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22. November 2009, 13:06 Uhr

Folterporno gegen Hirnhorror

Nach langem Erfolg geht Horrorfilm-Reihen die Puste aus. "Saw VI" und "Hostel 2" floppen an der Kinokasse. Von dem neuen Trend profitieren Filme wie "Paranormal Activity" - Horror in YouTube-Optik. Von André Weikard

Paranormal Activity, Saw, Horrorfilm, Oren Peli

"Paranormal Activity" ist der erfolgreichste Independent-Film, der je gedreht wurde© Paramount/AP

Was für Laborratten gilt, gilt auch für Kinobesucher. Einen Stoff, der gute Laune macht, muss man in immer höheren Dosen verabreichen, sonst lässt die Wirkung nach. So kann man sich zumindest die Entwicklung im Horrorfilm erklären: mehr Tote, mehr Blut, mehr Fantasie bei den Tötungsarten. Die letzten Genre-Bestmarken setzten Horrorfilme wie "Saw" (2004) und "Hostel" (2006), deren reine Freude am Massaker den Begriff des "Folterpornos" geprägt hat. Und die waren so erfolgreich, dass sie in Serie gingen. Doch scheint selbst der Ekel ein Verfallsdatum zu haben.

"Saw" ist mittlerweile bei Teil sechs angekommen. Teil fünf war im Januar in die Kinos gekommen. Der zynische Psychopath Jigsaw ist zwar mittlerweile tot, das hielt die Macher aber nicht davon ab, weiterhin hilflose Opfer in abstruse Apparaturen zu stecken, die zur Selbstverstümmlung zwingen. In der "Saw"-Reihe werden die Opfer so gradlinig gemetzelt, dass dem Zuschauer keine Zeit bleibt, Sympathien aufzubauen oder sich zu identifizieren. Hier geht es nicht ums Mitleiden, sondern ums Mitfoltern, wenn - ganz aktuell - diesmal Kreditvermittler und Mitarbeiter einer Krankenversicherung für Gewaltfantasien Körperteile und Leben geben müssen.

Ist Ekeln out?

Das ging lange Zeit gut. In Bestzeiten haben die "Saw"-Filme allein in den USA 87 Millionen Dollar eingespielt. Die 50 Millionen wurden immer geknackt. Doch mit "Saw VI" scheint die blutige Glückssträhne vorbei. Gerade mal 26 Millionen brachte der Film ein, weniger als die Vorgänger am Startwochenende.

Ganz ähnlich erging es "Hostel 2". Während der erste Teil dieses ultimativen Folterpornos noch 47 Millionen einspielte - bei einem Budget von knapp fünf Millionen Dollar ein satter Gewinn -, waren es nur noch 18 Millionen Dollar für Teil zwei. Und diesmal hatte die Schlachtplatte zehn Millionen Dollar gekostet. Deshalb wird Teil drei gleich auf DVD erscheinen. Ist Ekeln also out. Hat sich die Kakerlakenfresserei im Dschungel genauso überlebt wie das Folterspektakel im Keller? Läuft möglicherweise der nachrichtliche Horror in Zeiten von Abu Ghuraib und Tod auf U-Bahnhof dem fiktionalen Horror den Rang ab? Die Branche ist gut beraten, neuen Arten nachzuspüren, den Horror zu erzählen. Eine davon hat den Amateurfilm "Paranormal Activity" gerade zur profitabelsten Independentfilm-Produktion aller Zeiten gemacht.

Was man nicht sieht, kostet nichts

Die No-Budget-Produktion, die der Schulabbrecher und Programmierer Oren Peli für ein paar Tausend Dollar im eigenen Schlafzimmer drehte, ist vor allem ein Überraschungserfolg, weil der Film auf den auserzählten Horror verzichtet. Ein nettes Pärchen lebt in einem netten Haus im netten Kalifornien. Weil die Frau meint, von einem Dämon verfolgt zu werden, stellt ihr Freund Kameras auf. Deren verwackelte Bilder und Atmosphäre passen so gar nicht zur präzisen Kameraführung und Gliedmaßenchirurgie der "Saw"-Schocker. Weder Blut noch Gewalt gibt es zu sehen. Dafür Vermutungen, Andeutungen und jede Mange Raum für Spekulationen.

Das Böse bleibt undeutlich, zeigt sich nur in offen stehenden Fenstern, quietschenden Türen und unheimlichen Fußspuren. Der Ekel vor großzügig verteilten Innereien wird durch ein fast wohliges Nachtwanderungsgruseln ersetzt. Angst entsteht bekanntlich im Kopf. Da ist der Fluchtreflex auf verstörende Geräusche im Dunkeln unausrottbar einprogrammiert. Die "Blair Witch Project"-Sprößlinge "Cloverfield", "Open Water" und "Paranormal Activity" wissen das und drücken die richtigen Knöpfe.

Die "Saw"-Reihe soll aber übrigens trotzdem im Jahresrhythmus fortgesetzt werden. "Saw VII" gibt es zudem in 3D.

Von André Weikard
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
tricky_dude (23.11.2009, 17:09 Uhr)
Independent rules!
Es gibt sie also wieder. Leute wie George A. Romero und John Carpenter die mit winzigem Budget tolle, mitreißende Filme machen. Das ist gut so, denn mir hängen die überfrachteten, sterilen Hochglanzproduktionen ohne Herz und Verstand zum Halse raus.
raptor-xl (23.11.2009, 14:11 Uhr)
okkulter religionsersatz...
wenn man an gott nicht glauben kann/will, müssen andere geister her. nach buddha, dalai lama und lavastein geht es nun zum nächsten kapitel über... oder wieder einmal. denn poltergeister und andere sachen gab es früher auch schon mal. der zeitgeist machts möglich...

als ersatzbefriedigung für möchtegernglauber. also los ins kino und für acht euro die gewissheit haben: na, wenn es sowas nicht mal doch gibt...
Tom3 (23.11.2009, 11:34 Uhr)
...dem einen gefällt es,
...wenn er alles sieht und sich das Hirn nichts mehr selber vorstellen kann = Saw...

dem anderen gefällt es besser, wenn weniger gezeigt wird u. das Drehbuch im Kopf weitergeht...= Paranormal Activity

Julian2225 (23.11.2009, 03:49 Uhr)
Naja
Offensichtlich ist der Redakteur ein Para-abnormal Fan. Ich hab mir den Schinken tatsaechlich bis zum Ende angeschaut und kann nur sagen das sogar der total langweilige Blair Witch logischer und auch besser war! Ich verstehe das Ganze nicht, bloss weil ein MiniBudget verbraucht wurde, die Kamera wackelt, der Ton nicht besonders ist und auch die Story von einem Zwoelfjaehrigen stammen koennte macht das einen Film nicht gut. Die Leute sind einfach die 08/15 Hollywoodschinken satt und nennen sich nun independent weil sie Paranormal gesehen haben. Ich wuerde niemandem raten sich das Teil anzusehen, es sei denn man mochte Blair Witch.

Und was Saw angeht, der erste, wohl am wenigsten erfolgreichste Teil der Serie war er beste und einer der intensivsten Filme die ich je sah. Was danach kam...Geldmacherei. Seit Teil 3 schau ich mir das Gemetzel nicht mehr an. Die Jungs die den ersten uebrigens auch mit relativ wenig Geld produzierten haben damals ganz einfach die Franchise verkauft weil sie selbst nichts mehr damit zu tun haben wollen....
facilidad_de_ser (22.11.2009, 17:47 Uhr)
Ich hab...
..Paranormal Activity leider vor dem Schlafengehen geschaut, mein Gott, war das ne Nacht. Bin bei jedem Geräusch wach geworden...
Sowas ist mir vorher noch nie passiert, dem Film muss ich also ein dickes Kompliment aussprechen.
LLive (22.11.2009, 14:42 Uhr)
Grusselig ist für mich nur der Artikel.
Leider wird hier nicht erwähnt, dass über die Saw Filme hinweg eine mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte sich versucht zu offenbaren. Natürlich steht dabei der Profit im Vordergrund und wie bei ziemlich jeder Horrorserie zu sehen ist, lassen die Einnamen stetig nach. Dies hängt einerseits mit dem, sich wiederholenden, "Horror" zusammen aber auch mit der stetigen Konstante. Man kann bei einem Franchise ja schlecht das Produkt austauschen.
Es ist für mich also weniger die Langeweile an der "Gewalt" sondern mehr das Franchise das einen nicht mehr so recht fesseln mag.

Zu Paranormal Activity:
Der Film ist zum einem keine neue Form des Erzählens und auch keine neue Form des Horrors. Es sind einfach alte Bekannte in einer funktionierenden Mischung. Hinzu kommt das für mich 15.000 Dollar nicht gerade nach "no Budget" klingt. ;)

Paranormal Activity und die anderen Beispiele haben zudem zudem recht großzügige Werbekampagnen spendiert bekommen. Ob viral, vorher oder nach Start ist dabei uninteressant, wichtig ist nur das sie erfolgreich waren und das bei einem Minimum an Produktionskosten.
Zusätzlich sollte man wissen wie "erfolgreich" die zweiten Teile von Open Water und Blair Witch wahren. Da war Saw erfolgreicher.^^

Ich freue mich einfach, dass es nach langer Zeit wieder einen guten westlichen Schocker gibt (der allerdings schon ein paar Jahre unter uns weilt).
Logan5 (22.11.2009, 14:38 Uhr)
schwach
Ich finde die modernen Filme alle schwach. Keine neuen Handlungen, es gibt kein Film mehr, der mich noch überrascht, hat man alles schon gesehen. Lediglich die Effekte bis zur Absurdität aufmotzen ist mir unterm Strich zu wenig. Bringt mal wieder was Neues!
fabis_welt (22.11.2009, 13:42 Uhr)
@ganzbaf
Hab den Film komplett am Freitag geguckt, der ist richtig Gut! Guck dir den mal alleine im Kino, danach schlafen ist schwierig.

Also nicht immer Urteile faellen bevor man wirklich was gesehen hat ;)
Motzerator (22.11.2009, 13:42 Uhr)
SAW wurde ausgeschlachtet!
Den ersten teil fand ich noch richtig gut, teil zwei ging auch noch, aber dann war für mich einfach die Luft raus bei dem Thema. Ich weis nicht wie man 6 Filme dieser Reihe drehen kann, das ist eben reine Geldmacherei und der Flop gibt dem Schwachsinn dann den Todesstoß.

Dabei war SAW 1 richtig gut und spannend und vor allem schön grausam. Ich verstehe nciht, wie man gute Ideen so verwursten kann.

Zorro01 (22.11.2009, 13:40 Uhr)
Habe den ganzen Film gesehen...

voll krass, Mann! Ein schöner Schocker. Und die Zuschauerreaktionen waren garantiert nicht gefaked
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