Die süße Versuchung des Martin Scorsese

9. Februar 2012, 13:05 Uhr

"Taxi Driver"-Regisseur Martin Scorsese hat einen Kinderfilm gedreht. Das 3D-Spektakel über einen Waisenjungen, der dem Kino verfällt, ist die wohl persönlichste Arbeit des Kultregisseurs. Von Sophie Albers

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Waisenjunge Hugo lebt in einem Bahnhof und entdeckt das ganz große Kino©

Bleiben Sie sitzen! Auch wenn der Anfang von "Hugo Cabret" wirklich triefig kitschig und das Bild von Paris ein noch ärgerlicheres Klischee ist als das in Woody Allens "Midnight in Paris". Denn wenn Sie sitzenbleiben, werden Sie mit einem grandios liebevollen, opernhaft-opulenten und filmhistorisch demütigen Film belohnt.

Roger Ebert, der große US-Filmkritiker und Scorsese-Experte sagt, dieser Streifen sei, obwohl so anders als alle anderen seiner Werke, wohl am nächsten dran am Herzen des Regisseurs, der für harte Filme wie "Taxi Driver", "Casino" oder auch "Departed" bekannt ist. Denn in der Geschichte des fragilen Jungen, der dem Kino verfällt, fände sich auch seine eigene.

Der Magier und das Kino

Hugo (große Augen: Asa Butterfield) lebt zwischen den Weltkriegen hinter der großen Uhr eines Pariser Bahnhofs. Er ist Waise und das einzige, was ihm von seinem Vater geblieben ist, ist ein kaputter "Automaton", eine metallene, mechanische Puppe, und die Leidenschaft dafür, Dinge zu reparieren. Hugo kümmert sich um die Uhren im Bahnhof, zieht sie auf, ölt und putzt sie. Am Abend versucht er, mithilfe der Notizen seines Vaters die Puppe zu reparieren. Wenn er am Morgen Hunger hat, stiehlt er ein Croissant aus dem Café und muss aufpassen, dass ihn der Bahnhofsinspektor (Slapstick: Sasha Baron Cohen) nicht erwischt.

Auch in einem kleinen Spielwarenladen lässt Hugo Dinge mitgehen: Schrauben, Federn oder andere Ersatzteile. Bis ihn der Besitzer (beeindruckend: Ben Kingsley) eines Tages erwischt und ihm sein geliebtes Notzbuch wegnimmt. Hugo verzweifelt, denn er weiß noch nicht, dass dieser alte, verbitterte Mann ihm eine große Hilfe sein wird. Wie auch dessen Enkelin Isabelle (große Schwester: Chloe Grace Moretz), mit der sich Hugo anfreundet.

Martin Scorsese war weder Waise, noch lebte er im Paris der 30er-Jahre. Der Filmemacher ist in den 40ern und 50ern in Little Italy in New York aufgewachsen, und war so schwächlich, dass seine besorgte Mutter ihn lieber in der Wohnung behielt. Anstatt herumzutollen, beobachtete er das Treiben auf der Straße, und manchmal nahmen ihn seine Eltern mit ins Kino. Dem er mit Haut und Haaren verfiel.

So geht es auch Hugo, der sich zuerst mit Isabelle in Filmvorführungen schleicht, und dann plötzlich herausfindet, dass der alte, verbitterte Mann Georges Méliès heißt und der Vater des fantastischen Kinos ist. Das ist der Augenblick, in dem Scorsese einen zweiten Vorhang zu öffnen scheint, und die Geschichte des Kinos ins volle mit allen Mitteln Hollywoods ausgestattete Scheinwerferlicht stellt. In wunderbaren Bildern, detaillreich, verspielt und nie langweilig wird "Hugo" zu "Georges", der Geschichte eines unfassbar fantasiebegabten Magiers, der die Filmtechnik der Erfinder Brüder Lumière entdeckte und für seine Zwecke erweiterte. 500 Filme soll Méliès zu Beginn des 20. Jahrhunderts gedreht haben - darunter die berühmte "Reise zum Mond". Einer der traurigsten Filmaugenblicke ist, wenn er fast alle einschmelzen lassen muss, weil nach dem Ersten Weltkrieg Absätze für Damenschuhe aus dem Zelluloid gemacht werden. In diesem Bild liegt der ganze Irrsinn des vergangenen Jahrhunderts, als Kriege und Faschismus Werte und Moral einfach aushebelten.

Scorseses Traum

Doch das bringt Scorsese elegant in dieser Randnotiz unter. Sein Anliegen, das "Hugo" wohl auch die große Sympathie der Oscar-Akademie eingebracht hat (elf Nominierungen), ist das Lebendighalten der Filmgeschichte. Gerade erst betonte der Regisseur in einem Interview mit der "Zeit" "die tiefe Notwendigkeit künstlerischer Kontinuität". Heute sei im Film alles möglich, so Scorsese. "Niemand weiß, wo es langgeht, und jüngere Regisseurgenerationen werden über den Weg des Kinos entscheiden. Das alte Kino des Zelluloids verschwindet, das bewegte Bild verändert sich grundlegend durch neue Techniken. Aber erzählt wird immer noch eine Handlung in bewegten Bildern. Und ich bin ganz sicher, dass eines immer bleiben wird: das tiefe, fast archaische Bedürfnis, mit einer Gruppe von Menschen gemeinsam in einem Raum eine Geschichte erzählt zu bekommen." Das hofft Hollywood auch.

Und dieses Bedürfnis befriedigt Scorsese mit "Hugo" auf wunderbare Art und Weise. Zwar hat der Film nicht den Charme von "The Artist", der sich ebenfalls vor der Filmgeschichte verbeugt. Doch wollte Scorsese eben den größeren Wurf. Und der ist ihm wirklich gelungen.

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