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3. Juli 2007, 17:21 Uhr

Das Kassengift sitzt neben Dir

Die Kinos haben ein miserables erstes Halbjahr zu verzeichnen - wieder einmal. Liegt's an der Qualität der Filme? Sind die Eintrittspreise zu hoch? Zu viele Freizeitalternativen? Ein guter Grund, das Filmtheater zu meiden, wird häufig vergessen: die Leute auf den Nebensitzen. Eine Polemik von Ralf Sander

Im Kino sitzt der Feind bisweilen gleich nebenan© Keystone

Stille setzt ein. Der Lärm der Werbung ist verklungen. Im Saal verstummen die letzten Gespräche. Der Vorhang öffnet sich, der Film beginnt. Die nächsten Stunden gehören nur ihm. Er wird sein Publikum in seinen Bann ziehen. Vielleicht ganz sanft, mit wunderbaren Dialogen und tiefsinnigen Einblicken ins Menschliche und Zwischenmenschliche. Vielleicht unglaublich gewaltig, mit einer in Flammen stehenden Leinwand und einem Sound, der die Stühle wackeln lässt und von überall und nirgends zu kommen scheint. In jedem Fall sind wir mittendrin, werden hineingezogen in das überlebensgroße Produkt der Traumfabrik.

Das war ein Kinomärchen.

Die Realität sieht anders aus: Obwohl der Vorspann bereits läuft, müssen die vier Halbwüchsigen zwei Reihen weiter vorne unbedingt noch dreimal die Sitze wechseln. Hinten rechts wird die unglaublich witzige Geschichte aus der Kantine zu Ende erzählt, und weil die Filmmusik dabei stört, wird die Stimme in ihrer Lautstärke eben angepasst. Das nach ungefähr sieben Minuten einsetzende und bis zum Abspann andauernde konstante Wackeln des eigenen Sessels wird leider nicht durch die fetten Bässe des Soundsystems verursacht, sondern von dem Rücklehnenkicker eine Reihe weiter hinten.

Obwohl wir uns weder in "Ein Sommermärchen" noch in einem Kickbox-Reißer mit Jean-Claude van Damme befinden! Natürlich werden verschiedene Handys klingeln, und einmal wird tatsächlich jemand im Saal den Anruf auch beantworten: "Hallo? Oh, hi! Ich bin gerade im Kino. Wir gucken..." Pause. Frage an die Begleiterin: "Wie hieß der Film noch mal?" Das sind die Momente, in denen man sich wünscht, der eigene Sitznachbar möge doch genau jetzt mal so richtig laut in seiner Popcorntüte kramen. Dass er es kann, hat er schließlich schon zigfach bewiesen - allein in den letzten zehn Minuten.

Die Hölle sind die anderen

Die anderen im Saal, sie können den Kinoabend genauso versauen wie ein schlechter Film. Für jemanden, der einfach nur das Geschehen auf der Leinwand verfolgen will, ist - dieser Eindruck drängt sich auf - das Frustpotenzial in den letzten Jahren gestiegen. Es lässt sich auch nicht mehr so einfach im Vorhinein bestimmen. Klar, wer sich einen "Werner"-Film anguckt, musste schon in den 90ern mit Bierbächen unter dem Sitz rechnen. Und die großen Blockbuster waren schon immer "Date Movies", die Horden von paarungswilligen Teenagern anlockten, für die der Film nur Nebensache war. Doch damals wurde still geknutscht statt laut gelabert.

"Selbst Schuld. Wer geht schon ins Multiplex?", sagt da jemand aus der Intellektuellenecke? Ja ja, das Arthaus-Kino als Hort der Cineasten. Schön wär's. Es ist inzwischen fast so schlimm wie Mainstreamabspielhäusern. Vielleicht ist der Wortschatz größer, wenn in eine stille Szene hineingequatscht wird. Es riecht nach Bionade und nicht nach Cola, wenn ein Getränk umkippt. "Alder, mach meine Braut nicht an", wird nicht gebrüllt, aber wenn sich Kulturwissenschaftler und Sozialpädagogin um die mittlere Armlehne streiten, kann das schon mal 90 Minuten dauern. Der Rückenlehne ist es außerdem egal, ob sie mit Birkenstocks oder Sneakern getreten wird. Der Nervfaktor ist derselbe.

Warum nur, warum?

Auch wenn man keinem verzwickten Thrillerplot folgen musste, verlässt man an solchen Abenden den Saal voller Rätsel im Kopf: Wer hat diesen Schwätzern bloß den Eindruck vermittelt, ihr Gerede sei es wert, von Fremden gehört zu werden? Was ist aus der alten Kulturtechnik des Flüsterns geworden? Und vor allem: Was wollen diese Leute im Kino? Den Film sehen? Offensichtlich nicht. Oder doch? Betrachten diese Menschen vielleicht den Kinosaal als eine Fortsetzung ihres Wohnzimmers mit größerer Mattscheibe - inklusive Bier holen, Füße hochlegen und mit Mutti telefonieren? Hat das Fernsehen durch seine Entwicklung zum dauerberieselnder Radioersatz auch die Rezeption der Kunstform Film verändert? Vielleicht haben Spielfilme im Laufe der Zeit in den Augen vieler an Wert verloren, weil sie im TV so schlecht behandelt werden. An den Bildrändern kastriert, von Werbung zerhackt, um den Abspann gekürzt. Vielleicht fällt es angesichts dieser schlechten Vorbilder leichter, sich den Mitguckern im Saal und nicht zuletzt dem Filmemacher gegenüber respektlos zu verhalten.

Heißt das also, dass diejenigen, die Filme wirklich mögen, ins Exil - vor den heimischen DVD-Player - flüchten müssen? Das kann doch nicht sein. Für jede Kulturstätte gibt es bewährte Verhaltensregeln. Im Kino heißen die: nach vorne gucken und die Klappe halten. Warum ist das so schwierig? Schließlich würden die ganzen Sesseltreter, Popcornschüttler und Handyanlasser ja auch nicht auf einem Metallica-Konzert "leiser, leiser!" rufen oder in der Oper im Takt mitklatschen.

Obwohl...

Nein, bitte nicht antworten.

Eine Polemik von Ralf Sander
 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
Ceccerie (05.07.2007, 10:01 Uhr)
Häää?
Nörgel, nörgel, nörgel! Also wenn ein Hintermann tritt macht man doch am besten den Mund auf statt sich den ganzen Film über stressen zu lassen... aber ich denke das ist typisch - wenn es nichts zu nörgeln gäbe wär es ja langweilig! In Düsseldorf gibt es sehr wohl Kinos, wo man in Ruhe Filme schauen kann! - wobei die Preise schon etwas extrem sind... es lebe der Kinotag!
wacky (05.07.2007, 04:53 Uhr)
ja, ja, ja und JA
Ich find den Artikel Klasse. Hab selbstverständlich auch schon solche Dummschwätzer und Nervensägen ertragen, wer nicht, trotz Handy-Aus-Vorspann. Aber trotzdem... Kino ist immer wieder was besonderes. Das Licht erlischt, der Vorhang geht auf und der Film beginnnt. Zu Haus hab ich meine Ruhe aber nicht das Feeling. Manchmaal hätt ich schon gern ne Rolle Leukoplast zur Hand oder Rizinus für's Popcorn. Aber wenn dann endlich auch der/ die Letzte gemerkt hat, dass der Film begann und es dann still geworden ist... wow...einfach genial. Darauf könnt ich nie verzichten.
Manuel.Mungenast (04.07.2007, 19:36 Uhr)
Spaß beiseite
Ich denke, dass es nicht dieser Grund war, warum das erste Kinohalbjahr so schlecht ausging. (Auch wenn der Artikel mal wieder gut geschrieben ist!) Es liegt doch eher an den Filmen. Was wurde schon geboten? Na gut, einiges war schon in Ordnung. Aber es kann eben nicht jedes Jahr ein neuer "James Bond" anlaufen, "Indiana Jones" ist ebenso nächstes Jahr wieder dran, und auch "Jurassic Park" lässt noch ein paar Jahre auf sich warten. Dann wird für volle Kinos gesorgt werden, ganz bestimmt. Und die redenden Leute im Kino? Tut mir leid, aber das Problem habe ich dieses Jahr noch nicht erlebt.
js110010 (04.07.2007, 17:45 Uhr)
100% Zustimmung
RICHTIG RICHTIG RICHTIG
Ich gehe ALLE JUBELJAHRE nur noch in der mindestens fünften woche in einen Film, damit der Saal möglichst leer ist. Und dann auch nur Sonntags um 15:00 Uhr.
Abends war ich bestimmt seid 10 Jahren nicht mehr im Kino. Am liebsten wäre ich allein im Saal.
Ich HASSE alles, was mich ablenkt. Frust pur, der schon in banger Erwartung Tage vorher einsetzt. Kein Scherz!
Und ich LIEBE Kino. Die Preise schmerzen mich nicht. Auch wenn die meisten Multiplexe so charmant sind wie eine McDoof-Filiale.
Gott sei dank, kommt man in D nicht so leicht an eine Waffe, sonst hätte ich schon längst einigen Leuten in die Knie geschossen.
Alles Arschlöcher außer ich.
J
julia7712 (04.07.2007, 17:19 Uhr)
generelles gesellschaftsproblem
das im kino laut geredet wird und oft schon dabei erzählt wird was denn gleich in der Handlung als nächsteskommt, weil einige (nicht nur Jugendliche)den Film vorher schon gesehen haben nervt mich schon sehr lange... Wenn man sich beschwert, kriegt man nur ein müdes lächeln der Betreffenden Laberer. Wobei ich zugeben muß, das auch ich manchmal mit meiner Begleitung Kommentare zum Film austausche, aber wir flüstern dabei und krakelen nicht rum. Ich habe den Eindruck, dass das Flüstern an sich, nicht nur im Kino, nicht mehr von den Leuten gebraucht wird, sondern überall laut geredet wird und somit andere nicht respektiert werden, die vielleicht Ruhe wollen. Sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden etc. Mich interessieren in gewissen Situationen die Meinung anderer nicht!! Die Leute sind generell respektloser und anstandsloser geworden, das hat nichts mit dem Kino zu tun und das darf man auch nicht den Kinobetreibern vorhalten.
Was das Essen und trinken betrifft, können diese dem wohl Einhalt geben. Das sie Geschäfte machen wollen, ist mir vollkommen klar, und das man das mit Essen und trinken erreichen kann, auch. Allerdings könnten sie doch vor dem Einlass und nach dem Einlass ihre Theken aufmachen und verkaufen. Und darauf achten und kontrollieren dass keiner mit Speisen und Getränken in die Kinosääle geht. Da wäre schon sehr viel mit getan. Den Leuten, denen es auf den Senkel geht wenn geraschelt, gegessen etc. und dem Kinopersonal selbst, weil sie auch nicht so viel Arbeit mit dem Saubermachen und "entmüllen" hinterher haben.
Abgesehen davon, ist es zwar meiner Meinung nach nett, mal ein Eis zwischendurch beim Film zu essen, aber generell muß man doch sowieso nicht dabei essen und trinken... das kann kann man auch zu Hause vorher oder nachher. Da spart man auch jede Menge Geld (für diejenigen hier die sich über die saftigen Thekenpreise beschweren)...
Ich gehe eigentlich nur noch an günstigen Tagen während der Woche ins Kino, da es absolut unverschämt ist 8.50!!!!! an einem Wochenende für einen Film zu zahlen. Da frag ich mich doch warum immer alle Welt schreibt die Kinos wären pleite???;)
kravo (04.07.2007, 16:20 Uhr)
Das musste mal gesagt werden
Dem kann ich mich nur 100%ig anschließen. Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr ins Kino, weil ich die stinkende Fresserei, das Gelaber und das Umherlaufen (und Nachschub Kaufen) nicht ausstehen kann. Bin mal gespannt, wann die Kinobetreiber das realisieren und die Kinos wieder auf das Maß zurückschrauben, wo sie früher einmal waren: Orte, wo man in Spitzenqualität aktuelle Filme anschaut - und hinterher essen und trinken geht. Ob Trüffel mit Chardonnay oder McD bleibt dann jedem selbst überlassen.
Twipsy (04.07.2007, 15:04 Uhr)
Nicht zu vergessen...
daß die Cineplexe die Anzahl der Logenplätze in letzter Zeit so vergrößert haben, daß man schon gezwungen ist mehr zu bezahlen. Außerdem sind immer exakt so viele Kassen geöffnet, daß man mindestens 10 min anstehen muß!
gkahr78 (04.07.2007, 13:38 Uhr)
genau DAMIT verlieren die Kinos Kunden
100% Treffer!
Besser hätte man meine Versuche ins Kino zu gehen einfach nicht zusammenfassen können. Ich war des letzte Mal in Deutschland bei Herr der Ringe 3 im Kino. Dort habe ich dann all das beschriebene erlebt. Die Handy Klingelei, Quatschen in allen Sprachen, die zugekoksten Sitztreter, Bieröffnerei, und die e Sorte Kinobesucher, die der den Film schon kennt, und immer sagt was gleich passieren wird. - Dazu war der Boden unter mir verklebt, denn es hatte wohl jemand Cola ausgekippt. Das war kein Wald und Wiesen Kino, sondern ein Cinemaxx Multiplex, in dem ich mir einen Logenplatz gegönnt habe.
Kino war immer etwas besonderes für mich und deswegen darf es ruhig etwas mehr kosten. Ein Zoo Besuch in Hannover ist teurer als Kino. - Aber wenn ich mich dann mit quatschenden oder rülpsenden Horden rumschlagen muss, dann ist das zum Kotzen. Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe an erzieherisch tätig zu werden, wo die Familie augenscheinlich versagt hat. Auch will einfach gern an meinen freien Tagen am Wochenende ins Kino; daher entfällt am Nachmittag ins Kino gehen.
Die Kinobetreiber würde an mir etwas verdienen, aber dafür müssten Sie dafür sorgen, dass die Kinos wieder von Menschen bevölkert werden, die sich vernünftig benehmen. Ich teile zwar die Meinung, dass Migranten mit russischem oder türkischem Hintergrund wirkliche Probleme haben sich im Kino angemessen zu benehmen. Meine "deutschen" Landsleute spielen zwar nicht die ganze Zeit mit dem Handy oder sorgen für ein konstantes Gemurmel, aber dafür wird ständig Biernachschub geholt, zu Klo gerannt oder gerülpst. - Das hat gar nichts mit Klischees zu tun. Ähnlich wie das Fahren mit der Straßenbahn spiegelt ein Kinobesuch (zumindest in Hannover), das perfekte Klischee wieder. Wer's life erleben will, dem sei ein 20h Film am Freitag Abend empfohlen.
Den Kinobetreibern bleiben nur zwei Wege. Entweder sie verdoppeln den Preis um die Klischeegruppen abzuschrecken oder sie schaffen Kinolougnes für 5 bis 20 Leute. Dort können dann Gruppen ihr eigenes Kleinkino für Blockbuster oder eine Seriennacht (z.B. 24, prison break, firefly) anmieten.
In der Zwischenzeit treffen wir uns bei Freunden, die einen Beamer zu Hause haben. Dort schaut man sich die Blockbuster oder Serien an und die Snacks liefert dann eben der Bringdienst oder sie werden im Rudel beim Goldenen M gekauft.
Qvinna (04.07.2007, 13:13 Uhr)
Tja...
Sicher alles richtig, was Herr Sander in seinem Artikel schreibt, nur darf man nicht vergessen, dass ein entscheidener Punkt die Wahl des Filmes ist....
So ist es eher unwahrscheinlich, dass man in einem Film wie zum Beispiel "la vie en rose" "Halbwüchsige" findet, die 3mal den Sitz wechseln, irgendwelche Chaoten, die zum 5ten Mal ihr Handy klingeln lassen etc.
Und das Problem der Popcorn-Raschler, ewigen Quatschtanten und Hektikern, die schon während des Abspannes aufstehen, um den Kinosaal zu verlassen, gab es auch früher schon und wird es immer geben.... In diesem Sinne... Kino ist nun Mal nicht das Gleiche, wie wenn ich mich Abends auf meine Couch pflanze... und wenn ich dieses Feeling trotzdem möchte und nichts anderes ertragen kann... Tja, dann muss ich eben warten, bis der Film auf DVD erscheint.... Die Ausleihgebühr wird sicher noch billiger kommen, als der Eintrittspreis für die Kinokarte.
JenFuchs (04.07.2007, 12:20 Uhr)
Kino, aber anders
Ich hatte es auch so satt, für viel zu viel Geld mit meinen Kinoabend zu ruinieren.
Ich gehe nur noch in die Nachmittagsvorstellung, da ist niemand. Ich bin fast immer alleine und so kann ich den Film ohne Stress genießen. Ich muss gestehen etwas Süßes schmuggel ich immer in meiner Tasche rein, weil die Preise an der Theke gar nicht mehr zu bezahlen sind und ich gehe nur zum günstigen Kinotag ins Kino. 5 Euro muss einfach reichen. So läßt es sich leben udn man hat auch noch was vom Tag wenn man um 17 Uhr reingeht. 20 Uhr Vorstellungen gehen mir zu lange mit Werbung und Trailer etc. da bin ich ja selten vor 12 Uhr raus und das geht nicht wenn ich noch den nächsten Tag arbeiten müsste.
Kino ist einfach ätzend geworden, aber schlaue Menschen suchen sich dann halt Alternativen.
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