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11. September 2009, 13:43 Uhr

Wer hat Angst vor "Antichrist"?

"Antichrist": Das steht seit den ersten Bildern aus Lars von Triers neuem Film für blutigen Sex und Gewaltorgien im Wald. Soll man sich den Film, der von der Trauerarbeit eines Paares handelt, das sein Kind verloren hat, nun ansehen oder lieber nicht? Ein Erfahrungsbericht. Von Sophie Albers

Antichrist, Lars von Trier, Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe, Dogville, Dancer in the Dark

Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe in Lars von Triers umstrittenem Psycho-Ritt "Antichrist"© MFA Filmdistribution

Kaum ein Film hat je eine solch einschüchternde Voreinordnung erfahren wie "Antichrist". Angefangen von Gerüchten vor der ersten Sichtung beim Filmfest in Cannes, über verschreckte Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellerin bis zu journalistischen Grundsatzdiskussionen, ob die Blut-und-Sperma-Orgie über ein Paar, das sein Kind verliert und in einer Waldhütte Trost und Halt zum Weitermachen sucht, denn nun hohe Kunst sei oder einfach nur egal.

Kurz vor der Weltpremiere im Mai war "Antichrist" der Journalistenschreck an der Croisette. "Der ist echt schlimm", sagte eine PR-Agentin mit verzogenem Gesicht. "Diese Bilder machen was mit dir." Das Kino im eigenen Kopf drehte durch. Schließlich gab es schon Fotos zu sehen: Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe in Blut, Angst und Sperma miteinander verschlungen. "Echt krass", fügte die Agentin hinzu. Und zart besaitete Seelen fingen an zu pfeifen, als wären sie allein im Wald.

Willkommen im Universum von Lars von Trier: Schöpfer von "Antichrist", sechsfacher Palmengewinner, Ex-Dogma-Filmemacher und mit Werken wie "Dogville" und "Dancer in the Dark" einer der anstrengendsten Regisseure der Welt. Er selbst bezeichnet sich allerdings lieber als bester Regisseur der Welt: "Kann Angst die Welt verändern? Ich denke, sie kann."

Höhepunkt der Gewalt

Es wird dunkel im Kinosaal, der Vorhang öffnet sich, und das Publikum scheint die Luft anzuhalten. Plötzlich, wie mit einem tonlosen Donnerschlag, zieht sich über die Leinwand in neongrüner Kritzelschrift der Titel: "Antichrist". Und ... der ganze Saal fängt an zu lachen. Befreit, erleichtert, übergeschnappt. Das war zuviel. "Antichrist" hat jede Bedrohung verloren. Zumindest in diesem Kino. Zumindest für diesen Augenblick. Es sei sein kindlichster Film, hat Lars von Trier gesagt.

Die Bilder des Anfangs sind traumgleich schön, schwebend, in Schwarz-Weiß. Wasser rinnt, Schnee fällt. Die Lacher beruhigen sich, öffnen die Sinne weit für das Erlebnis Kino, weil Regisseur Lars von Trier es so will. Dann kommt der rabiate Sex, der Zusammenbruch, die Flucht in den Wald und ein sprichwörtlicher Hexenkessel voll kruder Bildsprache, verrauschter Farben, verquaster Wendungen der Geschichte sowie ein beeindruckend langanhaltender Höhepunkt der Gewalt. Ein paar Mal hat man zwischendurch noch gelacht: zum Beispiel wenn der verfaulende Fuchs spricht. Ein paar Mal ist einem das Lachen vergangen: zum Beispiel wenn der Charakter von Charlotte Gainsbourg sich in Großaufnahme die Klitoris abschneidet. Wenn "Antichrist" mit einem fertig ist - die andere Richtung ist nur möglich, indem man den Saal verlässt -, ist man wirklich durch. Durch den eigenen Kopf.

Dämonen zu Freunden gemacht

Aber ob man nun lacht oder nicht, "Antichrist" stellt Fragen, öffnet Gedankengänge, von deren Existenz man nichts wusste, nichts wissen wollte oder die man auch schon kannte. Denen kann man folgen oder auch nicht. Es geht um den Kampf der Geschlechter, biologisch bedingtes Missverstehen, um den Massenmord der Inquisition, um Schuld und immer wieder um panische Angst. Um die Angst zu wissen, genauso wie die Angst nicht zu wissen.

Lars von Trier nennt "Antichrist" die Therapie seiner eigenen Depression, die ihn für Jahre gelähmt habe. Deshalb habe er anfangs auch nicht selbst hinter der Kamera gestanden, weil er zu stark zitterte. Es sei der Film seines Lebens, so der dänische Regisseur, in dem er seine Dämonen zu Freunden gemacht habe. Ob man als Zuschauer Therapeut sein möchte, muss jeder für sich selbst klären.

Albträume macht "Antichrist" jedenfalls nicht, weil von Trier allen Dämonen deutliche Gesichter gegeben hat. Das Böse hat ja bekanntlich Namen und Adresse. Nichts wächst im Halbdunkel zur Bedrohung an. Alles wird in voller Größe konfrontiert, um sofort kleingehackt zu werden. Deshalb müssen Sie auch keine Angst haben und können sich "Antichrist" ruhig ansehen. Außer Sie haben etwas Besseres vor.

Von Sophie Albers
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
raptor-xl (14.09.2009, 17:28 Uhr)
überflüssig...
was vor 25 jahren überall verboten, als gewaltverherrlichend, sexistisch, ja pornografisch und jugendgefährdend betrachtet wurde, ist heute hohe kunst.
toll!!! also mehr solcher gruselstreifen, noch mehr schwanzvergleiche und bisse in irgendwelche brüste! sex ist halt schweiss, sekret, urin, kacke und blut. schmiert euch weiter damit zu, ich steige da gerne aus!!!
wenn mir nun einer erzählt, er hätte aus dem film was mitgenommen, was ihn geistig und in sichtweisen bereichert, dann sind die herren mit der weißen weste nicht fern... - sorry, ich war froh, als es endete.
Dewerth (11.09.2009, 16:05 Uhr)
Wie Helmut Schmidt schon sagte:
Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Heißt für mich. Wer Depressionen hat, sollte es ebenfalls. Lars von Trier als anstrengendsten Regisseur zu bezeichnen, hlft mir nicht. Ich mag seine Streifen nicht. Dann lieber anstrengende Regisseure wie Paul von Mannheim, Georg von Düsseldorf und Heinz von Kaiserslautern. Gute Nacht.
MRP66 (11.09.2009, 14:18 Uhr)
Gefährlich für die Seele!
Ich halte den Film gefährlich für die Seele, besonders bei labileren Menschen. Es bleibt nach diesem Film wirklich was hängen, im Kopf und in der Seele. Deswegen halte ich Ihn für gewissermaßen gefährlich. Wer labil ist und zu Depressionen neigt, sollte sich diesen Film nicht antun. LvT sollte wirklich zum Psychater gehen!
RupertM (10.09.2009, 23:48 Uhr)
Hm interessant...
... nach dem ganzen Saw- und Hostelgedöns also noch ein Film für Psychos und Sadisten. Wer Spaß dran hat solls gucken. Ich muss mir nicht anschauen wie eine Frau sich die Klietoris abschneidet...
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