein Sommermärchen" noch in einem Kickbox-Reißer mit Jean-Claude van Damme befinden! Natürlich werden verschiedene Handys klingeln, und einmal wird tatsächlich jemand im Saal den Anruf auch beantworten: "Hallo? Oh, hi! Ich bin gerade im Kino. Wir gucken..." Pause. Frage an die Begleiterin: "Wie hieß der Film noch mal?" Das sind die Momente, in denen man sich wünscht, der eigene Sitznachbar möge doch genau jetzt mal so richtig laut in seiner Popcorntüte kramen. Dass er es kann, hat er schließlich schon zigfach bewiesen - allein in den letzten zehn Minuten.

Die Hölle sind die anderen

Die anderen im Saal, sie können den Kinoabend genauso versauen wie ein schlechter Film. Für jemanden, der einfach nur das Geschehen auf der Leinwand verfolgen will, ist - dieser Eindruck drängt sich auf - das Frustpotenzial in den letzten Jahren gestiegen. Es lässt sich auch nicht mehr so einfach im Vorhinein bestimmen. Klar, wer sich einen "Werner"-Film anguckt, musste schon in den 90ern mit Bierbächen unter dem Sitz rechnen. Und die großen Blockbuster waren schon immer "Date Movies", die Horden von paarungswilligen Teenagern anlockten, für die der Film nur Nebensache war. Doch damals wurde still geknutscht statt laut gelabert.

"Selbst Schuld. Wer geht schon ins Multiplex?", sagt da jemand aus der Intellektuellenecke? Ja ja, das Arthaus-Kino als Hort der Cineasten. Schön wär's. Es ist inzwischen fast so schlimm wie Mainstreamabspielhäusern. Vielleicht ist der Wortschatz größer, wenn in eine stille Szene hineingequatscht wird. Es riecht nach Bionade und nicht nach Cola, wenn ein Getränk umkippt. "Alder, mach meine Braut nicht an", wird nicht gebrüllt, aber wenn sich Kulturwissenschaftler und Sozialpädagogin um die mittlere Armlehne streiten, kann das schon mal 90 Minuten dauern. Der Rückenlehne ist es außerdem egal, ob sie mit Birkenstocks oder Sneakern getreten wird. Der Nervfaktor ist derselbe.

Warum nur, warum?

Auch wenn man keinem verzwickten Thrillerplot folgen musste, verlässt man an solchen Abenden den Saal voller Rätsel im Kopf: Wer hat diesen Schwätzern bloß den Eindruck vermittelt, ihr Gerede sei es wert, von Fremden gehört zu werden? Was ist aus der alten Kulturtechnik des Flüsterns geworden? Und vor allem: Was wollen diese Leute im Kino? Den Film sehen? Offensichtlich nicht. Oder doch? Betrachten diese Menschen vielleicht den Kinosaal als eine Fortsetzung ihres Wohnzimmers mit größerer Mattscheibe - inklusive Bier holen, Füße hochlegen und mit Mutti telefonieren? Hat das Fernsehen durch seine Entwicklung zum dauerberieselnder Radioersatz auch die Rezeption der Kunstform Film verändert? Vielleicht haben Spielfilme im Laufe der Zeit in den Augen vieler an Wert verloren, weil sie im TV so schlecht behandelt werden. An den Bildrändern kastriert, von Werbung zerhackt, um den Abspann gekürzt. Vielleicht fällt es angesichts dieser schlechten Vorbilder leichter, sich den Mitguckern im Saal und nicht zuletzt dem Filmemacher gegenüber respektlos zu verhalten.

Heißt das also, dass diejenigen, die Filme wirklich mögen, ins Exil - vor den heimischen DVD-Player - flüchten müssen? Das kann doch nicht sein. Für jede Kulturstätte gibt es bewährte Verhaltensregeln. Im Kino heißen die: nach vorne gucken und die Klappe halten. Warum ist das so schwierig? Schließlich würden die ganzen Sesseltreter, Popcornschüttler und Handyanlasser ja auch nicht auf einem Metallica-Konzert "leiser, leiser!" rufen oder in der Oper im Takt mitklatschen.

Obwohl...

Nein, bitte nicht antworten.

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